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Christoph Lichtin, rechts Melk Thalmann.

Ein Wegzug von Luzern, den man noch bedauern wird

Von René Regenass. Bild Historisches Museum.

Christoph Lichtin (im Bild links) hat seine Stelle als Leiter des Historischen Museums und des Natur-Museums gekündigt. Er zieht nach Winterthur, wo er künftig die Stiftung Stefanini mit ihrer riesigen Kunstsammlung leiten wird. Im Interview erklärt er seine Überlegungen.

Vor sechs Jahren haben Sie die Gesamtleitung der beiden kantonalen Museen, Natur-Museum und Historisches Museums in Luzern angetreten. Sie wollten die Historie zu den Leuten bringen, sagten Sie damals in einem Interview im 041 Kulturmagazin. Vieles ist gelungen, denken wir nur an die Ausstellungen über Emil Manser, Emil Steinberger oder die Tatort-Serie. Und jetzt: Bedauern Sie den Wegzug aus Luzern, der ja wesentlich mit dem Spardruck und der damit geforderten Zusammenlegung der beiden Museen zusammenhängt?

Christoph Lichtin: Bedauern allein ist es nicht. Ich habe die Arbeit in Luzern am Historischen Museum sehr gerne gemacht. Es war eine gute Zeit. Aber ich musste mich jetzt entscheiden, ob ich den von der Politik vorgegebenen Schritt mit dem Sparszenario hier in Luzern machen will, oder ob ich etwas Anderes anpacken soll. Hier wurde ein politischer Prozess angestossen. Wenn ich dazu ja sagen kann, muss ich diesen sicher fünf bis sechs Jahre mittragen. Aber ich habe entschieden, mich für die Stelle in Winterthur, die Leitung der Stefanini-Stiftung, zu bewerben. Ich sehe dort die Chance, noch einmal etwas komplett Anderes anzupacken und aufzubauen.

In Zukunft nur noch Management-Aufgaben

Christoph Lichtin ist 56. Haben Sie den von der Luzerner Regierung vorgegebenen Spardruck hier nicht mehr ausgehalten?

Der Hauptgrund für meinen Wegzug war die Einsicht, dass ich in Zukunft nur noch mit Management-Aufgaben belastet sein würde.Nur noch Prozessbegleitung, Restrukturierung, Bauaufgaben und kaum noch Inhalte und Ausstellungen, was in der Vergangenheit doch meine Hauptaufgabe gewesen ist.Es stehen ganz andere Aufgaben an. Darum ist auch sinnvoll, wenn jemand, der neu von aussen kommt, diesen Prozess übernimmt.

Welches waren Highlights in Ihrer Zeit als Museumleiter in Luzern?

Es gab zwei: „Emil“ 2015 und „Victoria“ im vergangenen Jahr. Die Ausstellung über Emil Steinberger weckte eine neue Aufmerksamkeit für das Historische Museum. Wir haben uns mit Emil an der Gegenwart und an der Gesellschaft orientiert, nicht an der Historie. Und es war eine gute Erfahrung, einmal mit einer lebenden Person eine Ausstellung zu gestalten. Mit der Ausstellung über Königin Victoria ist es gelungen, mit einem historischen Thema aus dem Museum herauszutreten, mit einem Theater, mit Veranstaltungen und Einladungen. Dafür spürte ich Dankbarkeit beim Publikum und in der Politik, weil wir etwas für Luzern getan hatten. Die grösste Überraschung in meiner Arbeit erlebte ich mit der Emil-Manser-Ausstellung vor zwei Jahren. Das war für mich ein eher kleines Projekt. Aber wir erlebten bereits auf die Kommunikation eine unbeschreiblich breite Reaktion. Die Emotionen waren gewaltig, weil Manser einer von uns war.

„Den Lead muss jetzt die Regierung übernehmen“

Kann das neue Konzept gelingen, das vorgegeben wird, also die Zusammenlegung der beiden Museen und die Weiterführung im Natur-Museum, begleitet von einer Budgetkürzung um eine Million von bisher 3,6 Millionen Franken?

Ich bin überzeugt von der Projektskizze des neuen Konzepts. Wenn es so umgestellt und eingerichtet werden kann, erhält Luzern eines der innovativsten Museen der Schweiz. Ob es gelingt, ist die grosse Frage. Den Lead dafür muss die Politik übernehmen, also die Regierung des Kantons.

Was ist Inhalt dieser Projektskizze?

Neben dem Spar- und Reduktionsteil gibt es einen neuen Ansatz für Themen, welche Politik und Gesellschaft heute beschäftigen. Das Museum soll bei aktuellen Brennpunkten ansetzen, Zusammenhänge aufzeigen. Zum Beispiel bei den Projekten auf der Rigi, bei der Spange-Nord, oder im Entlebuch, wo Bäuerinnen versuchen, natürliche Lebensmittel auf den Markt zu bringen. Diese Zielsetzung ist schon richtig, weil wir eine neue Legitimation für die historische Arbeit schaffen müssen. Wir müssen in der Gegenwart ansetzen.

Ein ungeschliffener Diamant

Sie treten Ende Juli eine neue Stelle in Winterthur an als Leiter der Stefanini-Stiftung. Was lockte sie dorthin?

Die Stiftung betreut eine der bedeutendsten privaten Sammlungen in der Schweiz. Sie besetzt Themen, mit denen ich mich seit rund 20 Jahren beschäftige: Schweizer Kunstgeschichte, Historie in unterschiedlichsten Bezügen. Und die Stiftung ist riesig: zwischen 50‘000 und 100‘000 Objekte. Das Ganze ist wie ein ungeschliffener Diamant, wo die Ziele noch definiert werden müssen.

Was soll mit den Werken geschehen?

Wir werden sicher kein neues Museum schaffen – es gibt genug davon. Ich denke an Kooperation, Leihgaben. Vielleicht finden wir ein neues Format.

Im Gegensatz zur aktuellen Situation treten Sie eine Aufgabe an, wo die Mittel vorhanden sind.

Sicher. Das ist eine hochpotente Stiftung. Es gibt keine politischen Vorgaben. Das Geld ist keine Herausforderung.

Die Stiftung wird aktuell präsidiert von Bettina Stefanini, der Tochter des verstorbenen Bruno Stefanini. Haben sie einen guten Draht zu ihr?

Ich denke schon. Das war auch entscheidend für meine Wahl. In meinem Alter will man mit Menschen zusammenarbeiten, wo die Chemie stimmt. Ich habe auch festgestellt, dass bei Bettina Stefanini ein grosser Wille da ist, das Erbe des Vaters in eine gute Zukunft zu führen. Und ich finde Rahmenbedingungen, die stimmen. So kann ich funktionieren.
29. Mai 2019

(Dieses Interview ist auch im Kulturmagazin 041 zu lesen.)