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Altern

Von Karin Winistörfer

Eigentlich wäre es ja so einfach. Das Portal www.luzern60plus.ch ist auf Personen ab Alter 60 ausgerichtet. Also ist es nicht abwegig, wenn auch die Kolumnen – zumindest ansatzweise – auf diese Gruppe zielen.

In meinem Fall gibt es da zwei Probleme: Erstens bin ich 60- (knapp 20 Jährchen). Und zweitens kann ich deshalb schlecht über die grossen Themen schreiben, welche die Generation 60+ beschäftigen. Obwohl – ich möchte nichts unversucht lassen.

Gut. Dann also los.

AHV und Pensionskasse sind für die Schweizer Senioren …

Die Frage Heimeintritt vs. Spitexbetreuung ist klar so zu beantworten, dass …

Tja.

Ich will dies nicht in die Länge ziehen, die Situation nicht noch peinlicher werden lassen, der Wahrheit ins Auge sehen und klar und deutlich schreiben: Ich breche ab. Beende die Kolumne, und gönne Ihnen die freie Zeit, die Sie dadurch gewinnen, dass Sie nicht lesen, was ich im Folgenden nicht schreiben kann.

Ach, nur kurz dies, apropos freie Zeit: Sie ist bei mir zwar chronisch knapp, zwischendurch aber reicht es für eine Beobachtung im Alltag. Etwa von älteren Paaren. Er giftelt, sitzend an der Bushaltestelle. Sie giftelt, tigert zwischen Sitzbank und Billettautomat hin und her. Als der Bus kommt, steigen die beiden ein. Natürlich giftelnd. Die Vertrautheit ist offensichtlich und das Resultat von jahrzehntelangem Zusammenleben.

Oder, ganz der Kontrast, ein weisshaariges Pärchen. Er schiebt ihren Rollstuhl, hält vor der Ampel an, flüstert ihr zärtlich etwas ins Ohr. Sie lächelt, drückt seine Hand, zieht sie an ihre Wange, küsst sie. Die Vertrautheit, sie ist auch hier offensichtlich und das Resultat von jahrzehntelangem Zusammenleben.

Ein Zusammenleben, das sehr unterschiedliche Formen annimmt. Und manchmal brüsk enden kann. Ein fülliger Rentner sitzt im Restaurant des Spitals, vor sich einen Kaffee, unberührt seit Stunden. Sein Blick geht in die Leere, die Miene ist versteinert. Er wartet auf das Ende der Operation, der alles Entscheidenden. Der Abschied von seiner Frau, am Spitalbett, kurz vor der Narkose – er kann sich nicht mehr erinnern. Bloss die Frage: War es wohl ein Abschied für immer?

Da kommen mir wieder die Bilder in den Sinn, die sich mir als 20-jähriger Praktikantin in einem Altersheim in Biel ins Gedächtnis gebrannt hatten. Das einzige Highlight der Bewohnerinnen und Bewohner war das Essen gewesen. Jedenfalls für jene, welche es nicht-püriert essen konnten. Die ersten Betagten mussten um 18 Uhr ins Bett, wegen der dünnen Personaldecke. Immerhin setzte man sie morgens nicht mehr kollektiv auf den WC-Stuhl, wie ich das einige Jahre zuvor, ebenfalls als Praktikantin, in einem Altersheim im Bieler Seeland erlebt hatte. Und was mir bei diesen Einsätzen ganz besonders bewusst geworden war: Wer das Alters- oder Pflegeheim verlässt, tut das in den allermeisten Fällen nicht aufrecht. Sondern mit den Füssen voraus.

Diese endgültigen Folgen des Alters sind aber nur eine Facette. Eine andere, die mich mindestens so sehr beeindruckt: All die Seniorinnen und Senioren, für welche „Ruhestand“ und „Lebensabend“ Fremdworte sind. Diese Leute sind ständig auf Achse, unterstützen ihre Kinder und hüten die Grosskinder, geben ihre Erfahrung unentgeltlich an junge Berufsleute weiter, unterrichten freiwillig Flüchtlingskinder, schweissen die Nachbarschaft zusammen, bestellen mit viel Liebe und noch viel mehr Arbeit den Garten, gehen in klassische und weniger klassische Konzerte, besuchen Kranke und (wirklich) Alte, tanzen Rock’n’Roll und Tango, mischen die Politik auf (wobei ich da bei manchen auch sehr gut darauf verzichten könnte). Ich frage mich, ehrlich gesagt, wie diese Leute früher Zeit für ihre Erwerbsarbeit fanden.

Aber genug der banalen Alltagsgedanken. Ich will Sie nicht länger davon abhalten, sich mit den wirklich grossen Fragen des Alters zu beschäftigen. Zu diesen kann ich nämlich, Sie ahnen es schon, bloss sagen: …

16. Juli 2015

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.