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Monika Tröger

Eine gute Altersmedizin fragt,

was der Mensch will

Woher sie kommt und was sie anstrebt: Monika Tröger, die Leiterin des ärztlichen Dienstes in den Betagtenzentren von Viva Luzern, im Interview.

Von René Regenass (Text und Bild)

Was hat Sie zur Geriatrie geführt? Gab es ein bestimmtes Ereignis, einen Impuls?
Monika Tröger: Ich habe meine gesamte ärztliche Ausbildung in Deutschland gemacht. Ich war damals mit einem sehr erfolgreichen Geo-Wissenschaftler verheiratet. Es waren auch zwei kleine Kinder da. Aus Karrieregründen meines Exmannes musste die Familie häufig den Wohnort wechseln. Und als brave Ehefrau und Mutter habe ich in zweiter Reihe am neuen Ort immer jene medizinische Arbeit getan, die mir gerade angeboten wurde. Ich war somit in vielen Fächern zu Hause. Ich habe in der Chirurgie und Radiologie gearbeitet, war mit dem Notarztwagen in der Rettungsmedizin unterwegs, eine Zeitlang war ich in der Orthopädie, dann mehrere Jahre in der Kardiologie, und schliesslich auch in der Neurologie in einer rehabilitativen Einrichtung. Das ergab ein sehr breites Spektrum von Einsichten in die Medizin.

Und auch eine grosse Erfahrung. War dies ausschlaggebend für den Weg in die Geriatrie?
Diesem breiten Spektrum kommt die physikalische und rehabilitative Medizin am nächsten. In der Neurologie wirkte ich auch in einer Abteilung für schwerstpflegebedürftige Patienten und Patientinnen. So war die Erkenntnis naheliegend: Ich kann mein breites Wissen am ehesten im Bereich der Altersmedizin einsetzen. Denn alle älteren Patientinnen hatten schwere orthopädische, neurologische oder kardiologische Erkrankungen. Schliesslich erhielt ich noch die Gelegenheit, in Nürnberg die Tagesklinik für Geriatrie zu leiten, also auch den ambulanten Bereich. In jener Zeit hatte ich nach einem Vortrag Kontakt zu Professor Reto Kressig, der in Basel einen Lehrstuhl für Geriatrie besetzte und eine Urlaubsvertretung in seinem Team brauchte. Ich wusste, dass Kressig die geriatrische Medizin sehr gut umsetzte. Ich erhielt diese Stelle und durfte auch nachher in seinem Team mitwirken.

Das war in welchem Zeitraum?
2014 - 2017. In Deutschland übernahm ich nach dem Wegzug aus Basel die Aufgabe als Chefärztin einer neu gegründeten Abteilung für Akutgeriatrie in Tauber-Bischofsheim in der Nähe von Würzburg.  Aus privaten Gründen veränderte ich mich nach kurzer Zeit wieder zurück in die Schweiz. Einer Erkenntnis folgend: im prästationären Bereich, also in einem Pflegeheim, kann eine gute Altersmedizin  verhindern, dass hochbetagte Patienten stationär hospitalisiert werden müssen.

„Altersmedizin braucht multiprofessionellen Ansatz“

Ihr Tätigkeitsfeld in der Medizin ist aussergewöhnlich breit.
Es war geprägt von grossen Lehrern, die von ihrem Fach begeistert waren. Ich lernte unterschiedliche Methoden kennen. Das Fachgebiet der Altersmedizin  braucht eben einen multiprofessionellen Ansatz.

Jetzt kommt zur Altersmedizin noch die Medizinethik, wo sie aktuell an einer Promotion arbeiten. Das sind aktuell die beiden Schwerpunkte ihrer Tätigkeit. Ich nehme an, dass in beiden Bereichen Fortschritte in der künftigen Entwicklung notwendig werden.
Ich denke, dass wir in der Medizin generell etwas den Blickwinkel ändern müssen. Wir sollten den Fokus bei den immer älter werdenden Patienten und Patientinnen nicht zu sehr auf die Krankheit richten, sondern auf jene Bereiche, wo die Funktionalität noch intakt ist. Ich hatte mir gut überlegt, wo ich wirken möchte: in der inneren Medizin oder in der physikalischen Medizin?

Warum?
Die physikalisch und rehabilitativ wirkenden Mediziner haben einen anderen Ansatz. Sie schauen nicht auf die Erkrankung, sondern auf die Ressourcen. Ein Mensch, der nach einem dramatischen Unfall mit Amputation z. B. eines  Beines nicht mehr gehen kann, ist nicht krank, weil er nur noch ein Bein hat. Ich will wissen, wie sein Kreislauf funktioniert, sein Neurostatus ist und ob er seinen Weg mit einer Prothese weitergehen kann. Solche Arbeit liebe ich, weil ich dann zuerst auf die Funktionalität der Patientin schaue. Dazu kombiniere ich die Ethik, indem ich frage, was der Patient will.

„Nicht gekränkt sein, wenn es der Patient anders sieht“

Diesen ethischen Ansatz müssen aber viele Ärzte erst lernen.
Es gibt mehr von ihnen als sie glauben. Als Mediziner möchte ich, dass das Herz funktioniert, der Blutdruck gut eingestellt und der Zucker ideal ist. Wenn ich den Fokus aber auf die Wünsche des Patienten lege, ist das ein entscheidender Unterschied. Letztendlich ist jeder Mensch für sein eigenes Leben verantwortlich, und auch für sein frühes oder sein spätes Sterben. Wir müssen als Mediziner akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich nicht so wahnsinnig um ihre Gesundheit bemühen. Ich kann auf das Risikoprofil verweisen. Aber was der Patient daraus macht, das ist sein Entscheid, seine Autonomie. Und die Medizinethik fragt nach Urteilsfähigkeiten. Daraus ergibt sich ein Spagat zwischen Autonomie anerkennen und Fürsorgepflicht. Diese Sichtweise finde ich spannend. Ich denke, dass wir den Menschen ganzheitlicher sehen müssen. Wir Mediziner können etwas anbieten, aber wir dürfen nicht narzistisch gekränkt sein, wenn es der Patient anders sieht.

