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"Die Städte fühlen sich allein gelassen"

"Wir wollen einen eigenen Akzent setzen zur Demenz", sagte Netzwerk-Präsident Simon Stocker. Die Städte möchten bei der Umsetzung der nationalen Demenzstrategie nicht abwarten, sondern eigenständig und mit konkreten Ideen aktiv werden.

Text:Beat Bühlmann    Bild: Joseph Schmidiger

In der Schweiz erkranken jedes Jahr etwa 28 000 Personen an Demenz. In einer Kultur, welche die Autonomie stark gewichtet, ist die Diagnose Demenz für viele das persönliche Schreckenszenario im Alter. Der fortschreitende Verlust der kognitiven Fähigkeiten, die zunehmende Orientierungslosigkeit und die Hilfsbedürftigkeit im Alltag machen Angst. Doch Verwirrtheit und Abhängigkeit sind untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden, wie der Facharzt Jean-Luc Moreau-Majer vom Demenzzentrum Oberried bei Belp an der Tagung zu bedenken gab.

"Kognitive Rampen" anbieten
Eine neue Sichtweise betrachte die Demenz vorwiegend als Behinderung, auch wenn die krankhafte Ursache nicht geleugnet werden könne. Eine Behinderung, so folgert der Facharzt, fordere die Gesellschaft auf, die Betroffenen bei der Teilhabe zu unterstützen. "So wie wir für gehbehinderte Personen physische Rampen bauen, müssen wir den Menschen mit Demenz kognitive Rampen anbieten", sagte Moreau.

Denn Menschen mit Demenz hätten grundsätzlich die gleichen Bedürfnisse wie die Gesunden. Sie möchten sich in Sicherheit wiegen können, sie möchten Anerkennung für das, was sie tun - und sie möchten angenommen werden, wie sie sind. "Die Personen mit Demenz bleiben empfindsam." Deshalb müssten wir die Umgebung so gestalten und so handeln, dass sich die Personen mit Demenz sicher, geschätzt und angenommen fühlen - und ein gutes Leben führen könnten. "Denn auch sie können trotz Demenz "gesund und glücklich sein".  

Auch mit Demenz eingebunden sein
Doch was bedeutet das für Städte und Gemeinden? Wie können Menschen mit Demenz in die Gesellschaft eingebunden werden? Wie kann ihnen soziale Teilhabe und Normalität ermöglicht werden? Damit Demenz nicht weiterhin zur Ausgrenzung im sozialen und kulturellen Leben führe, müssten neue "Ermöglichungsstrukturen" für die Teilhabe geschaffen werden, forderte Stefanie Becker, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Demenz ist alles andere als ein Minderheitenthema, denn jede zehnte Person ist in der Schweiz davon betroffen: die 120 000 Menschen, die an Demenz erkrankt sind und zur Hälfte zu Hause leben, 360 000 direkt betroffene und oft überforderte Angehörige sowie 300 000 andere Betroffene wie Ärzte sowie Spitex- und Pflegepersonal.

Doch was ist unter solchen "Ermöglichungsstrukturen" zu verstehen? Und wie könnten sie geschaffen werden? Den Gemeinden und insbesondere auch den städtischen Quartieren komme bei der Umsetzung der demenzfreundlichen Gesellschaft (siehe Box 1) eine zentrale Rolle zu, unterstrich Stefanie Becker ihr Anliegen. Hier könnten Begegnungen von Menschen mit und ohne Demenz stattfinden. Hier könnte die nachbarschaftliche und alltagspraktische Hilfe verbessert werden. Gemeinsame Projekte, etwa Stadtrundgänge oder Theater- und Museumsbesuche, seien inspirierend und könnten Tabus und Barrieren abbauen. "Vor allem braucht es mehr Wissen über die Demenz", sagte Stefanie Becker, "sonst kann das Verständnis nicht wachsen." Nötig sind also:

- Sensibilisierungskampagnen zum Thema Demenz, zum Krankheitsbild und zum Umgang mit Menschen mit Demenz;
- Schulungen für Zielgruppen, die im Alltag mit Demenzkranken zu tun haben, etwa Polizisten, Coiffeusen, Augenoptiker, Verkäuferinnen und Kioskfrauen;
- Anlaufstellen für Angehörigen und die ganze Bevölkerung, wo man sich Hilfe in seiner Umgebung holen kann und über Entlastungsangebote informiert wird.  

Eine ernüchternde Zwischenbilanz
Eigentlich müsste die Nationale Demenzstrategie, die 2014 angestossen wurde und bis 2017 läuft, neues Wissen zur Demenz in den vier Handlungsfeldern zusammentragen und konkrete Umsetzungsschritte daraus ableiten (siehe Box 2). Doch die Zwischenbilanz fällt nach fast drei Jahren ernüchternd aus, wie Silvia Marti, Projektleiterin der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) an der Tagung einräumen musste. Einige der insgesamt 18 Projekte stehen erst am Anfang oder wurden noch gar nicht gestartet. Viele Fragen, etwa der Kostenverteilung zwischen Krankenversicheren und der Spitex, sind strittig. Finanzielle Ressourcen fehlen, in vielen Kantonen ist kaum eine konkrete Umsetzungsstrategie zu erkennen. "Die Städte fühlen sich allein gelassen", konstatierte der Schaffhauser Stadtrat Simon Stocker, Präsident des Netzwerks altersfreundliche Städte.

