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Ferienstress

Von Karin Winistörfer

Inzwischen weiss ich es ja. Im Minimum eine Woche vorher muss ich die Koffer aus dem Keller holen. Ab dann jeden Abend, im schmalen Zeitband zwischen dem Einschlafzeitpunkt der Kinder und meinem, alles vorbereiten und packen. An einem Abend die Kinderkleider mit – je nach Saison – der aktuellen Kinderbadekleiderkollektion oder einer wohlsortierten Wintergarnitur. Am anderen Abend dito für mich. Dann das Necessaire bestücken und alle Musterfläschchen mit Duschmittel, Shampoo, Flüssigwaschmittel und so weiter befüllen. Denn Platz ist Mangelware, bei Reisen mit Bus und Zug. Spielsachen, Malstifte, eine Selektion an Kuscheltieren, das Nachtlicht sowie das Nötigste an Spielen und Büchern – ich staune immer, wie viele das sein können - folgen am nächsten Feierabend.

Und dann das Essen: Damit es nach dem Kofferschleppen zum Ferienort nicht gleich mit Einkaufstaschenschleppen am Ferienort weitergeht, bestelle ich bei einem Detailhändler einen ordentlichen Vorrat. Wobei, so musste ich feststellen, wichtig ist, vor der Bestellung zu klären, ob der Ferienort auch wirklich beliefert wird oder nicht vielleicht doch zu abgeschieden ist.

All das braucht Zeit. Sehr viel Zeit, finde ich. Vor den Ferien verbringe ich Stund um Stund mit der Vorbereitung derselben. Dieses kommt mir in den Sinn und jenes, das Eine muss ebenso erledigt sein wie das Andere, die Pflanzen wollen gegossen sein, der Abfall entsorgt, der Kühlschrank von Verderblichem befreit, die Zeitungen abbestellt, die letzte Wäsche gewaschen, die Nachbarn instruiert. Die Zeit wird knapp und knapper, ich eile und stresse von Zimmer zu Ecke zu Schrank. Die Sachen türmen sich. Bergeweise. Und all dies muss in zwei Koffer für Erwachsene und zwei für Kinder passen. Maximal komprimieren heisst da die Losung. Zu meinem grossen Erstaunen verschwinden die Berge tatsächlich, irgendwann.

Dieser Vorbereitungsmarathon, für den ich die Zeit meist bis aufs äusserste ausreize, hinterlässt Spuren. Ab und zu Rückenweh. Meist ein ordentliches Schlafmanko. Und fast immer Albträume. Ich, allein durch die Wohnung hetzend, unerlässliche Dinge einsammelnd und erledigend. Die Uhr erbarmungslos tickend. Die Zugabfahrt rückt näher, unerbittlich. Ich hetze und renne und rase, immer schneller. Und bleibe doch chancenlos. Die Familie geht schon mal gemütlich zum Bahnhof, doch ich packe verzweifelt weiter, ohne Aussicht auf ein Ende. Irgendwann wache ich auf, schweissgebadet und mit rasendem Herzen.

Dann kommen 14 vorwiegend friedliche Ferientage. Die ersten sieben verbringe ich damit, den Vorbereitungsstress zu verarbeiten. Die zweiten sieben, mich auf den Nachbereitungsstress vorzubereiten.

Denn, Sie ahnen es, nach der Rückkehr ist vor der Abfahrt. Auspacken, aufräumen, waschen, flicken, auffüllen, wegstellen, putzen. Dies kann sich über Tage hinziehen, da tagsüber das Verpasste im Büro auch wieder aufgearbeitet sein will. Was meist umgehend zur Einschätzung führt: Ich brauche Ferien. Dringend!

Deshalb bin ich ungemein froh, habe ich in diesen Sommerferien überhaupt keine Ferien. Ach, wie entspannend und erholsam das ist!
31. Juli 2017

Zur Person

Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.