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Wohin mit „gebrauchten“ Büchern?

Judith Stamm, Luzern

Gebrauchte Bücher gehören ins Bücherbrocki. Man kann sie aber auch anders in Umlauf bringen.
Vor kurzem habe ich erstmals ein Buch mit Blick auf das „Preis Leistungsverhältnis“ gekauft. Ich fand das Angebot von Fr. 17.90 für über 700 Seiten  attraktiv! Und trug den Schmöker zufrieden nachhause. In meinem Hinterkopf hatte ich eine vage Erinnerung. So vor zwei oder drei Jahren hatte dieses Buch Aufsehen erregt! War überall besprochen worden! Der junge Autor war auf Grund dieses Werkes in alle Himmel gelobt worden! Sogar in den Literaturclub hatte er es geschafft!
So umfangreichen Erzeugnissen gegenüber bin ich immer skeptisch. Aber bei diesem Preis konnte ja nichts schiefgehen. Es ging dann auch nichts schief. Das Buch war spannend, Gesellschafts- und Kriminalroman in einem. Gegen Ende überschlugen sich die Geschehnisse, immer neue Verdächtige kamen ins Spiel und wurden wieder fallen gelassen. Aber das Buch konnte ich nicht fallen lassen. Unbedingt wollte ich wissen, wie es ausging. Uff, schliesslich war es geschafft!
Aber jetzt kam eine neue Frage. Behalten wollte ich das Buch nicht. So bedeutsam war es dann doch wieder nicht. Bei mir zuhause steht zwar eine grosse Tasche für „gebrauchte“ Bücher. Sie ist halbvoll und steht mir immer im Weg. Gelegentlich sollte sie dann noch den Weg ins Bücherbrocki finden. Umständlich!
Und hier kam nun eine geniale Idee ins Spiel. Seit Jahren gehe ich am Mittwochmorgen auf acht Uhr ins Café „Papillon“ zu meinem „Mittwochmorgenstamm“! Bei Kaffee und Gipfeli tauschen wir Neuigkeiten aus, verabreden uns für Kinobesuche und fragen nach, wenn jemand längere Zeit nicht mehr erscheint. „Wir“ sind eine gute Handvoll älterer Frauen und ein zur Gruppe passender Herr!
Wir sitzen gemütlich in einer Ecke des Lokals und hinter unserem Rücken gibt es ein schmales Bord. Darauf stehen gelegentlich Dekorationen. Aber oft herrscht da gähnende Leere. Plötzlich war der Geistesblitz da: auf dieses Bord stellen wir unsere Bücher! Diejenigen, die wir gerne weitergeben wollen! Wir sind alle engagierte Leseratten! Wir kaufen Bücher wie andere modische Schuhe, ausgesuchte Weine oder ein neu lanciertes Parfum! Und wir möchten unsere Schätze mit anderen teilen, unsere Bücher in Umlauf geben. Nicht alle, viele behalten wir, nehmen sie immer  wieder in die Hand. Aber mit zunehmendem Alter wollen wir unsere Büchergestelle doch lieber entlasten als erweitern!
So haben wir den Betreiber des Cafés um Erlaubnis gefragt, unsere Bücher aufs Bord in unserem Rücken gestellt und ein Plakätchen daneben platziert.  Darauf steht unzweideutig, dass die Bücher zum Lesen, zum Mitnehmen, zum Behalten oder Weitergeben bestimmt sind. Sie können auch zurückgebracht werden. Und das gilt für alle Gäste des „Papillon“. Alle dürfen sich in „unserer Ecke“ bedienen. „Es klappt“ sagte mir kürzlich unser Wirt. „Ihre Bücher werden gelesen und mitgenommen“.
Ich stelle das auch selbst fest. Schon von weitem sehe ich, welche Bücher weg sind und welche seit Beginn des Unternehmens immer noch dastehen. Da machen wir natürlich unsere „Studien über Leseattraktivität“ und liefern immer wieder Nachschub.
Wohin mit „gebrauchten“ Büchern? Das bringt kein Kopfzerbrechen mehr. Unters Volk gehören sie! Auf welchen Wegen auch immer!

16. September 2015

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.