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Frauenstreik damals und heute

Von Cécile Bühlmann

Die Vorbereitungen auf den Frauenstreik 2019 laufen auf Hochtouren. Zornige junge Frauen haben ihn ausgerufen, weil sie nicht zufrieden sind mit der Situation der Frauen in der Schweiz. Sie knüpfen damit an eine Tradition an, die 1991 ihren Anfang nahm. Damals war ich bei den zornigen Frauen, die nicht zufrieden waren, dass der 1981 eingeführte Verfassungsartikel, welcher die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann in den Bereichen Familie, Ausbildung und Beruf verlangte, immer noch nicht durch ein Gleichstellungsgesetz verbindlich konkretisiert worden war.

Mir ist der Frauenstreik von 1991 noch in lebhafter Erinnerung. Morgens um 8 Uhr fand im katholischen Lehrerinnenseminar Baldegg ein Podiumsgespräch mit ehemaligen Absolventinnen statt, die sich alle in der Öffentlichkeit engagieren. Obwohl wir in unserer  Ausbildungszeit auf ein einheitliches Frauenbild getrimmt worden waren, waren wir fünf Ehemalige so unterschiedlich herausgekommen, wie Frauenleben eben sind: eine Regierungsrätin, Mutter von vier Kindern, eine Journalistin, geschieden, Mutter von fünf Kindern, eine Nonne, Kanzlerin des Bischofs, eine berufstätige Lehrerin und Politikerin ohne Kinder und ich, kinderlose Berufsfrau, im Konkubinat lebende feministische Aktivistin. Die inzwischen fortschrittlich gewordene Schulleitung hatte das Podiumsgespräch gegen den Widerstand der Studentinnen durchgesetzt, welche motzten, sie seien doch keine Emanzenschule.  Zudem machten sie eine Appenzellerin, die gegen das Frauenstimmrecht in ihrem Kanton gekämpft hatte, zur Gesprächsleiterin. Zu sagen ist, dass der Kanton Appenzell im Jahr 1990 vom Bundesgericht dazu verdonnert werden musste, endlich das Frauenstimmrecht einzuführen, 20 Jahre nachdem es auf Bundesebene eingeführt worden war. Es ging heftig zu im Saal, wir Podiumsteilnehmerinnen mussten uns für unsere nicht konformen Lebensentwürfe richtiggehend rechtfertigen. Das denkwürdige Baldegger Podium war mein Auftakt für den Frauenstreiktags.

Dann ging es weiter, von einer Aktion zur andern. Unzählige Frauen hatten ihren Protest in verschiedensten Formen auf die Strasse getragen. Ich war den ganzen Tag bis tief in die Nacht unterwegs. Inzwischen hatte ich nachmittags nach Ebikon gehen müssen, wo mich die Frauen der Belegschaft der Nielsen-Fabrik als Referentin zum Thema Gleichstellung eingeladen hatten. Nachher gings weiter an ein Podium auf den Kornmarkt, insgesamt fand ein prall gefülltes Programm mit unzähligen Begegnungen und phantasievollen Aktionen statt, ein Tag in bester Erinnerung!  

Ich wurde im Oktober des gleichen Jahres in den Nationalrat gewählt und mit mir zusammen viele Frauen, die sich auch am Frauenstreik engagiert hatten. Im Nationalrat stieg der Frauenanteil von 29 auf 36 Frauen, das war damals ein grosser Zuwachs, obwohl wir insgesamt nur 17,5% ausmachten. Heute liegt der Frauenanteil im Nationalrat immerhin bei 32%, er hat sich also seither  verdoppelt. Es gab viel Arbeit für uns Parlamentarierinnen, wir schleiften eine frauenfeindliche Bastion nach der andern. Inspiriert und unterstützt von der Frauenbewegung erkämpften wir endlich ein Gleichstellungsgesetz, das gleichen Lohn für gleiche Arbeit fordert, eine Beweislastumkehr für Diskriminierungen und ein Verbot der sexuellen Belästigung enthält.Eine nächste Errungenschaft war die Fristenregelung, die die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs beendete. Dann folgten das Verbot der Vergewaltigung, das Splitting und die Betreuungsgutschriften in der AHV und die Mutterschaftsversicherung.

Wenn die Frauen heuer wieder auf die Strasse gehen, geht es ihnen darum, dass die reale Gleichstellung endlich umgesetzt wird. Wie zum Beispiel gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Es ist ein Skandal, dass den Frauen insgesamt jährlich 110 Milliarden Franken durch Lohndiskriminierung vorenthalten werden! Immer noch leisten Frauen die Mehrheit der unbezahlten Arbeit. Immer noch erleben Frauen sexuelle Gewalt, Anmache und Belästigung. Immer noch sind im es vor allem Frauen, die im Alter in Armut leben. Immer noch geben in Politik und Wirtschaft mehrheitlich die Männer den Ton an, in unserem Kanton sogar zu skandalösen hundert Prozent. Es gibt also immer noch tausend Gründe, zornig zu sein und am 14. Juni 2019 auf die Strasse zu gehen!

cecile.buehlmann@luzern60plus.ch

Zur Person: Cécile Bühlmann, 1949 geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Von 2006 bis 2018 war sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und seit längerem ist sie Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.