site.php

site_theme_paths.php

 

BildGeschichte 7/2016

Hippiegott und Vaterland

Von Hans Beat Achermann

Heute werden sie als Babyboomer bezeichnet, die 58 Kinder, die hier für den Fotografen K. Huber vom „Photo-Haus z. Pelikan, Luzern" posieren. Damals, Anfang 1954, waren wir einfach Kindergärtler und Kindergärtlerinnen, die mehr oder weniger gerne täglich ins Pfarrhaus an der Spitalstrasse gingen, wo im Souterrain der katholische Kindergarten einquartiert war. Der Name der Kindergärtnerin bleibt unvergessen: Schwester Maria Corona Rotzetter, streng wie der Name. Dagegen blieb kaum eine Erinnerung an das, was wir da vier Stunden lang täglich alles machten. Lego? Gab's noch nicht. Bauklötze? Keine Ahnung mehr. Frühenglisch? Fernsehen? Computerspiele? Alles noch weit weg. Wenn also die Erinnerung ausbleibt, lädt das Foto umso mehr zu Betrachtungen und Beobachtungen aus 62 Jahren Distanz ein. Die Kleider: Erinnern kann ich mich genau an den von Mutter handgestrickten grauen Pullover, und ich vermute, dass alle damals handgestrickte Pullover trugen, viele mit Querstreifen. Die kurzen Hosen wurden von ledernen Hosenträgern gehalten, die Beine bedeckten Kniestrümpfe. Einer trägt eine Krawatte. Sie war vermutlich genau wie meine eigene erste Krawatte mit einem elastischen Gummiband unter dem Kragen fixiert.

Die Gspänli in den beiden obersten Reihen tragen Tracht, obwohl wir ja mitten in der Stadt aufwuchsen, wo höchstens am Muttertag eine Trachtengruppe samt Alphornbläsern und Fahnenschwingern beim Kantonsspital auftauchte. Wer war für das Foto dazu auserwählt, ein Sennechutteli, weisses Hemd und Fliege tragen zu dürfen? War es der Auserwählte, Gottessohn, der mit ausgebreiteten Armen von oben via Schwester Maria Corona die Auswahl traf? Efeuumrankt und goldumrahmt hängt er da, wie ein vorweggenommener Hippie aus dem folgenden Jahrzehnt. Gleich unter Ihm, als irdische Vertretung: Maria Corona. Wo Gott ist, war damals auch das Vaterland nicht weit weg:  Der Fahnenträger hiess Wilfried, ich erinnere mich, auch er offenbar ein Auserwählter, vielleicht weil sein Vater Grabstein-Bildhauer war und er so irgendwie auch noch das Memento mori verkörperte. Tatsächlich hat der Tod einige der damaligen Kinder schon geholt. Die andern beziehen heute AHV, haben vielleicht trotz vorschulischer Indoktrination  den Glauben an Gott und Vaterland verloren oder tragen das Schweizerkreuz noch als Kofferaufkleber auf den Kreuzfahrten.

Wenige Wochen nach dem Fototermin wechselten wir dann die Strassenseite, wurden zu richtigen Schülerinnen und Schülern im St.-Karli-Schulhaus, zu Erstklässlern. Die Buben bei Lehrer Ziswiler, die Mädchen bei Fröili Loppart. Babyboomer wurden wir erst später.

Hans Beat Achermann (1947) arbeitete bis zur Pensionierung als Berufs- und Laufbahnberater. Vorher war er als Lehrer, Korrektor, Lektor und Journalist (LNN, Regionaljournal) tätig. Er ist in der Redaktionskommission der Seite www.luzern60plus.ch und beim Forum Luzer60plus aktiv.

PS: Wen's Wunder nimmt: Auf dem Foto ist Babyboomer Hans Beat Achermann in der dritten Reihe, Sechster von rechts, zu finden.