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Die Wölfe – unsere Nachbarn

Von Judith Stamm

Da war  im Frühling ein Bild in einer Zeitung, das meine Aufmerksamkeit fesselte. Kurz danach ein ähnliches in einer Zeitschrift. Beides Frontalansichten von Wölfen, von eindrücklichen, schönen Tieren. Die Bilder dienten als Illustration zur Diskussion über den Umgang mit den Wölfen, die in die Schweiz einwandern wollen.

Wochen später fiel mein Blick in der Buchhandlung auf ein Fotobuch: „Der Wolf“, mit Bildern von Monty Sloan und Text von Shaun Ellis. Ich kaufte es und suchte nach den beiden Namen im Internet. Monty Sloan, ursprünglich Geograf, arbeitet seit 1988 als Wildtierbetreuer, Ausbildner, Fotograf und Forscher in einem Wolf-Park in den USA. Seine Bilder sind faszinierend, ich konnte mich kaum von ihnen lösen.  Auch Shaun Ellis arbeitete immer wieder mit Wildtieren und lebte längere Zeit in den Rocky Mountains, USA, mit einem Rudel wilder Wölfe zusammen. Seine Lebensgeschichte und seine Erfahrungen mit dem Wolfsrudel hat er in einem weiteren Buch beschrieben: „Der mit den Wölfen lebt“, das 2012 als Goldmann-Taschenbuch erschienen ist. Wer Romantik in der Wildnis erwartet, ist fehl am Platze. Dieses Leben war rau, führte den Autor an die Grenzen seiner seelischen und körperlichen Belastbarkeit und darüber hinaus. Aber er wollte das Leben der Wölfe aus nächster Nähe kennen lernen. Und  aus seinem Text spricht ein abgrundtiefer Respekt vor den Geschöpfen der Natur.

Ich fand es reizvoll, mir zu überlegen, was ich denn überhaupt über Wölfe weiss. Jedenfalls sehr wenig über deren Lebenswirklichkeit. Umso mehr sind mir Geschichten über den Wolf seit meiner Kindheit präsent. Dazu haben die Brüder Grimm beigetragen mit dem „Rotkäppchen“, dem „Wolf und den sieben Geisslein“. Und wie ich da so im Inhaltsverzeichnis meines vergilbten Märchenbuches blättere, stosse ich auf einen Titel, der mir völlig unbekannt ist: „Der Wolf und der Fuchs“. Eine Erzählung vom listigen Fuchs und vom nimmersatten Wolf, die bös endet für den Wolf! Ja, diese „Moral von der Geschicht“ hatte sich mir offensichtlich nicht eingeprägt.

Und da waren doch  noch Romulus und Remus aus der Antike. Sie wurden als neugeborene Zwillinge in einem Weidekorb in den Tiber geworfen, damit sie dem herrschenden König, ihrem Verwandten, nicht eines Tages gefährlich werden könnten. Aber der Korb mit den beiden Knaben blieb an einem Baum am Flussufer hängen. Eine Wölfin hörte sie weinen, nahm sie in ihre Höhle, säugte sie und rettete ihnen so das Leben.

Und wenn wir schon in Italien sind, darf die Legende vom Wolf von Gubbio nicht vergessen werden. Der Wolf versetzte die Bürger der Stadt in Angst und Schrecken, weil er sich rücksichtslos seine Nahrung verschaffte. Franziskus von Assisi trat ihm entgegen, heute würden wir sagen „auf Augenhöhe“. Und der Wolf liess sich auf die Begegnung ein. Franziskus konfrontierte ihn mit seinen Untaten, klärte die gegenseitigen Bedürfnisse und unterbreitete den Bürgern von Gubbio und dem Wolf einen Lösungsvorschlag. Die Bürger sollten dem Wolf immer genügend Nahrung bereitstellen, der Wolf würde auf weitere Angriffe verzichten. So geschah es dann auch. Und als der Wolf nach Jahren an Altersschwäche starb, waren die Bürger der Stadt Gubbio traurig. „Bruder Wolf“ hatte Franziskus das verschrieene Raubtier genannt!

Vor kurzem holte mich der Wolf wieder ein. Der Film „Schellen-Ursli“ von Xavier Koller läuft seit einigen Tagen in allen Kinos. Der Regisseur hat eine Geschichte mit einem Wolf eingeflochten, die im ursprünglichen Text nicht vorkommt. Uorsin, wie er im Film genannt wird, füttert den hungrigen Wolf. Und später im Film........, aber davon verrate ich jetzt gar nichts. Die Darstellung dieser Beziehung zwischen Uorsin und dem Wolf ist im Film märchenhaft, fast wie in Grimms Märchen. Aber es ist ein positives Zusammentreffen!

Und vielleicht könnte diese Episode im „Schellen-Ursli“ zum Anlass werden, uns vertieft mit dem „Bruder Wolf“, der in die Schweiz einwandern will, zu befassen. Vielleicht könnten auch wir die gegenseitigen Bedürfnisse klären und zu Lösungen kommen, die beiden Seiten, den Menschen und den Wölfen, gerecht werden!
8. November 2015

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.