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Farce oder Tragödie?

Von Meinrad Buholzer

Sie kennen die Geschichte: Ein Einbrecher verlässt den Tatort, sieht sich unverhofft einer Gruppe von Menschen gegenüber, fasst den Erstbesten ins Auge und ruft: „Haltet den Dieb!" Die Leute verfolgen diesen Mann, während sich der Einbrecher aus dem Staub macht.

Aber schön der Reihe nach. Von Hegel stammt das Wort, dass sich alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen wiederholen. Marx ergänzte das Zitat: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". Zurzeit erleben wir eine solche Wiederholung. Als Barack Hussein Obama 2007 seine Kandidatur für die Präsidentschaft bekanntgab, hiess es: Keine Chance, dass ein Schwarzer (dazu noch mit diesem Namen) Präsident der USA wird! Doch dann gewöhnte man sich eineinhalb Jahre lang an seinen Anblick und konnte sich mit dem Bild eines schwarzen Präsidenten vertraut machen. Als Donald Trump letztes Jahr seine Ambition öffentlich machte, hiess es: Diese Kandidatur ist ein schlechter Witz! Keine Chance! Inzwischen haben wir uns auch an seinen Anblick gewöhnt...

Soweit die Parallele, nun aber zur Farce. Wie immer man zu Obamas Politik steht, selbst Gegner attestieren ihm Integrität; seine Präsidentschaft ist denn auch bis heute von Skandalen frei geblieben. Trump dagegen ist die personifizierte Windfahne, der heute das und morgen das Gegenteil behauptet; das Bewusstsein von Wahrheit ist in seiner DNA nicht vorgesehen und Skandale geben seinem Ego eher Auftrieb. Auf der einen Seite eine klare Haltung, auf der andern Halt- und Verantwortungslosigkeit als Prinzip. Obama ist ein genauer Zuhörer, der auch den gegnerischen Standpunkt kennen und nach Möglichkeit verstehen will, bevor er einen Entscheid fällt. Trump dagegen hört gar nicht zu, für ihn sind alle, die anderer Meinung sind, Idioten. Oder das Wir („Yes, we can!") gegen das Ich („Ich, ich, ich, ich", trompetet er pausenlos). Obamas Reden sind meist genaue Analysen, basierend auf einer breiten Kenntnis der Fakten – dabei immer verständlich und nicht selten rhetorische Meisterwerke. Trump dagegen ist ein Polterer, der an Ressentiments und niederste Instinkte appelliert (nein, er fällt nicht unter die Gürtellinie, er hält sich eigentlich immer dort auf). Obama sucht Konflikte zu entschärfen, Trump heizt sie an. Und so weiter: Vernunft gegen billige Effekthascherei, weiter Horizont gegen Engstirnigkeit, offene Auseinandersetzung gegen Hinterhältigkeit, Wohlwollen gegen Schadenfreude und Häme, Fakten gegen Lügen, Charakter versus Opportunismus... Freilich spricht Obama eine andere Wählerschicht an: jene, die selber denken. Trump wendet sich an jene, die das Denken an der Garderobe abgeben, bevor sie sich ihrem Idol frenetisch unterwerfen. Uns bleibt vorerst die Hoffnung, dass es bei einer kurzen Farce bleibt und sie nicht in eine Tragödie umschlägt (selbst wenn wir in den nächsten Monaten erleben werden, wie er Kreide frisst, um Stimmen der andern Seite zu gewinnen).

Und, ach ja, die Geschichte mit dem Einbrecher, der die Aufmerksamkeit von sich ablenken will. Die ist mir kürzlich in den Sinn gekommen. Da hat doch der immerwährende Leithammel der SVP erklärt, der Erfolg Trumps sei ihm unheimlich. Zugleich pries er seine Partei, die solch extreme Entwicklungen verhindere...

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.