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Alterspolitik: Was plant der Stadtrat?

Von Marietherese Schwegler

Der Stadtrat verspricht mit der Präsentation von gleich zwei alterspolitischen Berichten, dass er der Alterspolitik einen ihr gebührenden Platz einräumen will. Denn, so Sozialdirektor Martin Merki: „Die Stadt Luzern ist nach Basel und Schaffhausen die drittälteste Stadt der Schweiz.“ Will heissen: Hier leben im Vergleich zu anderen Städten anteilmässig am drittmeisten Menschen über 65. Diese erhalten gegenüber früheren Generationen dank der gestiegenen Lebenserwartung sozusagen 15 Jahre geschenkt, sagt Merki, das wirkliche Alter beginne heute erst mit 80 oder 85.

Und diese aktiven Alten legen erfahrungsgemäss nicht gleich nach der Pensionierung die Hände in den Schoss; viele von ihnen werden Durchstarten zu neuen Aktivitäten. Oft in Form von zivilgesellschaftlicher Mitwirkung, Thema des ersten Berichts, der Evaluation von „Altern in Luzern“.

Selbstbestimmtes Wohnen im Alter: Die Voraussetzungen
Zuerst nun zum zweiten Bericht „Selbstbestimmtes Wohnen im Alter“. Er nimmt ein grosses Anliegen der aktuell ins Alter kommenden Babyboomer-Generation auf: Für diese hat Lebensqualität viel damit zu tun, in den eigenen vier Wänden, und seien sie gemietet, bis ins höhere Alter ein selbständiges Leben zuhause führen zu können. Damit dies für viele möglich ist, müssen mehrere Faktoren stimmen. Der Bericht macht dazu eine Auslegeordnung, beschreibt z.B. die Voraussetzungen, die dieses selbstbestimmte Wohnen – auch bei nachlassenden Kräften – möglich machen: Spontane Nachbarschaftshilfe, vermittelte Freiwilligenarbeit, professionelle Dienstleistungen wie Spitex oder hauswirtschaftliche Unterstützung. Ebenso wichtig sind auch altersgerecht, also hindernisarm gestaltete Wohnungen und Quartiere, eine gute öV-Anbindung und sichere Wege.

Noch 2016 will die Stadt eine „Unabhängige Informations-, Beratungs- und Triagestelle im Alter“ planen und dann rasch realisieren. Dort sollen alle relevanten Informationen zum Thema Wohnen für Interessierte zugänglich werden.

Hilfen zu Hause
Zu den sozialen Dienstleistungen ist einiges angedacht. So will der Stadtrat das Pilotprojekt „Vicino“ weiterentwickeln helfen – ein innovatives Vorhaben mit dem Ziel, Nachbarschaftshilfe in Quartieren anzustossen und zu vernetzen. Die Stadt unterstützt „Vicino“ bereits jetzt finanziell und mit Koordination. Hier könnte sinnvollerweise auch die Quartierarbeit, heute für Kinder und Jugendliche da, eine Rolle übernehmen. Generell soll Freiwilligenarbeit, insbesondere mit generationenübergreifenden Ansätzen, weiterhin gefördert werden (siehe weiter unten).

Mit einer Machbarkeitsstudie wird ferner abgeklärt, ob sich ein Gutscheinsystem für die Finanzierung von nicht-pflegerischen Leistungen (vergleichbar mit den Betreuungsgutscheinen für Kinder) realisieren lässt. Solche Unterstützung trägt dazu bei, dass Betagte nicht in ein Heim müssen, solange sie nicht ausdrücklich pflegebedürftig sind.

