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Noch alle Platten im Schrank

Mario Gerteis beginnt zu reden, bevor ich den Griffel richtig gefasst habe. Und er erzählt so schnell, dass manche Pointe auf dem Schreibblock versandet. Unglaublich, wie der 76-jährige die Daten zu seiner Biografie präsent hat, wie er Geschichte um Geschichte aus seinem Leben abspult. Wo soll man da beginnen? Mit dem Film, mit der Musik?

Ein möbilierter Herr in Zürich

Am Anfang stand, 1955, der Silvesterball des Schachklubs Luzern. Dorthin hatte ihn das „Luzerner Tagblatt“ zur Berichterstattung geschickt. Es war der Start zu einer bewegten Journalistenkarriere. Wenig später, da war Gerteis gut 18-jährig, schrieb er seine erste Filmkritik – und sass fortan jedes Wochenende im Capitol, Flora oder Studio, um Filme für die Lokalpresse zu besprechen. Drei Jahre später war er „ein möbilierter Herr“ in Zürich, für 65 Franken im Monat, und der „jüngste Filmkritiker, den die NZZ je hatte“, wie er beiläufig anmerkt. Sein Chef war der legendäre Martin Schlappner.

Das konnte nicht gut gehen. Gerteis, ein störrischer junger Mann, der „nie machte, was der Vater wollte“, wie er selber sagt, legte sich ohne Hemmungen mit Autoritäten an. So kommentierte er keck vom Filmfestival Locarno, die Jury habe bei der Preisvergabe ein krasses Fehlurteil gesprochen, und diese vernichtende Kritik breitete er auf einer ganzen NZZ-Seite aus. Gewichtiges Jurymitglied war NZZ-Filmpapst Schlappner, und der fand das gar nicht lustig. Er setzte den nonkonformistischen Jungspund „auf Halbkost“ und entzog ihm die schönen Aufträge. So kam Gerteis 1963 zum Tages-Anzeiger, als erster Filmkritiker des Tagi. Dort in Zürich wurde er später, von 1978 bis 1998, Kulturredaktor.

Bahnhofbuffet dritter Klasse

Zusammen mit Viktor Sidler gehörte Mario Gerteis zu einer Gruppe Filmverrückter in Luzern, die in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Label „Septima Ars Luzern“ 14 mittellange Spielfilme und einen Dokumentarfilm drehten, mit viel Enthusiasmus und wenig Geld. Sie arbeiteten halbprofessionell, filmten mit „Schauspielern“ ohne Gage (unter ihnen Josef Vital Kopp, Adolf Muschg und Peter Studer). Zuerst 8mm, dann 16mm, und meistens ohne Ton. „Eine Kamera mit Mikrofon konnten wir uns nicht leisten“, sagt Gerteis, „so unterlegten wir unsere Filme mit Kommentaren und Musik.“ Auch der 35minütige Dokumentarfilm „Luzern – Mosaik einer Stadt“, am Marktplatz 60plus vom 22. Juni den ganzen Tag in der Kornschütte zu sehen, ist ein Schwarzweissfilm ohne Worte, begleitet von nostalgischer Mozart-Musik.

Sie drehten im August 1962, ausgenommen die Szenen vom Regentag, der ja zu Luzern gehört wie der Wagenbachbrunnen; die konnten sie erst im Oktober filmen – vorher hatte es nie richtig geregnet. Der Film ist in acht Kapitel unterteilt. Man sieht Fremde und Einheimische, Strandflirts und Dampfschiffe („Wilhelm Tell“ auf Fahrt!), das alte Kunsthaus, Polizisten, die den Verkehr regeln, den Viehmarkt an der Bruchstrasse oder das Bahnhofbuffet dritter Klasse. Was man nicht sieht: Japaner oder Chinesen.

Und was man sich kaum mehr vorstellen kann: das Wirken der kantonalen Zensurbehörde unter Leitung des konservativen Bundesrichters Hans Korner. Auch drei Filme der „Septima Ars Luzern“ wurden nicht zur öffentlichen Projektion freigegeben, wegen „zersetzender Tendenzen“, wie es damals hiess. Und so buchten Mario Gerteis und die Cineasten vom Filmklub Luzern an katholischen Feiertagen zuweilen einen Car, um gemeinsam ins bernische Huttwil zu fahren, wo es keine kantonale Zensur gab und anstössige Filme ohne weiteres zu sehen waren. „Es war kein bewusster Aufstand, sondern einfach Nonkonformismus, um den katholischen Mief etwas auszulüften“, sagt Mario Gerteis.

Die grösste Plattensammlung

So viel zum Film. Und jetzt zur Musik. Als 15-jähriger Jüngling, das war 1952,  war Gerteis erstmals Platzanweiser bei den Internationalen Musikfestwochen, fünf Jahre später schrieb er seine erste Musikkritik – über ein Konzert von Hedy Salquin (in Beromünster). „Musik ist meine zweite Leidenschaft“, sagt Mario Gerteis, und das ist sicher nicht übertrieben. In den siebziger Jahren gehörte er zu den profilierten IMF-Musikkritikern bei den LNN; unvergessen, wie er jeweils nach dem Konzert festlich gewandet auf der Redaktion erschien und innert einer knappen Stunde eine profilierte Kritik ablieferte. Dabei nahm er nie eine Hand vor den Mund und schrieb, was er dank fundierter Musikkenntnis zu schreiben hatte. So hat er sich einst – dank einem Kollegen, der dort mitsang - beim Luzerner Festwochenchor eingeschlichen, bei zwölf Proben gut mitgehört und die Partitur studiert; die Kritik fiel dann scharfzüngig aus, weil der Chor die Schlussfuge verpatzte. „Ungeschönte Kritik war damals heikel“, erinnert sich Gerteis, „es gab heftige Leserbriefe und wohl sogar einige Abokündigungen.“

Heute verfügt Mario Gerteis über die grösste private Platten- und CD-Sammlung in der Deutschschweiz: 12 000 Vinylschallplatten, 25 000 CD, alles schön geordnet in einem grossen Archivschrank in seiner Wohnung beim Löwenplatz  – das muss man gesehen haben. Eigentlich hat er die Wohnung um den Archivschrank herum gebaut. „Ich bin der Sammlertyp“, sagt Gerteis lakonisch. Mit dem ersten Geld, das er sich auf dem Bau verdiente, kaufte er sich eine Langspielplatte – es war die 2. Sinfonie von Mahler mit Otto Klemperer, wie er sich erinnert - und einen Plattenspieler. Die Sammlung, das ist bereits geregelt, hat er der Hochschule Luzern – Musik vermacht. Sie wird 2017 in den Neubau beim Südpol gezügelt, und mit ihr auch 36 Handschriften von Komponisten, darunter einen „ausgebleichten“ Brief von Wagner, den er in seiner Wohnung an die Wand gehängt hatte. Von den über 2000 DVD und seinen eigenen 138 Videofilmen wollen wir jetzt nicht mehr reden.

Gerteis ist ein Mann mit zwei Leidenschaften. Im Gegensatz zur (Video-)Kamera, die er als „strebsamer Amateur“ nach wie vor zur Hand nimmt, lässt er seine Finger von jeglichem Instrument. Es gab zwar vor Jahrzehnten eine kurze Anwandlung mit dem Klavierspielen, doch nach zwei Lektionen bei seiner damaligen Ehefrau, einer Klavierlehrerin und Pianistin, liess er den Deckel definitiv zufallen. „Ich bin da nicht begabt“, sagt Mario Gerteis, „ich spiele lieber virtuos Schallplatte.“

Beat Bühlmann 14. Juni 2013