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Der Flaneur ist unterwegs (3)

Begegnung mit Sprachpolizist  B.G.

 Von Karl Bühlmann

Seit ein paar Monaten trifft der Flaneur in der Bibliothek häufig seinen einstigen Mitschüler B.G. an. Seltsam,  B. hat sich nie um Literatur gekümmert, ging ncht ins Theater, war einzig an Technik, der Darstellenden Geometrie und, als Sohn eines Postenchefs bei der Kapo, an der Aufdeckung von Fehlern interessiert. Nanu, denkt der Flaneur, B. will nachholen, was er im Leben an musischen Sinnenfreuden verpasst hat. Wie er ihn nächstes Mal erneut am kleinen Lesetisch der Bibliothek trifft, wo er nervös ein Buch durchblättert, den Blick diagonal über die Seiten schweifen lässt, spricht er ihn an. Erstaunt bemerkt er, dass sein Altersgenosse  tatsächlich einen Band von Pippi Langstrumpf durchpflügt.

Bruno, altes Haus, was beschäftigt Dich mit Siebzig an der Rotzgöre und Punk-Avantgardistin Pippilotta Viktualia Rollgardina, Pfefferminze Efraimstochter Langstrumpf? Schreibst Du ein Buch über frühen Feminismus in der Kinderliteratur?

Ich und schreiben?  Dazu habe ich kein Talent, 300 Seiten oder mehr, Gott bewahre, Du weisst doch, wie ich bei Professor Tschitschi in der Kanti jeweils meinen schlechten Aufsatz zum Gaudi von Euch Gutschreibern vorlesen musste. Nein, im Alter schlägt mein Vater-Gen  durch, ich mache Sprachpolizei, durchforste die Bücher nach rassistischen und sexistischen Textstellen und notiere alles im Rapport. Ich prüfe gerade nach, ob in der Bibliothek alte oder schon gesäuberte Versionen der Pippi vorrätig sind. Weisst Du, dass Astrid Lindgren mehrmals „Neger“ schrieb und Pippis Vater als „Negerkönig“ betitelte? Seit dem Tod der Autorin sind diese Stellen umgeschrieben, jetzt heisst er „Südseekönig“!

Unlängst habe ich in Erfahrung gebracht, dass, wer das N-Wort nutzt, mit einer Strafe rechnen muss. Der Fall wurde publik, weil jemand seinen Schatz, übrigens jamaikanischer Herkunft, mit dem Kosenamen „Niggi“ bedacht hat. Wie viel schlimmer ist der Fall mit meinem weissen Bekannten Niklaus St. in Sarnen, der von allen „Niggi“ genannt wird und seine Mails auch so unterschreibt?

Frau Alma Wiecken von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus hat die Latten gesetzt und erklärt, es liege eine Verletzung der Rassismus-Strafnorm vor, wenn die Bezeichnung ausgesprochen wurde, „um eine andere Person in ihrer Menschenwürde herabzusetzen, egal ob ob schwarz oder weiss“. Weil der Niggi von Sarnen kein N  ist, doch immerhin von gewisser Bekanntheit, könnte bedeutungsvoll werden, was Frau Wiecken auch sagte: „Es kann durch solche Aussagen von prominenten Personen durchaus zu einer Normalisierung der belastenden Begriffen kommen.“

Mein Gott, Bruno, ist ja gut und recht, aber warum kümmerst  Du Dich um die Langstrumpf-Zeit von 1945, wo die heute umstrittenen Worte doch anders konnotiert waren?  Wo ist der Respekt vor dem Kunstwerk und seiner Zeit der Entstehung? Es genügt, wenn in den aktuellen Auflagen oder in den Hörbüchern auf die neuen gesellschaftlichen Bewertungen hingewiesen wird. Auch Kinder sollten mit der Kulturgeschichte und mit den Umwertungen mittels konkret erleb- oder lesbaren Beispielen vertraut gemacht werden. Warum  schaust Du nicht den lokalen Metzgern und Beizen auf die Finger?  Ich habe kürzlich in einem Inserat von „Zigeunerschnitzel“ und  „Zerhackter Indianer“ gelesen, in einer Beiz, wo sich Kreti und Pleti treffen muss, um zur Szene zu gehören. Unter den Desserts habe ich dort auch „Versoffene Jumpfern“ gefunden. 

Ich vermute, Du als katholischer Geniesser vom Land konsumierst solche Angebote ohne Gewissensbisse und hast diabolische Freude, wenn Du  die andern am Tisch, die rücksichtsvollen Gutmenschen,  damit ärgern kannst.

Meine spöttische Haltung wird sich ändern, sobald die „Buurebratwurst“ von den Speisekarten verschwunden ist. Ich wuchs auf dem Bauernhof auf und habe  etwas dagegen, dass der Bauernstand und meine genealogische Herkunft verwurstet werden. „Du bisch e Brotworscht“ ist ein rassistischer Anschnauzer. Warum regt sich keine Kommission darüber auf? Stattdessen wird „Mohrenkopf“ auf den Index gesetzt. Ich wäre nicht überrascht, wenn in ein paar Jahren ein Verbot des Mohrenkopfs in der Bundesverfassung steht, so wie jahrzehntelang das Verbot von Absinth und Jesuiten.

Mein lieber Flaneur, Du stehst in einer verbiesterten reaktionären Ecke. Dein Gewitzel über die globale Me too-Bewegung habe ich gelesen, weil ich auch Ü-60 bin und die 60-Plus-Homepage konsultiere – sehr empfehlenswert übriges. Habe mich gewundert, dass Du die Diskussion um Übergriffigkeit lächerlich machst.

Bruno, ich bitte Dich, bleib bei den Fakten, aber ich weiss, im Alter überliest man bisweilen ein paar Zeilen oder das, was sich dazwischen versteckt. Ich kritisierte, dass die Grenze zwischen Anzüglichkeit und Kompliment heute eine Kampfzone ist, weshalb eine neue Spezies von Rechtsanwälten sich bald die Hände reiben wird. Dabei genügt doch, sich hinter die Ohren zu schreiben,  was Ovid vor 2000 Jahren seinen männlichen Zuhörern auf den Weg gab: „Nicht jede Frau, welche das Feuer anbläst, will kochen.“ Bruno, überlege Dir das mal über Ostern!

27.02.2018

Zur Person:
Karl Bühlmann (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der Luzerner Neuesten Nachrichten, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.