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Eine Urgeste der Frau

Von Judith Stamm, Luzern

In der Runde lachten alle. Dabei hatte ich einfach erzählt, ich hätte ein Buch über den „Frühjahrsputz" gekauft. Was sollte daran so komisch sein? Angefangen hatte alles mit einem Bericht in der Neuen Luzerner Zeitung. Der Titel lautete: „Putzen gehört zu den Urgesten der Frau". Der Aargauer Landfrauenverband hatte zu einem Vortrag eingeladen. Die Fachfrau Katharina Zaugg gab Tipps, zeigte auf, wie Putzen ein gutes Koordinations- und Gehirntraining sei. Auch Dehnübungen könnten damit verbunden werden und gegen das Geräusch des Staubsaugers könne man  ansingen!

Männer im Haushalt  nicht so beheimatet
Sehr interessant fand ich, was sie über das Putzen der Männer sagte. Diese seien im Haushalt nicht so beheimatet wie die Frauen. Deshalb seien entsprechende Bemühungen oft nicht so zufriedenstellend. Eine richtig gute Hausfrau müsse einmal versuchen, ihre Arbeit mit der linken Hand zu erledigen. Dann könne sie sich ein Bild davon machen, wie sich Männer beim Putzen fühlen! Ich kann nur sagen, genauso fühle ich mich auch. Wie eine Hausfrau, die mit der linken Hand arbeitet! Da ist eben Geduld angesagt, wie die Referentin ausführte.

Aus meiner Kindheit ist mir das Thema Putzen als „never ending story" ebenfalls in Erinnerung. Wir wohnten in einem Haus mit sechs Familien und wechselnder Putzordnung. Einer der Hausfrauen war das Werk der anderen fünf immer zu wenig perfekt. Im Treppenhaus, in der Waschküche, in den Vorräumen von Estrich- und Kellerabteilen gab es immer etwas auszusetzen. Meine Mutter litt darunter. Sie gab sich doch alle Mühe. Und in meinen Augen war sie sowieso recht anspruchsvoll, was Putzen anbelangte. Kleine, aber endlose Konflikte erwuchsen aus den ständigen Reklamationen.

Lieber die Seele reinigen
Bis meiner Mutter einmal ein Heft über Psychologie in die Hand fiel. Darin hatte es einen Artikel über Menschen mit einer überdurchschnittlichen Vorliebe für das Putzen. Sie las daraus vor: „Statt ihre Seelen zu reinigen, reinigen sie ihre Pfannen und Töpfe!" Meine Mutter war getröstet. Und das Zitat fand Eingang in unseren Familienschatz der Worte für alle Lebenslagen. Allerdings wurde es gelegentlich recht weit ausgelegt: wir wollten lieber unsere Seelen pflegen als unsere Pfannen und Töpfe putzen!

Wann immer mich eine Sache interessiert, gehe ich ins Internet. Und siehe da, es gibt nicht nur eine, es gibt mehrere Putzexpertinnen. Linda Thomas hat über das Putzen Bücher geschrieben, eines mit dem Titel „Frühjahrsputz". Eingeleitet wird es mit einem Kapitel über Traditionen und Bräuche im Zusammenhang mit dem Putzen. Die „schwäbische Kehrwoche" wird da genau so beschrieben wie „griechische und russische Bräuche" und „Reinigungstraditionen in östlichen Kulturen". Aber auch die ganz konkreten Anforderungen kommen nicht zu kurz. Im Kapitel „Praktisches zum Frühjahrsputz" wird aufgelistet, was zu tun ist. Da kann man nach getanem Werk dann einfach abhaken!

Das Buch umfasst sechs Kapitel. Jedem Kapitel geht ein passender kurzer Text voraus. Wenn da nur das erste Kapitel mit dem Titel „Die Ursprünge" nicht wäre. Dem ist ein Zitat von Hermann Hesse vorangestellt. Es lautet, wie fast nicht anders zu erwarten, wie folgt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben".

Tja, da werde ich wohl den Beginn meines Frühjahrsputzes immer wieder hinausschieben. Denn ich kann doch unmöglich den Zauber, der dem Anfang innewohnt, mit Putzen einfach zerstören!

Linda Thomas: „Frühjahrsputz. Putzen als kulturelle Tradition und andere schöne Dinge". Verlag am Goetheanum 2014. ISBN 978–3–7235 -1520-4

Zur Person
Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.