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In der Kürze liegt die Würze 

Von Judith Stamm 

Bei meinen Freunden aus den USA habe ich den Eindruck, für jede Situation, für jede Lebenslage stehe ihnen eine passende Redenwendung zur Verfügung, einer Notfallapotheke ähnlich. 

Da ich diese Ausdrücke sammelte, schenkten sie mir ein Buch mit dem Titel: „Slanguage“, erklärt als „America`s Second Language“. Und nun versuche ich für 2019, mit Hilfe dieser Sammlung eine sprachliche Überlebenshilfe zusammen zu stellen: to whom it may concern! Wobei ich in der Zwischenzeit zweifle, ob ich diese Formulierung wirklich benützen soll? Es gibt schliesslich nur eine Person in der Welt, die unterschiedslos alle ansprechen darf: „urbi et orbi“. Und das ist der Papst!

Mein Buch erklärt nicht nur die Herkunft der Redensarten. Diese können älter als die Bücher der Bibel sein. Es ist auch reichhaltig illustriert und hilft so einem hinterher hinkenden Verständnis auf die Sprünge.
Wenn auf einem Bild ein Hund auf dem anderen steht und der oberste triumphierend um sich blickt, ist der Ausdruck „Top Dog“ hinreichend erklärt. Und hat wenig mit dem bei uns bekannten „Unterhund“ zu tun.
Welche Bonmots haben die Zeiten überlebt? Welche treffen wir mit einem ähnlichen Kern auch in unserer Sprache an?
Sofort berührt fühlte ich mich natürlich von der Mahnung, nicht „über vergossene Milch zu weinen“ (Crying over Spilt Milk). In unserem Land, in dem Milchwirtschaft eine wichtige Rolle spielt, sollte diese Formulierung weit verbreitet sein. Fehlanzeige! Frankreich kennt „la vache qui rit“. Wobei kein Mensch weiss, was sie zu lachen hat? Man hat sie ja von ihrem neu geborenen Kalb getrennt!
Im Zusammenhang mit dem Hut finde ich den Ausdruck „Hard-Hat“. Dieser leite sich von der Sicherheitsvorschrift für Arbeiter ab, die Metallhelme tragen müssen. Und bedeute ganz allgemein einen Arbeiter, der draussen anstrengende Arbeiten verrichten müsse, einen „harten Hut“. Mich erinnert er an den „harten Hund“. Der unter unmöglichsten Umständen durchhält und „seinen Mann“ stellt. Man trifft ihn nicht nur in der freien Natur an.
Wenn wir schon beim Kopf sind, ist natürlich der „Big-Wig“ ein interessanter Typ. In Europa hätten im 18. Jahrhundert männliche Angehörige der Elite gepuderte, lange Perücken (Wig) getragen, die ihnen bis über den Kragen gereicht hätten. Ihre voluminösen Haarersatzteile hätten sie von weniger wichtigen Leuten unterschieden, weshalb man sie „Big-Wigs“ genannt habe. Der „zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist lässt grüssen. Da hatte doch auch ein „Big-Wig“ Ungemach mit seiner Perücke! Bei uns gibt es heute noch eine ähnliche Gruppe, die „Gross-Kopfeten“. Wer immer die rechte Hand seines Vorgesetzten ist, als „Right-Hand Man“, sollte sich bewusst sein, dass dieser Ausdruck aus der Zeit der Ritter stammt. Die Leibwache des Ritters hatte auf dessen rechter Seite zu gehen. Damit diese Person notfalls die rechte Hand frei hatte, um ihrerseits den Ritter mit dem Schwert zu verteidigen. Da ging es eben nicht nur um Bürokram, Durchsetzen von Entscheidungen und Abhalten von lästigen Vorsprechern. 

Ganz gerissen finde ich, was in frühen Zeiten der König von Siam (heute Thailand) mit „White Elephants“ gemacht habe. Heute ist das in den USA offenbar eine Umschreibung für etwas, das viel kostet, unangenehm aber nicht loszuwerden ist. Man hüte sich also vor weissen Elefanten. Wenn der König von Siam einen Höfling bestrafen wollte, schenkte er ihm einen weissen Elefanten. Die Farbe war ein ganz blasses Grau und die Tiere galten als heilig. Und der Beschenkte musste das Tier – natürlich auf eigene Kosten – füttern, hegen und pflegen bis an dessen Lebensende. Schöne Bescherung, kann ich da nur sagen! 

Etwas befremdend wirkt der Trinkspruch: „Mud in Your Eye!“ Meine Quelle führt den Spruch zurück auf die Zeit des ersten Weltkrieges. Die Soldaten hätten in den verdreckten Schützengräben gekämpft und offenbar den Humor trotzdem nicht verloren. 

Viel einleuchtender scheint mir die Erklärung, die mir eine Freundin gab. Der Ausdruck gehe auf das Neue Testament zurück. Ich habe die Geschichte extra nachgelesen (Johannes, 9. Kapitel). Jesus streicht einem Blindgeborenen einen Teig von Erde und Speichel auf die Augen, und dieser kann, nachdem er sich auf Geheiss im Teich Siloe gewaschen hat, sehen. Es lohnt sich, die spannende Geschichte zu lesen. Die Pharisäer lassen nämlich die Begebenheit nicht einfach auf sich beruhen. Zumal sie sich an einem Sabbat zugetragen hat! 

Und so befremdend ist der Spruch auch wieder nicht. Wünschen doch auch wir einem Skifahrer gelegentlich „Hals- und Beinbruch“ und drücken damit den dringenden Wunsch aus, er möge gesund und heil wieder nachhause kommen. Und wie finde ich jetzt einen würdigen Abschluss? Etwa mit der Aufforderung: „Paddle Your Own Canoe“. Schon Abraham Lincoln sei von einem politischen Gegner dazu aufgefordert worden. Ob damit gemeint ist, jeder soll sich um seinen eigenen Kram kümmern oder seinen eigenen Kram nach seiner persönlichen Überzeugung erledigen, bleibe dahingestellt.

Klarer für ein Jahresmotto scheint mir die folgende Aufforderung: “Follow the Beat of your own Drum!“  

In diesem Sinne ein gutes 2019 und „Mud in your Eye“! 

Gibson Carothers & James Lacey: „Slanguage“. Sterling Publishing Co., Inc. New York 1979. Sterling ISBN 0-8069-4602-4 Trade 

Zur Person

Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.

 23.Januar 2019