Deshalb will das Netzwerk, eine Kommission des Schweizerischen Städteverbandes, nicht länger auf die Kantone warten, sondern einen "eigenen Akzent zum Thema Demenz setzen", wie Stocker sagte. Doch welche konkreten Massnahmen sind denn überhaupt wirksam, um die Demenzstrategie auf kommunaler Ebene zum Tragen zu bringen? In drei Workshops trugen die Teilnehmenden aus 16 Städten ihre konkreten Erfahrungen zusammen, um voneinander zu lernen. Die Erkenntnisse kurz zusammengefasst:

- Von der nationalen Demenzstrategie ist vielerorts noch nicht viel zu spüren. Neue Altersleitbilder, die das Thema Demenz bewusst berücksichtigen, sind erst am Entstehen. Erwähnenswert ist ein Pilotprojekt in Grabs SG; unter dem Titel "Demenz geht uns alle an" hat die Gemeinde 2015 eine Veranstaltungsreihe über Demenz gestartet.

- Ein zentrales Anliegen ist die Bestandesaufnahme und Wissensvermittlung. So hat Frauenfeld einen Fragebogen an die Bevölkerung verteilt sowie pflegende Angehörige und Direktbetroffene interviewt, um ihre Bedürfnisse kennenzulernen. Geplant sind - auch andernorts - Sensibilisierungskampagnen auf lokaler Ebene.

- Extrem hilfreich sind städtische oder kommunale Anlaufstellen, die über die Demenz informieren und pflegende Angehörigen auf Entlastungsangebote hinweisen. So hat Rapperswil-Jona eine Drehscheibe eingerichtet.

- Soziale und kulturelle Teilhabe erhöhen die Lebensqualität der Menschen mit Demenz. Für solche Projekte kommt der Quartierarbeit als Andockstelle eine besondere Bedeutung zu, wie das Beispiel Genf zeigt. Allerdings muss sich die Quartierarbeit, die allzu stark auf die Jugend fokussiert ist, weiterentwickeln und für die ältere Bevölkerung zugänglich sein, wie das in Luzern vorgesehen ist.

- Menschen mit Demenz sind nicht nur Wählerinnen und Wähler, sie sind auch Touristen. Die Obwaldner Pilotgemeinde Engelberg will bewusst Ferien für junge Menschen mit Demenz anbieten (mit und ohne Begleitung).

Was Demenzpolitik "von unten" im Alltag bedeutet und welche konkreten Massnahmen die Lebensqualität der Direktbetroffenen stärken, weiss auch das Schweizer Netzwerk altersfreundlicher Städte noch nicht präzis zu benennen. Fakt ist jedoch, dass es quartiernahe und konkrete Ideen und Projekte geben soll. Das Thema "demenzfreundiche Stadt" bleibt also auf der Traktandenliste, wie Präsident Simon Stocker, bekräftigte, und soll weiter verfolgt werden - an der nächsten Tagung vom 23. Januar 2017.    

Dem «Schweizer Netzwerk altersfreundlicher Städte», am 19. November 2012 gegründet, gehören inzwischen 15 Städte an, neu auch Genf und Thun.  Das Netzwerk ist eine Kommission des Schweizerischen Städteverbands. Die Kommission fördert die Verbreitung des WHO-Konzepts für altersfreundliche Städte. Dazu gehören die altersfreundliche Ausgestaltung des städtischen Lebensraums sowie die Information und Integration der älteren Bevölkerung in den Schweizer Städten. Sie trägt zur Verbreitung eines positiven Altersbildes bei.
Mehr Informationen unter www.altersfreundlich.net

Was ist eine demenzfreundliche Gesellschaft?

"Eine demenzfreundliche Gemeinde ist ein Ort, wo Menschen mit Demenz verstanden, respektiert und unterstützt werden und wo sie Teil des gesellschaftlichen Lebens sind. In einer demenzfreundlichen Gesellschaft wissen die Leute über Demenz Bescheid, sie haben Verständnis und die Menschen fühlen sich miteinbezogen und integriert. Sie haben die Wahl und die Kontrolle über ihr tägliches Leben."

Building dementia friendly communities: A priority for everyone, Alzheimer's Society 2013 (Schottland)

 

Nationale Demenzstrategie 2014-2017

Die "Nationale Demenzstrategie 2014-2017" umfasst vier Handlungsfelder, neun Ziele und 18 Projekte. Die vier Handlungsfelder sind: Gesundheitskompetenz, Information und Partizipation; bedarfsgerechte Angebote; Qualität und Fachkompetenz; Daten und Wissensvermittlung. Die Nationale Demenzstrategie soll sowohl ein besseres Verständnis der Demenzerkrankungen als auch die Akzeptanz der Betroffenen in der Gesellschaft fördern. "Dadurch können Hemmschwellen und Stigmatisierung vermindert und ein offener Umgang mit den an Demenz erkrankten Menschen erleichtert werden", heisst es in den übergeordneten Zielsetzungen. Die Demenzstrategie hat den Anspruch, "dass alle Menschen mit einer Demenzerkrankung in allen Krankheitsphasen Zugang zu qualitativ hochstehenden, niederschwelligen und kontinuierlichen Angeboten einer integrierten psychosozialen, medizinischen und pflegerischen Versorgung haben".