Altersgerecht gestaltete Wohnungen: Mangel wie angehen?
Während diverse soziale Unterstützungsleistungen bereits bestehen und neue Projekte in petto sind, werden im Bericht zur „Hardware“, also zu altersgerechten Wohnungen, eher die Herausforderungen betont. Bei Neubauten würden Investoren zwar die Standards von alters- und generationengerechter Bauweise vermehrt übernehmen. Doch: „Der überwiegende Teil des Wohnraums sind aber Bestandeswohnungen, deren Besitzer vor grösseren Investitionen zurückschrecken. Eine wichtige Herausforderung wird es sein, in diesem Bereich effiziente Instrumente zur Förderung des hindernisfreien und generationengerechten Bauens zu entwickeln, die für die öffentliche Hand auch bezahlbar sind.“

Wie will der Stadtrat diese Herausforderungen angehen? „Private Investoren sollen sich an Standards und Empfehlungen im baulichen Bereich orientieren können“, schreibt er. Zunächst will er das “Know-how innerhalb der Verwaltung verbessern und dieses Wissen der Bevölkerung zur Verfügung stellen“. Aber auch im (bestehenden) Quartiermonitoring soll der Blickwinkel geöffnet werden für Fragen zum Selbstbestimmten Wohnen im Alter, damit die Stadt über bessere Datengrundlagen verfügt. Der Stadtrat will überdies die direktionsübergreifende Zusammenarbeit verschiedener Verwaltungsbereiche zu diesem Thema verstärken; genannt wird, neben der Sozialdirektion, v.a. die Baudirektion mit der Stadt- und Quartierentwicklung.

Das Miteinander von Jung und Alt
Der zweite vorgelegte Bericht ist eine Evaluation des zeitlich befristeten vierjährigen Projekts „Altern in Luzern“, das im März 2016 abgeschlossen wurde (Persönlichen Bilanz des Projektleiters Beat Bühlmann). Es hat vor allem gezeigt, wie tatkräftig die Pensionierten sind. Rund 150 Freiwillige haben an zahlreichen Quartierprojekten mitgewirkt. Zum Beispiel am Generationenpark Hirtenhof, den eine generationengemischte Gruppe auf die Beine gestellt hat – ein Platz mit Outdoor-Fitnessgeräten und Tischtennistisch, die Jung und Alt motivieren, in Bewegung zu bleiben. Oder das „Erzählcafé“ im St. Anton, wo sich die ältere Generation zum Geschichtenaustausch trifft; das Projekt „Querbeet“ im Wäsmeli, das Kinder, erwachsene und ältere Menschen zum gemeinsamen Gärtnern verführt; die Littauer Quartierforscher, die QuartierbewohnerInnen zu ihren Anliegen rund um Wohnen, Mobilität und Gemeinschaft befragt haben. Auch kulturelle Aktivitäten sind entstanden; so wurde im Wäsmeli eine alte rote Telefonkabine aufgestellt und ist jetzt ein Bücherschrank für alle.

Solches Engagement der älteren Bevölkerung, z.B. Nachbarschaftshilfe, geschieht oft spontan. Mit einem Mindestmass an professioneller Förderung kann aber die Mitwirkung der Generation 60plus verstärkt zum Zug kommen – was letztlich ein Gewinn für die ganze Bevölkerung ist. Im Projekt „Altern in Luzern“ war der Leiter eine Art Animator, der zu den Menschen in den Quartieren ging, Anstösse gab, Quartierbegehungen anregte. Daraus entstanden diverse Projekte, einige wurden zum Selbstläufer, lösten neue Ideen und Folgeprojekte aus, neue Menschen wirken mit. An diese positive Erfahrung will der Stadtrat anknüpfen und mit der Fachstelle Altersfragen die Mitwirkung der Generation 60plus weiterhin fördern (Interview mit der Fachstellenleiterin Bettina Hübscher). Dazu gehört zum Beispiel der „Marktplatz 60plus“ – eine jährlich stattfindende Plattform mit Organisationen für Freiwilligenarbeit; sie wird von Mitgliedern das Forums Luzern 60plus organisiert.

