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Beschwerdestelle für ältere Menschen und ihr soziales Umfeld

Von Marietherese Schwegler

„Alt werden ist eine Zumutung“ – Mit dieser sarkastischen Feststellung, die Loriot zugeschrieben wird, muss man nicht einverstanden sein. Realistisch gesehen, wird das Leben im Alter doch für manche Menschen beschwerlich. Sie sind zunehmend auf Unterstützung, Hilfe und Betreuung von Angehörigen, Bekannten oder Fachpersonen angewiesen – sei es zu Hause oder in einem Heim.

Bei Konflikten rechtzeitig Klärung suchen

Mehrheitlich sind solche Beziehungen zwar oft anspruchsvoll, aber doch zufriedenstellend für alle Beteiligten. Aber es kann auch schwierig werden: Abhängigkeit, schwer zu erfüllende Erwartungen von der einen oder anderen Seite, Überforderung von Betreuenden kann zu Konflikten führen zwischen Betagten und Angehörigen, Nachbarn, Fachpersonen von ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen usw. Manchmal kann es gar zu körperlicher oder psychischer Gewalt kommen.

Konflikte und Gewalt, zumal wenn alte Menschen involviert sind, sind noch zu oft ein Tabuthema. Deshalb ist es für Betroffene nicht einfach, zu solchen Problemen zu stehen. Oder sie wissen nicht, von wem sie Hilfe erhalten könnten, wenn sie sich ausgenützt oder vernachlässigt fühlen. Doch für solche Situationen gibt es in der Deutschschweiz seit 20 Jahren die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, UBA. Sie führt heute eine zentrale telefonische Anlaufstelle, die niederschwellig zu kontaktieren ist. In der Zentralschweiz (und in weiteren Regionen) nimmt sich dann eine Fachkommission (FaKo) der Anliegen an, die ihr von der Anlaufstelle übermittelt werden.

Eine breite Palette von Alltagsproblemen

Jules Frey ist seit anderthalb Jahren Mitglied und seit rund einem halben Jahr Vorsitzender dieser FaKo Zentralschweiz. Der langjährige, heute pensionierte Heimleiter, diplomierte Sozialpädagoge und Sozialarbeiter lenkt das Augenmerk auf die Vielfalt der Themen und Probleme, die er und seine KollegInnen der 13-köpfigen FaKo bearbeiten.

„Je älter der Mensch wird, desto mehr Konflikte kann der Alltag bringen. Die Bewegungsfreiheit wird geringer, ältere Paare leben oft sehr nahe aufeinander, die Kinder sind weg. Dazu kommen körperliche Erschwernisse, manchmal Alkohol oder Meinungsverschiedenheiten über Finanzen. Und wenn von einem Paar ein Teil an Demenz erkrankt, ist der Partner oder die Partnerin fast Tag und Nacht gefordert“, erklärt Jules Frey einige Schwierigkeiten, die das Alter mit sich bringen kann. Da sei die Überforderung von beteiligten Personen in vielen Situationen schon angelegt – bei Familienangehörigen untereinander, aber auch gegenüber Behörden oder Institutionen.

Ein offenes Ohr

In solchen Fällen kann die FaKo Unterstützung bieten. Zur Illustration nennt Jules Frey das Beispiel der Ehefrau, deren Mann an Alzheimer erkrankt war. Die Frau fühlte sich verpflichtet, für ihren Mann zu sorgen, war dabei aber total unglücklich, und sie hatte kaum Freunde. Im Gespräch zeigte sich, dass sie schon zahlreiche Beratungs- und Fachstellen kontaktiert hatte – doch keine war für sie die richtige. Nach langem wagte sie ihr eigentliches Anliegen anzusprechen: Sie möchte sich von ihrem Mann trennen, konnte aber die Entscheidung nicht fällen. Dass der Berater der UBA ihr diese Entscheidung nicht abnehmen konnte, akzeptierte sie. Dass er aber für ihren Trennungswunsch Verständnis zeigte statt Ablehnung, war für die Frau eine Erleichterung. Sie bedankte sich herzlich für das offene Ohr. – Manchmal sind eben Zuhören und ein ausführliches Gespräch schon eine Hilfe.

