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Meinrad Buholzer

Meinrad Buholzer

Die Letzten werden die Ersten sein

Von Meinrad Buholzer

Heute will ich einfach eine Geschichte aus dem Mittleren Westen erzählen, der bei uns derzeit nicht gerade die beste Presse hat.

Die verschlafene Gemeinde Orange City liegt in Iowa und hat rund 6000 Einwohner. Eine Gründung von Holländern, die – bei konservativer Grundhaltung – von der Landwirtschaft lebt und das bis heute ziemlich gut. Obwohl sich die Leute mit einem Stimmenverhältnis von zwei zu eins klar für die Einbürgerung papierloser Immigranten aussprachen, schicken sie in ihrem Wahlkreis mit Steve King einen Hardliner von Rechtsaussen in den Kongress, der für seine notorischen Ausfälle gegen eben jene Immigranten berüchtigt ist.

Damit ihre Fleischverarbeitung, ihre Schweine- und Milchfarmen weiterhin rentieren, sind die Holländer auf auswärtige Landarbeiter angewiesen; Einheimische sind kaum mehr als Landarbeiter, Melker oder Metzger zu rekrutieren. Und so lebt in Orange City und in der Umgebung mittlerweile eine wachsende Zahl von Latinos; in einigen Schulklassen liegt der Anteil der Spanischsprechenden bei über 30 Prozent.

Das Problem mit den Latinos war, wie Larissa MacFarquhar im „New Yorker“ schreibt, nicht so sehr die Ablehnung der Zugwanderten, sondern ihre „Unsichtbarkeit“. Die Holländer gingen schön brav in ihre kalvinisch-reformierte Kirche, die Latinos dagegen in katholische Kirchen in anderen Ortschaften (weil‘s in Orange City keine katholische Kirche gibt). Deshalb organisierte die Trinity Reformed Church ein Potluck-Dinner, um zusammenzukommen und sich kennen zu lernen; jeweils vier Holländer und vier Latinos sollten sich an jeden der Tische setzen.

Die Organisatoren gingen umsichtig ans Werk. Sie kannten die unterschiedliche Mentalitäten der beiden Kommunen – auf der einen Seite rigide Pünktlichkeit, auf der andern chronisches Zuspätkommen. Die Holländer bestellten die Latinos daher auf 17.30 Uhr, ihre eigenen Leute auf 18 Uhr. Die Latinos nun, im Bewusstsein, dass ihre Unpünktlichkeit die Holländer irritiert, bemühten sich um Pünktlichkeit und erschienen um 17.30 Uhr. Die Holländer wiederum, im Bemühen sich den Latinos anzupassen, tauchten mit halbstündiger Verspätung um 18.30 Uhr auf. Die “unpünktlichen“ Lations mussten also eine ganze Stunde auf die „pünktlichen“ Holländer warten. Die verlegenen Gastgeber versuchten die Situation zu erklären.

Und die Moral von der Geschichte? Hab ich keine anzubieten, ich lass das einfach mal so stehen... Nur so viel noch: Das Potluck-Dinner sei trotzdem ein Erfolg gewesen, heisst es. Etliche Teilnehmer hätten versichert, in Kontakt zu bleiben. 

1. Sept. 2018

Zur Person:
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.