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El orden divino

Unter diesem Titel läuft jetzt in Spanien „Die göttliche Ordnung“. Nachdem der Film im März 2017 in der Schweiz fulminant startete und in den Kinos rund um die Welt Erfolge feierte, fand nun Ende Mai auch die Premiere in Madrid und Barcelona statt. Die Schweizer Botschaft und das Konsulat in Barcelona veranstalteten zu diesem Anlass Podiumsveranstaltungen. Schon in Madrid stiess der Film auf grosses Interesse, an der Vorführung mit Ruth Dreifuss nahmen über 500 Personen teil.  Am Tag danach fand die Premiere in Barcelona statt, zu der ich eingeladen war, um über die Frauengeschichte der Schweiz zu erzählen. Auch da war das Echo riesig.  Den ganzen Nachmittag musste ich Radio- und Zeitungsinterviews geben und immer wieder wurde mir die Frage gestellt: Warum hat die Schweiz den Frauen die politischen Rechte so spät gegeben? Die Journalistinnen konnten es einfach nicht fassen, dass die Schweiz, die für sie ganz offensichtlich eine vorbildliche Demokratie ist, uns Frauen die politischen Rechte so lange vorenthielt. In Spanien wurde das Wahlrecht für Frauen sage und schreibe 40 Jahre früher, nämlich schon 1931 eingeführt. Als die Schweiz dann 1971 endlich diesen Schritt machte, herrschte in Spanien immer noch die Franco-Diktatur und deshalb immer wieder die erstaunte Frage: wie kam es, dass Spanien trotz Diktatur und Bürgerkrieg in dieser Frage der Musterdemokratie Schweiz so weit voraus war?

Ich hatte darauf zwei Erklärungen: einerseits ist die Schweiz das einzige Land, in dem den Männern das Frauenwahlrecht in einer Volksabstimmung abgerungen werden musste, während in allen andern Ländern Regierungen und Parlamente darüber entschieden.  Die vielgepriesene und von den spanischen Journalistinnen bewunderte Direkte Demokratie erwies sich also für die Frauen als grosses Handicap. Die zweite Begründung ist die, dass in vielen andern Ländern die Frauen die Rolle ihrer aus Krieg und Gefangenschaft nicht mehr zurückgekehrten Männer übernehmen mussten, während das in der Schweiz nicht der Fall war. Da funktionierten die alten Geschlechterrollen ungebrochen weiter.

Wie die Geschichte von Spanien und der Schweiz zeigt, sind das Stimm- und Wahlrecht allein noch kein Garant für die faktische Gleichstellung der Geschlechter in der Gesellschaft. Während in der Schweiz die politischen Rechte viel später als in Spanien eingeführt worden waren, gab es nachher durchaus zeitliche Parallelen, was den Kampf für die wirkliche gesellschaftliche Gleichstellung anbelangt. In Spanien begann dieser Prozess nach dem Ende der Diktatur im Jahr 1974. Das Vordringen von Frauen in alle Bereiche in Spanien seit der Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1976 kann als spektakulär bezeichnet werden. Die nach der langen und harten Diktatur bewirkten politischen und sozialen Veränderungen und der Eintritt Spaniens in die Europäische Gemeinschaft im Jahr 1986 waren für die Spanierinnen bahnbrechende Ereignisse. Gleichzeitig mit der spanischen Verfassung von 1978 sind nämlich Gesetze zur Gleichberechtigung von Mann und Frau eingeführt worden. In der Schweiz begann dieser Prozess in der Folge von 68 mit der Neuen Frauenbewegung, er fiel also praktisch mit der Einführung des Frauenstimmrechts zusammen.

Dass dieser Kampf lang und mühsam ist, wissen die Frauen sowohl in Spanien wie in der Schweiz. Während die Schweizerinnen dagegen schon im Jahr 1991 zum Frauenstreik aufgerufen hatten, fand dieser in Spanien gerade eben erst statt: Am 8. März legten die Spanierinnen mit ihrem Streik ganz Spanien lahm. Unter dem Motto «Wenn die Frauen streiken, dann steht die Welt still», nahmen mehr als 5 Millionen Frauen teil. Sie haben die Nase voll von Diskriminierung im Beruf und von sexueller Gewalt. Mit laut scheppernden Kochtöpfen gingen sie auf die Strasse und legten die Arbeit nieder. Radio- und Fernsehsendungen mussten ohne weibliche Moderatoren und Redaktorinnen auskommen, es waren den ganzen Tag keine weiblichen Stimmen in Radio und Fernsehen zu hören. Diese Erfahrung war also noch ganz präsent, als mir die Journalistinnen die erstaunten Fragen nach der Schweiz stellten. Das mag mit ein Grund für ihr grosses Interesse am Thema des Films gewesen sein.  

Die Frauen des Schweizer Konsulates, welche den Anlass organisierten, sagten mir, dass nicht alle ihre männlichen Kollegen Freude am Aufsehen über diesen Schweizer Film hätten. Er zeige ja kein schmeichelhaftes Bild unseres Landes. Ja das stimmt, aber es ist doch gut, ehrlich zu seiner Geschichte zu stehen, auch zu deren negativen Seiten. So ist es zum Beispiel für unsere spanischen Gesprächspartnerinnen unhaltbar, dass ihr Land die dunklen Jahre der Franco-Diktatur immer noch nicht aufgearbeitet hat.

Zur Person

Cécile Bühlmann, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Fraktionspräsidentin. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.