Das wären ja allenfalls die Fortschritte, die ich angesprochen habe.
Ja, ich denke, dass wir ohnehin unsere gesamte Medizinwelt hinterfragen müssen. Heute gibt es ein monetäres System. Die Behandlung von Krankheit wird bezahlt. Wir rechnen Diagnosen ab. Man könnte auf die Idee kommen, dass mehr Krankheiten mehr Möglichkeiten zum abrechnen generieren. Dieses System ist zu überdenken.

„Wir können nicht sterben“
Mir sind Ihre recht progressiven Aussagen beim Jubiläumsanlass 10 Jahre Palliativ Care Eichhof aufgefallen. Für Sie ist Heilung nicht alles. Das Sterben sei Bestandteil des Lebens, haben sie auch gesagt. Da haben wir aber noch einen grossen Lernprozess vor uns.
Ja, das ist so.  Mir fällt es eher leicht, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir nicht sterben können.Wir können einen kranken, tumorzerfressenen Körper ablegen, das ist wohl gut und richtig, aber unser Selbst oder die Seele, oder wie wir es auch nennen wollen, gehen weiter. Es fehlt uns da auch an Begrifflichkeiten.

Was hat sie offen gemacht für die Sicht der Endlichkeit?
Das waren meine ersten Erfahrungen in der Rettungsmedizin. Ich bin als junge Notärztin viel im Rettungsdienst gefahren. Oft im selben Team zum Verunfallten gekommen. Alles hatte seinen gewohnten Ablauf. Und doch: Die einen Menschen konnten wir retten, die anderen nicht. Und da fragte ich mich, warum. Die Abläufe waren immer dieselben. Ich habe erfahren, dass es eine andere, vielleicht höhere Instanz gibt, die da über Leben oder Tod entscheidet. Das hat mich demütig werden lassen.

Ein gutes Team von Altersmedizinern zusammenstellen

Ist es nicht auch eine Frage von Veranlagung, der gesundheitlichen Prägung?
Es ist ein Paradoxon. Wir reagieren unterschiedlich und doch auch wieder gleich. Menschen sind sich viel ähnlicher als sie glauben. Trotzdem gibt es eine faszinierende Diversität.

Was steht jetzt bei Ihrer Arbeit in den Pflegezentren von Viva im Vordergrund, was ist wichtig?
Ich möchte eine vernünftige, qualitativ hochwertige altersmedizinische Versorgung aufbauen. Die Bewohnenden sollen von altersmedizinisch ausgebildeten Ärzten versorgt werden. Das ich wichtig, weil Altersmediziner einen globalen Blick auf Erkrankungen haben. Der Altersmediziner ist nicht nur ein Nierenspezialist oder Kardiologe oder Lungenspezialist, ein Altersmediziner beachtet die Funktionalität, die noch da ist und sucht zu erkunden, was dieser Mensch will. Daraus ergeben sich andere Behandlungsszenarien.

Die Altersmediziner oder Altersmedizinerinnen, die ihre Sichtweise teilen, müssen sie aber hier in Luzern vermutlich erst noch finden.
Ich bin erfreulicherweise mit meiner Sichtweise nicht allein. Wir werden ein gutes Team zusammenstellen mit ähnlichen Vorstellungen, einen gemeinsamen Geist. Das Gemeinsame ist auf den Kongressen zu spüren – ein paar weitere Kollegen und Kolleginnen für Luzern werden sich finden lassen.

Wo stehen Sie im Verhältnis Heimarzt – Hausarzt? Da gibt es ja Konfliktpotential in den Betagtenzentren, weil der Hausarzt nicht immer zur Verfügung steht, wenn man ihn haben sollte. Insbesondere bei einer Medikamentenumstellung oder bei sich aufdrängenden therapeutischen Veränderungen? 
Wir schaffen es, mit vielen Hausärzten gut zusammen zu arbeiten. Innerbetrieblich gab und gibt es nach dem Wechsel von politischen Vorgaben Veränderungen durchzusetzen. Ich habe Verständnis für viele Hausärzte, die bei voller Praxis nicht jederzeit abkömmlich sind, um Hausbesuche im Pflegeheim durchzuführen. Wir bemühen uns konstruktiv, durch die Verbesserung von IT-Lösungen hier entlasten zu können. Auch im Bereich Medikamentenversorgung wird es Veränderungen geben. Die Medikamentensicherheit muss im Vordergrund stehen. Dabei werden wir von unserer neuen Apothekerin bei Viva Luzern unterstützt.

Was ist für Sie zentral, wenn Sie hier als Ärztin wirken?
Ich möchte eine gute medizinische Versorgung im Team. Und das geht am besten, wenn alle die gleiche Wertevorstellung in der Altersmedizin haben. Gefragt sind ein breites Wissen und ein grosses Herz. Ich glaube: Man muss die Patienten lieben, um gute Medizin zu machen.

10. Dezember 2019

(Dieser Beitrag ist auch im "Steinhof Blatt", der Zeitschrift des Pflegeheims Steinhof in Luzern erschienen.)