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Bambis Karriere

Manchmal ist das Triviale tiefgründiger als sein Ruf. Daran musste ich denken, als ich von einem Gerichtsurteil über einen Wilderer im US-Staat Missouri las. Der Richter nutzte den Spielraum und verurteilte den Wiederholungstäter, dem eine stattliche Anzahl von Hirschen zum Opfer fiel, nicht nur zu einem Jahr Gefängnis: er muss zudem jeden Monat „Bambi“, den Film von Walt Disney aus dem Jahr 1942, anschauen. Das nenn ich mitfühlende Rechtsprechung.

Von Meinrad Buholzer

Ich habe an Bambi nur bruchstückhafte Erinnerungen. Der stolze Vater, der „König des Waldes“, die von Jägern erschossene Mutter und eben das Waisenkind Bambi. Doch hat dieser Film, der weltweit zu den erfolgreichsten zählt, tiefe Spuren hinterlassen. In einem neuen Buch über „Hirsche“ gesteht der Autor, der Jurist und Förster Wilhelm Bode, dass ihm trotz des scheinbaren Happy Ends die Tränen hinunter liefen, als er 1954 mit sieben Jahren den Film sah. „Bambi“ avancierte damals in Deutschland zum „pädagogisch wertvollen Schulfilm“; in seinem Heimatort wurde die gesamte Volksschule ins Kino aufgeboten. Der Film habe im kriegszerstörten Deutschland Filmgeschichte geschrieben, so Bode, „weil er die herzzerreissende Geschichte eines herrschaftlichen Waisenkindes erzählt, dessen Mutter aus heiterem Himmel zu Tode kommt“. Die Geschichte einer heilen Welt, die zusammenbreche, trotz allem aber weitergehe und Hoffnung auf bessere Zeiten mache. Für den Erfolg in Deutschland sorgte auch der 1948 initiierte Filmpreis in Form eines possierlichen Rehs, der noch heute den Namen Bambi trägt.

Aber Bode schürft tiefer. In Deutschland waren die Reviere während des „Endsieges“ und danach leergeschossen. Darum habe es des Wiederaufbaus nicht nur der Städte, sondern auch der Wildbestände bedurft. „Da kam der der populäre Bambi-Film, zeitgleich zur Wiederbewaffnung der Weidmänner 1947, gerade recht.“ Der Schutz von und die Sorge um das Jungwild, repräsentiert durch Bambi, sei zur Ikone systematischer Schalenwildhege geworden – „also zu schonen, um später zu schiessen“. Anders als in Amerika, wo die Jägerschaft fürchtete, als gemeine, boshafte Zerstörer von Wildbeständen dazustehen.

Bambi ist auch schuld, dass viele Europäer Hirsch und Reh als Männchen und Weibchen derselben Tierart betrachten („Bambi-Irrtum“). Bambi ist ein junger Hirsch, in Amerika gibt es keine Rehe; in der deutschen Synchronisation ist jedoch von Rehen die Rede.

Filmemacher aber könnten vom Bambi-Film auch hoch etwas lernen. Offenbar herrscht der Glaube, man müsse Gewalt möglichst explizit und drastisch darstellen, bis ins Detail, mit möglichst viel Blut, atemlos und mit pausenlosem Geknalle. Ich vermute, das ist kontraproduktiv. Permanente Action führt zur Übersättigung. Statt uns zum Denken anzuregen, lässt sie uns keine Zeit dazu. Im Disney-Film wird die Erschiessung von Mutter Hirsch nicht gezeigt. Es bleibt bei Andeutungen, die aber keinen Zweifel lassen. Man hört einen Schuss und die Spuren der Mutter im Schnee. – Das erinnert an den Regisseur Billy Wilder. Auf die Frage, wie man Schmerz und Trauer am besten darstelle, meinte er: Mit dem Rücken einer Mutter, die erfährt, dass ihr Sohn tödlich verunglückt ist.

PS: Und das alles nur wegen eines Richters in Missouri! Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich eine Kolumne über Bambi schreiben werde, hätte ich ihm geantwortet: Spinnst Du? 

11. Januar 2019

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.

Sein neues Buch - "Always a Pleasure - Begegnungen mit Cecil Taylor" - ist dem verstorbenen Free-Jazz-Pionier und Pianisten gewidmet.