Die vorliegenden Berichte haben eher die jüngeren, noch aktiven Alten im Fokus. Im Herbst dieses Jahres soll ein Planungsbericht zur Pflegeversorgung folgen. – 9. April 2016

B+A 5/2016; Evaluation „Altern in Luzern“ 

B+A 6/2016; "Selbstbestimmtes Wohnen im Alter"

Stellungnahme des Forums Luzern 60plus
Das Forum Luzern 60plus wurde vom Stadtrat eingeladen, zum Bericht und Antrag 6/2016 „Selbstbestimmtes Wohnen im Alter“ Stellung zu nehmen. Auszug aus dem B+A, Kap. 5, S. 49-51; Text der Stellungnahme:

Das Forum Luzern 60plus hat 2013 seine Positionen zum Selbstbestimmten Wohnen im Alter (kurz SWiA) schriftlich festgelegt und seither weiterentwickelt. Gestützt darauf nimmt das Forum zum vorliegenden B+A wie folgt Stellung:

A) Allgemeine Einschätzung des B+A

Als „aktuelle Bestandesaufnahme“ (S. 3) ist der B+A thematisch grundsätzlich breit und umfassend. Der ganzheitliche Ansatz, die fachliche Analyse und die Benennung aktueller Herausforderungen sind wertvoll. Während zum Thema ambulante Dienstleistungen konkrete Projekte skizziert werden (Vicino Luzern, Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen), ist weniger ersichtlich, wie die Optimierung von Wohnraum und Quartiergestaltung angegangen werden soll.

Im Kapitel 3 werden „Schwerpunkte“ zum Entwicklungsbedarf formuliert – explizit keine konkreten Massnahmen. Dieser Verzicht auf verbindliche Umsetzungsschritte wird vom Forum bedauert. Er wird begründet mit vertieftem Abklärungsbedarf. Dort, wo ein solcher besteht, ist er zu begrüssen; der B+A beschreibt jedoch unseres Erachtens mehrere Handlungsfelder ausreichend konkret, dass der Stadtrat dazu umgehend verbindliche Massnahmen vorschlagen kann, die SWiA ohne Aufschub voranbringen.

B) Grundsätzliche Aspekte zu Selbstbestimmtem Wohnen im Alter, SWiA

Das Forum skizziert hier die wichtigsten grundsätzlichen Aspekte, die bei der weiteren Bearbeitung des Themas SWiA zu beachten sind:

Dringlichkeit: Die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt ins Alter; mehr geeignete Wohnungen müssen bald zur Verfügung stehen (siehe statistische Angaben). Der Stadtrat soll deshalb eine aktive Rolle einnehmen, um bauliche und soziale Voraussetzungen für SWiA offensiv zu gestalten.

Wohnungsbestand: Deshalb ist die Entwicklung des Wohnungsbestands und bestehender Siedlungen in Richtung hindernisarm und alters- bzw. generationengerecht das Gebot der Stunde und stärker zu fördern, wenn auch ohne Perfektionsanspruch. Mit entsprechenden Standards nur für Neubauten ist das Ziel keinesfalls rechtzeitig zu erreichen.

Private Immobilienbesitzer: Genossenschaftswohnungen und städtische Immobilien, die im B+A mehrfach erwähnt werden, machen nur einen geringen Anteil des Wohnungsangebots aus. Der weitaus grösste Anteil ist in Privatbesitz. Deshalb muss der Stadtrat Wege finden, private Immobilienbesitzer und -verwaltungen einzubeziehen. Mit Information, Beratung, Anreizen, Kooperationen sind Private aktiv für die Förderung von SWiA zu motivieren.

Ganzheitliche Sicht und direktionsübergreifender Auftrag: Für SWiA müssen mehrere Faktoren zusammenspielen, wie der B+A aufzeigt: Hindernisarme Wohnungen und Wohnumgebung, nahe Versorgungsstrukturen, Nachbarschaftshilfe, freiwillige und professionelle Dienstleistungen, kontaktfördernde Quartiergestaltung, Mobilität (öV-Anbindung, Langsamverkehr) und Sicherheit. Das bedingt, dass der Stadtrat SWiA konsequent direktionsübergreifend als Querschnittthema bearbeitet.

Vielfalt: Die Generation 60+ ist eine äusserst heterogene Gruppe: Von aktiven, gesunden jüngeren Pensionierten bis zu hochbetagten, in der Mobilität leicht bis deutlich eingeschränkten Menschen; von finanziell sehr gut gestellten bis EL-berechtigten Menschen; Paar- und Einpersonenhaushalte usw. Dieser Vielfalt soll das Wohnungsangebot entsprechen; vielfältig bezüglich Wohnungsgrösse, Ausstattung, Preis. Insbesondere muss der grosse Anteil an Einpersonenhaushalten berücksichtigt werden.

