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Heilkunst statt Gesundheitsversorgung

Von Meinrad Buholzer

Für die junge Ärztin ist es ein Schock, als sie sich bei einem leitenden Beamten der Gesundheitsbehörde über die Bürokratie beklagt. Nein, entgegnet der Funktionär, das Problem sei, dass Gesundheitsdienstleister nicht gelernt hätten, mit weniger Geld mehr zu erreichen. Was ein Gesundheitsdienstleister sei, fragt sie. Ärzte und Pflegekräfte, und die Patienten seien Konsumenten, so die Antwort. Das entspreche „unserem Wirtschaftsmodell". Ihre Patienten aber, so die Ärztin, beschlossen keineswegs, Gesundheitsdienstleistungen zu konsumieren. „Sie wurden schlicht krank."

Ich habe schon in einer früheren Kolumne über ein Buch von Victoria Sweet und ihre Erfahrungen in einem Armenspital in San Francisco berichtet („God's Hotel"). Jetzt legt sie ein neues Buch vor, diesmal auch in Deutsch („Slow Medicine – Die verlorene Kunst des Heilens", Herder Verlag). Darin beschreibt sie ihren Werdegang und wie die Heilkunst, durch die „Gesundheitsversorgung" verdrängt, zu einer Ware wurde, die an der Börse gehandelt wird.

Sie erkennt eine Allianz aus Verwaltung, Versicherungen, Dienstleistungsunternehmen und Wissenschaft, denen es um Profit geht. „Die Verwaltung schreibt die günstigste aller möglichen Optionen vor, die Geschäftsinteressen führen sie aus und die Wissenschaft liefert das notwendige Werkzeug." Zwar faselt diese Allianz viel von Qualitätssicherung. Aber die richtige Diagnose zu bekommen, gehöre offenbar nicht zur Qualitätssicherung, schreibt Sweet und legt anschauliche Fälle für die desaströse Wirkung einer so verstandenen Medizin vor.

Eine der verhängnisvollen Tendenzen ist die Verlegung des ärztlichen Tätigkeit: Weg vom Platz an der Seite des Patienten hin zu den Programmen am Computer. Die so genannte effiziente und evidenzbasierte Gesundheitsversorgung hat offensichtlich Berührungsängste. Lieber als auf den Patienten wirft sie einen Blick auf vorgegebene Behandlungsmodelle. Und vergisst die Geschichte des Patienten.

Für Sweet ist die Geschichte das Kernstück der Medizin. Es geht darum, die richtige Geschichte zu finden, die wahre Geschichte zu verstehen." Und das geht nicht ohne einen umfassenden Blick auf den Patienten und sein Biotop, seine Lebensbedingungen, seine Umgebung usw. „Die Gesundheitsversorgung dagegen zerlegt die Geschichte in Tausende winziger Einzelteile, Hunderte von Seiten mit angekreuzten Kästchen und Häkchen, für die niemand verantwortlich ist."

„Fast Medicine" nennt die Autorin diesen Aktivismus nach Schema (der bekanntlich nicht nur in den USA grassiert). Für jedes Symptom ein Medikament. "So kam es immer wieder vor, dass Patienten zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme 15 bis 26 verschiedene Medikamente einnahmen, von denen sie maximal vier oder fünf wirklich brauchten." Jeder Arzt habe neue Medikamente verschrieben, ohne zu prüfen, ob die alten noch gebraucht wurden.

Dagegen setzt sie – bewusst mit Bezug zur „Slow Food"-Bewegung – die „Slow Medicine". „Ich trat einen Schritt zurück und sah meine Patienten im Kontext ihrer Umgebung. Dabei fragte ich mich: Was kann ich tun, um das aus dem Weg zu räumen, was der viriditas (Lebenskraft) meiner Patienten hinderlich ist?" Sie setzt sich zu den Patienten, beobachtet sie, setzt auf körperliche Untersuchung. „Ich unternahm immer weniger bei meinen Patienten, und es ging ihnen immer besser."

Victoria Sweet lehnt die Errungenschaften der modernen Medizin nicht ab, wendet, wo erforderlich, auch „Fast Medicine" an, aber erst nach einem gründlichen Blick auf den Patienten. Was sie anstrebt ist nicht Polarisierung, nicht gegenseitiges Ausschliessen, sondern eine Synthese, in der das Beste von beiden Seiten angewendet wird – im Interesse eines Patienten, der nicht als börsenrelevanter Konsument ins Visier der Gesundheitsversorgung gerät. – 19. März 2019

meinrad.buholzern@luzern60plus.ch 

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro. Sein neues Buch "Always a Pleasure - Begegnungen mit Cecil Taylor" ist dem verstorbenen Free-Jazz-Pionier und Pianisten gewidmet.