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"Wir brauchen die verbindliche Nachbarschaftshilfe von Jung und Alt"

Mit Christoph Graf* sprach Beat Bühlmann

Der Förderverein Generationenwohnen-Bern will Bauträger, Wirtschaft, Behörden und die Öffentlichkeit für das gemeinsame Wohnen von Jung und Alt sensibilisieren. Seit der Gründung im März 2016 präsidiert Christoph Graf den Verein.

Wie sieht deine persönliche Wohnsituation heute aus? Wohnen mehrere Generationen zusammen?
Überhaupt nicht, das ist Zukunftsmusik! Wir wohnen in einem Einfamilienhaus, das für uns viel zu gross ist. Wir sind jedoch Gründungsmitglieder einer gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft und hoffen, dereinst mit unterschiedlichen Generationen zusammen wohnen zu können.

Was bringt es denn, wenn mehrere Generationen miteinander wohnen?
Es ist eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, das Generationenwohnen zu fördern. Aufgrund der längeren Lebenserwartung wächst die Zeitspanne, die Grosseltern, Eltern und Kindern zusammen verbringen. Gleichzeitig leben immer mehr ältere Personen allein in ihren Wohnungen und vereinsamen. Wir brauchen deshalb Siedlungen, wo Jung und Alt gemeinsam leben, zu verbindlicher Nachbarschaftshilfe bereit sind und gegenseitige Unterstützung möglich ist. So können die Alten zum Beispiel zu den Kindern schauen oder die Jungen für die Alten die Einkäufe besorgen.

Was versprichst du dir persönlich davon, mit jüngeren Personen in der gleichen Siedlung zu wohnen?
Es würde sich bestimmt für mich persönlich und meine Frau lohnen, wenn die Kontakte zwischen den Generationen ein wenig institutionalisiert und nicht dem Zufall überlassen blieben. Wenn man sich im Alltag begegnet, kann man einander auch helfen - oder zusammen mit jungen Leuten innovative Ideen aushecken und umsetzen.

Haben denn die Generationen in früheren Zeiten eher zusammen gefunden?
Ich denke schon. In der bäuerlichen Gesellschaft, gerade im Kanton Bern, war das Zusammenleben der Generationen selbstverständlicher. Wir kennen ja das Modell mit dem "Stöckli"...

... und das war nicht immer konfliktfrei...
Überhaupt nicht. Auch beim heutigen Generationenwohnen sind Konflikte unvermeidlich; die Alten wünschen sich vielleicht mehr Ruhe, die Jungen mehr Betrieb. Doch wir müssen lernen, mit solchen Konflikten umzugehen. In der städtischen Anonymität, wo viele in Einzelhaushalten leben, wächst die Gefahr der Vereinzelung und der Vereinsamung. Das kann uns gesellschaftspolitisch teuer zu stehen kommen.

Der Förderverein Generationenwohnen-Bern will die "gesteuerte altersmässige und soziale Durchmischung" fördern. Wie kann das geschehen?
Es gibt inzwischen zahlreiche Modelle, von denen wir lernen könnten. Die Stadt Wien etwa übt beim Generationenwohnen eine absolute Vorreiterrolle aus. Aber auch in der Schweiz haben die Giesserei in Winterthur oder in die Kalkbreite in Zürich neue Wege eingeschlagen. Was sich zeigt: Es braucht so etwas wie einen Siedlungsassistenten, vielleicht einen soziokulturellen Animator, der das Zusammenleben moderiert. Es braucht unterschiedliche Wohntypen für Familien, Singles, ältere Personen und vermutlich auch Vermietungsreglemente, die den Anteil der Altersgruppen im groben Rahmen vorgibt.

Soziokulturelle Animation, um die Nachbarschaftshilfe erleichtern?
Das wäre sinnvoll. Dieser Siedlungsassistent würde gemeinschaftliche Anlässe vorbereiten, bei Problemen zur Hand gehen oder die Freiwilligenarbeit koordinieren; in der Giesserei haben die Bewohner pro Monat drei Stunden Freiwilligenarbeit zugunsten der Wohngemeinschaft zu leisten.

Wollen Junge und Alte denn überhaupt zusammen wohnen?
Das ist eine berechtigte Frage. Mit Zwang funktioniert das sicher nicht. Entscheidend ist, bereits bei der Planung die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Generationen zu berücksichtigen. Da die gemeinnützigen Baugenossenschaften basisdemokratisch organisiert sind, ist es durchaus möglich, diesen spannenden Prozess in Gang zu setzen.

Mir fällt auf, dass es vorwiegend die ältere Generation ist, die vom intergenerativen Wohnen redet. Bringt es vor allem uns Alten Vorteile?
Nein. Ich bin überzeugt, dass auch die jüngere Generation davon profitiert. Die Pensionierten haben mehr Zeit, können sich um die Jungen oder den gemeinsamen Garten kümmern und so die erwerbstätigen Eltern entlasten.

Was kann der Förderverein für das Generationenwohnen tun?
Wir sehen drei Hauptstossrichtungen: Erstens wollen wir Öffentlichkeit, Bauträgerschaft, Wirtschaft und Behörden für unser Anliegen sensibilisieren. Zweitens wollen wir Initiativgruppen beraten und Pilotprojekte im Raum Bern fördern und somit das Generationenwohnen konkretisieren. Und drittens wollen wir eine Wissensbasis erarbeiten, indem wir uns über andere Projekte kundig machen und uns zu einem Kompetenzzentrum für die Region Bern entwickeln. Dank der Anschubfinanzierung durch den Verein (?) "Kirchliche Liebesstätigkeit" und die Projektbeiträge von Innovage Schweiz konnten wir Studienaufträge und Fachexkursionen ermöglichen.

Wie viele Mitglieder zählt der Förderverein inzwischen?
Wir sind erst eine kleine Vorhut mit etwa 40 Mitgliedern, dazu gehören auch Wohnbaugenossenschaften wie der Regionalverband Bern-Solothurn. Die Vernetzung ist für uns ohnehin ein zentrales Anliegen und wird, neben der Öffentlichkeitsarbeit, ein Schwerpunkt unserer künftigen Tätigkeit sein. - 16. Februar 2017
www.generationenwohnen-bern.ch

* Dr. Christoph Graf, 73, ist Historiker und Archivar. Von 1990 bis 2004 war er Direktor des Schweizerischen Bundesarchivs. Er ist Mitglied im Rat der Seniorinnen und Senioren der Stadt Bern und engagiert sich bei Innovage Bern-Solothurn. Seit einem Jahr präsidiert er den Förderverein Generationenwohnen-Bern.