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Die Zukunft heisst Barbie

Von Franziska Greising

Zwei Wochen ist es her, seit Angelina Jolie sich damit gefiel, die Amputation ihrer beiden gesunden Brüste bekanntzugeben. Nun, die Welt hat hingehört und hingeguckt. Auf Zeitungs- und Internetseiten, in Blogs und auf Facebook ihr Bild. Ihre Geschichte. Ein paar Tage verstrichen, schon machte sie ihre Eierstöcke zum Thema. Sie tue es um ihrer Kinder willen, versicherte sie. Ob die schöne Angelina auch daran denkt, nie mehr eine Strasse zu überqueren oder in ein Flugzeug zu steigen? Nur zwei der ungezählten Todesarten, die ihre Kinder auch noch zu Waisen machen könnten.

Kurz danach die Geschichte von der über Achtzigjährigen, der der Europäische Gerichtshof erlaubt hat, sich selber zu töten. In der für solche Fälle vorgeschriebenen Form selbstverständlich. Ein aufgeschlossenes Gericht. Die Tagesschau zeigte Live-Bilder der beringten Hände der Frau, zeigte sie schräg im Halbprofil, mit dem Gehstock hantierend, soweit wohlauf und lebendig. Sie könne sich nun, gab die Frau zu verstehen, dank des Urteils aus Strassburg, den Eintritt ins Altenheim ersparen, den sie so verabscheue. In der Folge aber ging mir etwas vollkommen Verrücktes, Anstössiges durch den Kopf. Ob der eine oder die andere am Gericht vielleicht schwierige Eltern hat, von denen sie auch gerne bald befreit wären?

Einen Tag später, am 16. Mai, wurde vorschnell behauptet, amerikanische Wissenschafter hätten einen Menschen geklont. Stunden später hiess es, es handle sich nicht um einen Menschen, sondern um Stammzellen ohne Eigenschaften, die aus einer Eizelle und einer Hautzelle erzeugt worden seien. Sie dienten ausschliesslich der Forschung. Die Aussichten seien gut, mit solchen Zellen in Zukunft Autoimmunkrankheiten heilen zu können, wie Arthritis, Krebs, Parkinson, Multiple Sklerose. Anschliessend kam ein Wissenschafter zu Wort, der erklärte, an diesem Experiment seien nur ganz wenige herausragende Forscher beteiligt, und diese würden bestimmt keinen Missbrauch bei der Verwendung von Stammzellen betreiben. Also nie versuchen, einen Menschen zu klonen. Ein Kommentar wies hernach darauf hin, dass dies ohnehin verboten sei. Ein untauglicher Trost. Gerade die herausragendsten Wissenschafter werden von einer unstillbaren Neugier getrieben.

Seit dem 16. Mai also geht wieder die Rede vom geklonten Menschen. Ist die Wissenschaft nun Retterin, oder ist sie Teufelin? Den einen soll sie zu einem Leben in Gesundheit, Glück und Schönheit verhelfen, den andern, wenn Schönheit und Gesundheit am Ende sind, doch immerhin zu einem glücklichen Tod. Der Wunsch der Geschöpfe, ihr eigener Schöpfer zu sein. Eine Vision der Vollkommenheit, eines Lebens ohne Leid. In einer Zukunft der Superhirne, der rundum korrekten, perfekten und liebreizenden Klon-Damen, der unsterblichen Mustergatten aus der Barbie-Welt ohne Schönheitsfehler, ohne Charakterschwächen, und schliesslich der Alten, die, statt Kosten zu verursachen und das Ersparte zu verprassen, sich rechtzeitig entsorgen.
3. Juni 2013

Zur Person:
Franziska Greising
, geboren 1943 in Luzern, zwei verheiratete Töchter, sieben Enkel, Berufsarbeit als Kindergärtnerin, Galeriemitarbeiterin, Dozentin für literarisches Schreiben (PHZ, MAZ u.a), Schriftstellerin. Der erste Roman: Kammerstille, 1983 bei amacher, Luzern; der neuste Roman: Danke, gut, 2011 bei Wallimann, Alpnachdorf. www.franziskagreising.ch