Generationendurchmischtes Wohnen: Die Babyboomer-Generation favorisiert auch im Alter generationengemischtes Wohnen, wie es heute im ganz normalen Mehrfamilienhaus die Regel ist. Dies ist gleichzeitig der gegenseitigen Unterstützung förderlich. Hindernisarme Wohnsituationen sind ein Vorteil für Familien mit Kindern wie für mobilitätseingeschränkte Betagte. Der Mietermix ist gezielt zu fördern.

Förderung von SWiA als Investition verstehen: Wohnen mit sozialen Kontakten, Nachbarschaftshilfe und bedarfsgerechten Dienstleistungen hilft, sowohl die Autonomie wie auch die Gesundheit älterer Menschen länger aufrechtzuerhalten. Jedes Jahr im Pflegeheim, das so vermieden wird, entspricht nicht nur dem ausgewiesenen Bedürfnis der älteren Generation, sondern spart auch Kosten. SWiA liegt also im Interesse der ganzen Bevölkerung.

C) Schwerpunkte im Einzelnen; Hinweise zur Umsetzung

S1: Standards und Empfehlungen im baulichen Bereich
Bei Neubauten ist Hindernisfreiheit die Regel. Vor allem bei Umbauten bestehender Wohnungen sind Standards zur Optimierung in Richtung hindernisfrei (und generationengerecht) sinnvoll, ohne aber Perfektion zu fordern. Zu prüfen sind Anreize zur Förderung von SWiA.

S2: Weiterentwicklung Quartiermonitoring
Auch als Instrument zum Aufbau eines Inventars der Wohnliegenschaften: Eigentümer, Baujahr, Anzahl Wohnungen, Zustand, Mietermix, Sanierungsbedarf, Wohnumfeld usw. Ein solches Inventar dient als wichtige Grundlage für bedarfsgerechte Siedlungs- und Quartierentwicklungen.

S3: Stärkung direktionsübergreifende Zusammenarbeit
Die direktionsübergreifende Zusammenarbeit ist zwingend. Stadtrat und -verwaltung legen SWiA verbindlich als Querschnittthema fest und schaffen die notwendigen Strukturen. Thematisch sind Bau, Stadt- und Quartierentwicklung, Soziales, Sicherheit und Mobilität zu beteiligen.

S4: Förderung von Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit
Sind wichtige Pfeiler für SWiA. Formen der Wertschätzung von Freiwilligenarbeit, z.B. Angebote zur Fortbildung und Begleitung, sind zu prüfen.

S5: Unabhängige Informations-, Beratungs- und Triagestelle im Alter
Wichtig. Das Angebot soll nach Zielpublikum und Themen differenziert werden:
› Für Menschen mit konkrete Anliegen zum Wohnen und damit zusammenhängenden Angeboten.
› Für Wohnraumanbieter: Sensibilisierung, kompetente Information und Beratung zu SWiA.

S6: Ausbau Informationen Webseite der Stadt Luzern
Keine Bemerkungen.

S7: Machbarkeitsstudie Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen
Volle Zustimmung zum Vorschlag und geplanten Vorgehen.

S8: Weiterentwicklung Strategie Alterssiedlungen der Stadt Luzern
Mit der neuen Strategie soll auch eine Mehrgenerationennutzung möglich sein, wobei die Nachbarschaftshilfe gezielt gefördert und gefordert wird. Reine Alterssiedlungen werden vermehrt mit dem Quartierleben vernetzt.

S9: Weiterentwicklung „Vicino Luzern“
Beispielhaftes Projekt. Bisher sind vor allem gemeinnützige Investoren in der Interessengemeinschaft vertreten. Private Wohneigentümer sind mit ins Boot zu nehmen.

S10: Überprüfung der Rolle der Quartierarbeit im Bereich Alter
Ist unbedingt umzusetzen. Wichtige Ziele: Soziale Kontakte stärken, Anonymität entgegenwirken, Begegnungen fördern.

S11: Überprüfung AHIZ-Reglement und -Verordnung
Keine Bemerkungen. „