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Sich einfach mal die Meinung sagen

Von Michael Kuhn

Der stundenlang sorgsam drapierte Kinderspielplatz wird plattgewalzt, Kinder inklusive. Das Imperium des Bösen auf einen Schlag pulverisiert, die Friedensgrenze auseinandergerissen. Zwei Minuten später lachen die Zerstörer versöhnt und fragen den Papa, ob er die Lego-Welten wieder mitaufbauen hilft – vor denen er selbst einen halben Abend lang gekniet hatte und damit seine Kreativität ausleben konnte.

Kinderstreit ist zuweilen heftig. Da werden Fliegenklatschen, flauschige Plüschtiere und alle möglichen Körperteile zum Einsatz gebracht und unfeine Ausdrücke sanft wie ein Schiffshorn in die Räume gebrüllt. Doch die Eruption ist jeweils nur von kurzer Dauer, und Entschuldigungsrituale sind für die Versöhnung keine notwendig.

Wie sehr wünschte ich mir genau dies bei Erwachsenen. Einen kurzen, offenen Schlagabtausch – im oder nicht im Wortsinn -, alles offengelegt, und danach Frieden. Kein Nachtreten, keine Rachepläne, kein jahrelanges Nachbearbeiten. Gut, bei einem solche Vorgehen zwischen den beiden Problemjungs vom Hinterhof, also Donald T. und Kim dem Grossen, wäre diese Form der Konfliktbewältigung einmalig. Für wohl alles Leben auf diesem Planeten. Doch ohne ihre Militärs und Atomköfferchen wäre ein Streit nach Art der Kinder nicht nur spannend, sondern könnte auch den Testosteronspiegel der beiden Jungs, zumindest zeitweilig, auf ein hoffentlich erträgliches Niveau senken. Und es könnte, übertragen auf alle anderen Herrscher, Diktatoren und Möchtegernführer, eine Befriedung auf breiter Ebene zur Folge haben.

Sich einfach mal die Meinung sagen, ungeschönt und direkt, selbstredend ohne den immer notwendigen zwischenmenschlichen Respekt zu ignorieren, wäre heilsam für so manchen Krisenherd. Im Berufsleben, in der Partnerschaft, in der Familie, in der Nachbarschaft und in der Politik gleichermassen. Damit meine ich keineswegs die Schweizer Unart, sich über das Verhalten von Mitmenschen zu enervieren, nichts zu sagen, das anfängliche Kopfschütteln mit der Zeit zu einem alles verzerrenden Wutanfall heranwachsen zu lassen, selbstredend im stillen Reduit, und dann, im fast zielsicher ungeeignetsten Moment, seinem Monsterärger Luft zu verschaffen.

Es geht um die Konfrontation dann, wenn der erste Funken springt. Wie viele unnötige Streitereien über Monate und Jahre, wie viele Fehden und unnötige Verletzungen würden vermieden, wenn jeder und jede sagen würde, was sie denkt. Und das Gegenüber auch. Es würde für mehr sicht- und hörbare Emotionalität, mehr Versöhnung und mehr Verständnis führen. Ganz ohne Mediation, Therapiebesuche und übles Gerede hinter vorgehaltener Hand.

Nichts gegen die hohe Kunst der Diplomatie, das Schlichten zwischen den Zeilen und unendlich geduldiges Zuhören und Ertragen. Doch gewaltfreie Kommunikation und das Zerreden von allem, was uns Menschen ausmacht, mit unseren Trieben, Begierden und Emotionen, funktioniert halt nicht, wenn der Blutdruck durch die Decke jagt.

Jetzt aber fertig mit der Träum- und der Schreiberei. Ich will noch mit Lego den Hort des Friedens und die Zentrale der Krawallbrüder und -schwestern Stein für Stein aufbauen. Fürs friedliche Spielen. Und für allfällige Konfliktbereinigungsprozesse. - 1.2.2018

Zur Person
Michael Kuhn, geboren 1979 im Kanton Aargau, ist seit Januar 2014 stellvertretender Geschäftsführer Corporate Media bei der Zürcher Kommunikationsagentur Swisscontent. Bis Dezember 2010 war Michael Kuhn Mitglied der Chefredaktion, stv. Ressortleiter und Journalist bei verschiedenen On- und Offline-Publikationen, darunter der «Handelszeitung», der «Luzerner Zeitung» sowie «cashdaily». Danach arbeitete er als Projektleiter und Head of Digital Media für Ringier. Er wohnt mit seiner Partnerin und seinen zwei Kindern in der Stadt Luzern.