Nicht nur Private, auch Verantwortliche und Mitarbeitende von Heimen oder anderen Institutionen können sich an die FaKo wenden. Wie dies eine Heimleiterin tat, die gegenüber der oft forsch auftretenden Besucherin einer Heimbewohnerin ein Besuchsverbot hatte aussprechen lassen – nachdem sich die Besucherin mehrfach gegenüber ihrer angeblichen Bekannten wie auch dem Heimpersonal auf inakzeptable Art verhalten hatte. Weil sie gegen das Hausverbot eine Beschwerde machte, bat die Heimleiterin um Beurteilung durch eine unabhängige Fachperson der UBA. Der Experte analysierte die Geschichte und das Vorgehen der Heimleiterin, führte Gespräche mit allen Beteiligten. Und kam zum Schluss, dass das Besuchsverbot auch im Sinne der Bewohnerin war und zu Recht ausgesprochen wurde.

Manchmal führen die Gespräche mit Ratsuchenden und anderen Involvierten zu klaren Verbesserungen, gelegentlich lässt sich aber keine Lösung finden. Das kann etwa dann der Fall sein, wenn Menschen mit psychischen Problemen Erwartungen an die UBA haben, die nicht erfüllbar sind. Oder gegen die Interessen von andern Beteiligten, zum Beispiel Kindern oder geschiedenen Ehepartner verstossen. „Wir treffen gelegentlich Menschen mit einer schwierigen Persönlichkeit und mit Konflikten, wo beide Parteien Aspekte von ‚Täter‘ und ‚Opfer‘ aufweisen“, berichtet Jules Frey. Er ist sich im Klaren darüber, dass die Möglichkeiten der FaKo begrenzt sind. Dennoch: „Allein schon ihre Anliegen einer wohlwollend zuhörenden Person zu schildern, tut vielen Betroffenen gut“, sagt er. „Auch wenn wir nicht für alles eine Lösung finden, können wir doch die Konflikte aus neutraler Sicht analysieren und Stressmomente abfedern. Wir leihen allen ein offenes Ohr und können Mut machen.“

Kampagne gegen Gewalt im Alter

Auch mit solch kleinen Hilfestellungen trägt die UBA zur Prävention von Gewalt bei: Selbst Gespräche, die scheinbar keine Problemlösung bringen, können beruhigen und so eine spätere Zuspitzung von Konfliktsituationen zu expliziter Gewalt abwenden. Gewalt im Alter ist übrigens das Thema der aktuellen UBA-Kampagne „Bevor aus Liebe Hass wird“. Hinschauen und Hilfe suchen lautet die Botschaft.

Wie ist die UBA organisiert?

Die UBA deckt die ganze deutsche Schweiz ab; Schwesterorganisation für die Romandie ist „alter ego“. Die regionalen FaKo und die zentrale telefonische Anlaufstelle sowie die Geschäftsstelle finden sich unter dem Dach eines Vereins, in dessen Vorstand u.a. SRK, Curaviva, Pro Senectute, Spitex und Alzheimervereinigungen vertreten sind. Finanzielle Beiträge leisten Kantone, Gemeinden und Kirchgemeinden sowie das SRK und Curaviva, aber auch Stiftungen und weitere Organisationen.

Die zentrale Anlaufstelle nimmt alle Anrufe entgegen und leitet die Beschwerden und Fragen, je nach Herkunft der Anrufenden, den zuständigen FaKo zu. Diese setzen sich zusammen aus – meist pensionierten – Fachpersonen mit unterschiedlichen Kompetenzen. Die 13 Mitglieder der Zentralschweizer FaKo bringen (Führungs-)Erfahrung und Fachkompetenzen u.a. aus folgenden Bereichen mit: Heimleitung, Sozialarbeit, Coaching, Mediation, Medizin, Recht, Pflege, Gerontologie, Erwachsenenschutz, Hauswirtschaft. Die Anfragen werden je nach Thema von Mitgliedern mit der gefragten Fachkompetenzen bearbeitet und regelmässig im Team reflektiert. Die FaKo arbeitet nach Richtlinien der Geschäftsstelle, ist aber eigenverantwortlich. 51 Anfragen hat die Zentralschweizer FaKo im Jahr 2016 abgeschlossen.
17. Juli 2017

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