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"Im Kino verstehe ich nur Filme mit Untertiteln"

Von Beat Bühlmann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Man sieht es Astrid von Rotz (54) nicht an, dass sie mittelgradig schwerhörig ist. Man merkt es erst im Verlauf des Gesprächs, wenn sie hie und da etwas nicht versteht und nachfragen muss. "Hören macht müde", sagt sie, "denn ich muss mich von früh bis spät konzentrieren, um andere zu verstehen, trotz Hörgeräten." Vergleichbar einem Sprachaufenthalt im Ausland - nur hat diese Müdigkeit kein Ende. Astrid von Rotz, Mutter von zwei studierenden Jugendlichen, ist seit der Geburt hörbehindert und hat trotzdem die Matura und später die Fachhochschule mit einem Abschluss in Sozialarbeit gemacht.

Schlecht hören ist anstrengend

Schwerhörigkeit ist eine unsichtbare Kommunikations-Behinderung und hat soziale und gesellschaftliche Konsequenzen. Mit Freunden auswärts essen in einem Restaurant wird schnell zu einer Tortur, denn die Hintergrundgeräusche sind so stark, dass eine Verständigung kaum möglich ist. "Am liebsten treffe ich mich mit Freunden im Sommer auf Terrassen, wenn der Lärmpegel nicht zu hoch ist", sagt Astrid von Rotz. Private Einladungen beschränkt sie auf zwei bis vier Personen, und setzt eine gewisse Kommunikationskultur voraus; es reden nicht alle durcheinander. Konzertbesuche im KKL hat sie aufgegeben, denn trotz Superakustik konnte sie die Musik nicht richtig erfassen, geschweige denn geniessen. Auch ein Kinobesuch muss gut überlegt sein. "Ich verstehe nur Filme mit Untertiteln", sagt Astrid von Rotz. Das Gleiche gilt für Diskussionssendungen am Fernsehen.

"Die Schwerhörigkeit begleitet einen überall hin. Ob man will oder nicht. Man ist überall konfrontiert damit, bei der Arbeit, in der Familie und in der Freizeit." Das alles ist ermüdend, frustrierend und nagt sehr am Selbstwertgefühl, wenn man nicht lernt damit umzugehen. Deshalb hat Astrid von Rotz bereits vor Jahren, als sie noch in der Romandie lebte, mit anderen Schwerhörigen eine Gesprächsgruppe gegründet. Seit bald sieben Jahren leitet sie nun - eine Pioniertat in der Deutschschweiz - auch eine Selbsthilfegruppe in Luzern.

Die Selbsthilfegruppe trifft sich einmal monatlich für zwei Stunden; eine offene Gesprächsgruppe mit vier bis zwölf Personen, im Alter von 25 bis 60 Jahren. "Schwerhörigkeit wird oft banalisiert oder pathologisiert. Es ist sehr entlastend, wenn ich mich einmal im Monat an einem Ort treffen kann, wo wir bewusst und ernsthaft über unsere alltäglichen Schwierigkeiten austauschen können", sagt Astrid von Rotz. "Wir reden nicht durcheinander und hören einander ruhig zu. Wir wissen alle, wovon wir sprechen und das ist ein schönes, verbindendes Gefühl. Und zu entdecken, wie jede und jeder eine ganz persönliche Art und Weise findet, wie damit umzugehen, ist sehr inspirierend." Die Gesprächsrunde, die weder Therapie noch Weiterbildungskurse anbietet, ist unentgeltlich und für alle zugänglich; eine Anmeldung ist erwünscht, aber nicht zwingend. Sie findet jeweils am Donnerstagabend, von 19.30 bis 21.30 Uhr, bei pro audito luzern an der Hirschmattstrasse 35 statt (im 1. Stock, Einlass ab 19 Uhr).

Eine Austauschgruppe für Pensionierte

Neu hat Astrid von Rotz eine Gesprächsrunde für Pensionierte ins Leben gerufen. Warum? Mit zunehmendem Alter sind viele mit einer Hörminderung konfrontiert, und die Gesprächsthemen sind etwas anders gelagert. Der Druck am Arbeitsplatz fällt weg, doch viele Grenzen im Zusammenhang mit der Hörbehinderung bleiben, etwa bei Theaterbesuchen, Gruppenführungen auf Reisen, bei Weiterbildungen, Konzerten, Lesungen, politischen Podiumsgesprächen oder bei Besuchen im Restaurant. Die Gesprächsgruppe für Pensionierte trifft sich jeweils am Freitagnachmittag, von 15 bis 17 Uhr, erstmals am 20. Oktober 2017, auch an der Hirschmattstrasse 35. Weitere Treffen sind in diesem Jahr für den 17. November und 15. Dezember vorgesehen. - 17.10.2017

Mehr Infos www.wie-bitte.ch  oder www.proaudito-luzern.ch
Anmeldung
bei Astrid von Rotz SMS an 078 723 12 07 oder rotz@bluaewin.ch