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Schein oder Sein?

Von Marietherese Schwegler

Ganz fachgerecht kann ich meine Kostümierung als militantes Mädchen – und damit ist die Titelfrage schon beantwortet – nicht erläutern. Denn damals, in den 1950er-Jahren, waren Frauen im Militär noch kein Thema und erst recht war ein Mädchen wie ich entsprechend unwissend. Dass das Outfit indes nach Schweizer Armee aussieht, ist offensichtlich. Auch den Karabiner werden ältere Semester erkennen, denn solche Waffen standen ja in jedem Kleiderschrank seriöser Schweizer Väter.

Dann wird’s schwieriger: Wie hiess der feldgrüne Mantel, dessen Design heute glatt als modische Avantgarde durchgehen könnte, schon wieder? Richtig, er ist nicht kaputt, er heisst Kaputt, klärt Google auf. Das um den Bauch geschnallte Leder-Doppeltäschchen war sicher nicht fürs Handy gedacht. Waren da etwa Schiesspatronen drin? Oh Schreck! Und das keck schräg aufgesetzte Käppi hatte offiziell wohl eine ernsthaftere Bezeichnung.

Aber das sind Fragen von heute. Ganz anderer Art sind die Erinnerungen, die das Bild aus der Kindheit bei mir auslöst. Ich war nämlich damals ganz stolz, dass mein Lieblingsonkel Hans, bei dessen Familie ich so manche Sommerferienwoche in Oberwil bei Zug verbrachte, mich sein Armeezeugs anziehen liess. Und mich als militantes, scheu lächelndes Kind damit fotografierte. Keinesfalls fühlte ich mich in dieser Aufmachung von ihm auf den Arm genommen. Ich glaube aber, er hat sich schelmisch gefreut, das Gewand und die dahinter stehende Organisation – nein, nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, aber doch mit reichlich Ironie vorzuführen. Mein Onkel war meines Wissens kein Ranghöherer im Militär, nur ein gewöhnlicher Soldat (oder besagt der Winkel am Ärmel etwas anderes?), sonst hätte er sowas sicher nicht getan.

Und jetzt noch zu einer pädagogischen Frage, die das Bild aufwirft: Ein Kind mit Karabiner, darf man das? Ich weiss nicht, wie damals die Lehre geurteilt hätte. Aus heutiger Sicht frage ich mich hingegen, ob nicht genau diese Szene wesentlich dazu beigetragen hat, dass ich Jahrzehnte später zur GSoA-Anhängerin wurde. – Nicht nur deswegen behalte ich meinen Onkel, der als Fotograf leider nicht mit im Bild ist, bis heute in bester Erinnerung.

Marietherese Schwegler, *1945, war Sozialarbeiterin, später Redaktorin beim Tages Anzeiger und Informationsbeauftragte bei der Stadt Zürich. Ab 1997 arbeitete sie freiberuflich als Kommunikationsberaterin, insbesondere für Politik, öffentliche Verwaltungen und Non Profit-Organisationen.