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Grinden, Götter und Geliebte

Von Franziska Greising

Kürzlich habe ich aus einer Reisegruppe nahe des Fritschibrunnens ein paar Worte aufgeschnappt. Von einer Touristin gefragt, was es eigentlich mit diesem Fritschi auf sich habe, antwortete der Stadtführer, er wisse es nicht. Genau, eigentlich weiss niemand so richtig, woher dieser Fritschi ursprünglich stammt und was das überhaupt für ein komischer Name ist.

Etwa mit fünf hatte ich das Fritschipaar erstmals bewusst wahrgenommen. Und meine Enttäuschung, dass die beiden so hässlich sind und wie zwei böse Männer aussehen, ja wie zwei Räuber, war riesig. Denn nur Räuber besassen solch fürchterliche Gebisse mit zwei oder drei klobigen Zähnen. Mir war das Brimborium um die beiden ganz und gar unverständlich. Auch die Magd, die, wie ich später erfuhr, eine Kindsmörderin sein soll, was hat die zu bedeuten?

Auf der Spur von Fritschis Namen kommen wir bald zu Fridolin. Aber wer sagt denn hierzulande – falls jemand noch so heisst – nicht Fridl oder Fridu zu ihm? Fridu jedoch ist althochdeutsch oder walliserisch und heisst Friede. Friede herrscht dann, wenn die Waffen ruhen. Und wenn die Waffen ruhen, ist Zeit für die Liebe. Auch der Fridu, sprich Fritschi soll gern „gwiibet“ haben und ein notorischer Freier gewesen sein. Es liegt nahe, dass er der Abkömmling Freyrs ist, des Liebesgottes. Und die Fritschene, ihr Name verrät es: ist Freya, die Venus des Nordens. Jeden Februar, einst der erste Monat im Jahr, begingen die Nord- wie die Südländer ihre hocherotischen Riten zu Ehren der Göttin. Freyr durfte Freya beschlafen, musste aber nach Tagen weitverbreiteter Orgien den rituellen Opfertod erleiden. Sinn und Bedeutung dieses Opfertods standen im Zusammenhang mit den erwünschten Segen des Sommers, die das Überleben von Mensch und Tier sicherten. Ihren Geliebten beherbergte Freya danach tief in der Erde. Sie selber war unsterblich, versichert der Mythos. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende erweckte sie den Freyr und brachte ihn von neuem zur Welt. Und in diesem Zusammenhang ist vielleicht die Kindsmagd neben dem Fritschipaar zu verstehen.

Der Sohngeliebte wurde wieder in Amt und Würden eingesetzt und genoss ein glanz- und lustvolles Leben an Freyas Seite, das dann im Februar nach höchster archaischer Zügellosigkeit wiederum sein Ende fand.

Wir wissen nicht, bei welcher Gelegenheit der arme Freyr es durchsetzte, ganzjährig am Leben zu bleiben. Sicher ist: es trat eine Puppe an seine Stelle. So der Böögg am Zürcher Sechseläuten. Oder in Luzern die Fritschimaske.

Später brachten Missionare die alten Gottheiten zum Verschwinden. Freya und Venus genossen nur noch heimlich, jedoch bis spät ins Mittelalter, verbreitet Verehrung. Ihr Tag ist bis heute der Freitag geblieben, in Italien der Venerdì, in Frankreich der Vendredi. Jahrhundertelang musste an diesem Tag Fisch, die phallische Fruchtbarkeitsspeise und Freyas Totemtier gegessen werden. Und schliesslich toben in Anlehnung an ihre ausgelassenen Liebesrituale bis heute gegen Ende des Winters heidnische Rhythmen und Grinden durch Tage und Nächte. Sogar die Asche fehlt zum Abschluss nicht.
31. Januar 2013

Zur Person:
Franziska Greising
, geboren 1943 in Luzern, zwei verheiratete Töchter, sieben Enkel, Berufsarbeit als Kindergärtnerin, Galeriemitarbeiterin, Dozentin für literarisches Schreiben (PHZ, MAZ u.a), Schriftstellerin. Der erste Roman: Kammerstille, 1983 bei amacher, Luzern; der neuste Roman: Danke, gut, 2011 bei Wallimann, Alpnachdorf. www.franziskagreising.ch