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Der Flaneur ist unterwegs (11)

In the Heat of the Day

Von Karl Bühlmann

30 Grad vorgestern, 31 Grad gestern, 33 Grad heute, 34 Grad hoffentlich morgen, herrlich dieser Sommer! Meteorologen, Moderatoren und Zeitungsschreiber klagen über Affenhitze, Hundstage, Saharahölle, Tropennächte. Mediziner warnen vor Konzentrationsproblemen und Redaktionsschwächen. Kürbisse explodieren, Schienen verbiegen sich, der Asphalt platzt, je heisser desto fantastischer die News. Im Hallwilersee planscht ein Kaiman, der sich rar macht und täglich monströser wird. Im Unispital in Zürich, eben zur weltweit zweitbesten Stadt bezüglich Lebensqualität gekürt, beisst ein durstiger Fuchs einer schlafenden Patientin in den Arm.

In Luzern ist die Zahl asiatischer Touristen auf dem Schwanenplatz immer noch grösser als die Zahl asiatischer Tigermücken im Lido. Niemand schämt sich über die zum Spazieren ausgeführten Fundstücke aus dem Kleiderschrank. Die Flugscham indes nötigt die fliegenden Mitglieder der Greta-Gemeinde zu rhetorischen Salti. Der Flaneur steht am Fritschibrunnen, neben der Peterskirche beziehungsweise jetzt City-Kirche, die neuerdings auch fürbildende oder künstlerische Aktivitäten offen steht. Darf angesichts des CO2-Fussabdrucks das Fest von Mariä Himmelfahrt am 15. August noch begangen werden? Zahlt, wer in den Himmel kommen will, zu Lebzeiten einen Klima-Ablass? Kollegin Passante, die meinen Weg kreuzt, macht mich aufmerksam auf den Mama Blog im „Tagi“, wo ein besorgter Jungvater in spe fragt: Wir erwarten ein Kind. Dürfen wir in Zeiten der Klimakrise überhaupt? Die Schweizer Treibhausgasemissionen betragen jährlich circa zehn Tonnen pro Kopf. Der weitere Kopf im Bauch meiner Frau ist zwar für uns beide etwas Grossartiges, aber für den Rest der Menschheit auch ein zusätzliches Umweltverschmutzerlein

Der Frögli kann beruhigt werden: Kinder sind ein Menschenrecht. Damit die Klimakrise im Zaun gehalten werden kann, haben die Grünen in Luzern just ein Postulat eingereicht und den Stadtrat aufgefordert, die überdachten Bushaltestellen zu begrünen. Wer wird sie mähen, bei Trockenheit wässern, die politisch und gendermässig korrekte Biodiversität auf den Dächern prüfen, allfällige Nester von Tigermücken ausräuchern? Warum nicht gleich die Normalo- und Maxi-Busse oben begrünen? So könnten auch die weiter vom Zentrum entfernten Quartiere von Bienen, Wespen, Glasflüglern, Stechmücken, Heugümpernund feinstaubschluckenden Gräsern profitieren.

Die Luft flimmert, die Menschen zeigen mehr Haut als anderen lieb ist. Sie schwitzen, wenns gegen 35 Grad Celsius geht aus ihren drei Millionen Schweissdrüsen 80 000 Tröpfchen in der Stunde und verlangsamen ihre Reaktionen, werden sprachloser, meiden Bänke an der Sonne und – unverständlicherweise – die kühlen Museumsräume. Der Flaneur liebt solche Tage, Trägheit legt sich über die Stadt und Nachrichtenportale. Es hat wenig Gegenverkehr auf Flaneurs Lieblingswegen, das Gedränge ist anderswo, in der Badi, auf dem See, vor dem Glace-Kiosk, halbvoll die Gartenbeiz mit Sonnenschirmen und belaubten Bäumen. Die Hunde bleiben hechelnd statt fletschend im Schatten liegen, das Handy klingelt seltener, Verspätungen werden in Kauf genommen.

Nie schmeckt ein Bier besser als jetzt, ungestörter denn je kann man die Zeitungen lesen. Und beginnt zu staunen, was in den schwülen Redaktionsräumen alles in die Tasten gehauen wird. Die hochsommerlichen Werte erhöhen die Libido in Kopf und Körpers weit über die Fieberschwelle. Die Hitzewelle steigere die sexuelle Lust, meldet eine Agentur. Die alte Tante NZZ hat das neue „Viagra für Frauen“ geschluckt, um aus dem Trockenpfad der Hypoactive Sexual Desire Disorder herauszukommen und neben der älteren rechten Leserschaft in Deutschland auch die jungen Hypersexuellen zu befriedigen. Die „Sex sells“-Sommergrippe hat die NZZ voll erwischt. Beim Googlen unter NZZ findet man Sex ist eine Sprache. Wir wollen Sex für alle. Was hat Sex mit Liebe zu tun?

Die NZZ ist 239 Jahre alt, weshalb im Juni der Beitrag Sex – ein Thema bis ins hohe Alter erschien. In einer Kolumne unter dem Titel Er oben, sie unten lässt sich jüngst die Autorin darüber aus, dass „die Vorrangstellung der klassischen Missionarsstellung bedroht“ sei. In der Ausgabe anderntags philosophiert ein Professor über „die Verknüpfung von Logozentrismus und Phallus zu einem auch ethnisch diskriminierenden Stereotyp“, derweil die Stilberaterin Auskunft gibt auf die Frage Diesen Sommer möchte ich ein ärmelloses Unterhemd anziehen. Doch wie kann ich es stylen, ohne verwahrlost auszusehen? Zur ungewollten Antwort und Abschreckung gab es kürzlich auf der Klatschseite von „NZZ Gesellschaft“ einen Beitrag über die Geburtstagsparty von Ex-Botschaftergattin Shawne Fielding (Who cares?), die sich zu ihrem Fünfzigsten in Korsage und Netzstrümpfen vorführte. 

Die Ratgeber haben Hochkonjunktur mit heissen Themen. Meine Frau möchte verführt werden, klagt ein Ehemann in der lokalen Lagerzeitung LZ. Die Luzerner Rundschau will nicht hinten anstehen. Im Gratisblättchen mit fast lauter PR-Texten, nach eigener Angabe und weil ohne Konkurrenz die redaktionell umfangsreichste Wochenzeitung im Grossraum Luzern  – Wussten Sie das? – gibt „Dr. Eros“ Ratschläge zu Tantra: Die hohe Schule der sexuellen Vereinigung ist heute so aktuell ist wie nie zuvor, weil sie einen Ausweg aus der sexuellen Konsumfalle anbietet. Zwei Seiten weiter kommt Verleger Christoph Blocher, unter dem Titel „Werden wir manipuliert?“, zum letzten Wort: Wer viel liest und hört, erfährt viel. Ob alles stimmt, ist in der Regel nicht nachprüfbar. Leider bezog sich Blocher nicht auf die Sexmania im Sommer, sondern auf einen früheren NZZ-Artikel über „Dr. Röstis Wetterdienst“.

Womit wir wieder beim Wetter, genauer beim Klima wären. Die Hitze führt zu unangenehmen Begleiterscheinungen. An einem heissen Tag können Menschen unter vorübergehendem Intelligenzverlust leiden, berichtet eine Studie. Sie weiss noch mehr: Bestimmte Tätigkeiten und ein bestimmter Kleidungsstil drosseln die Gehirnleistung zusätzlich. 

Darauf mich berufend, gestehe ich, von der Hitze angestachelt, im ersten Abschnitt Reaktionsschwäche gegen Redaktionsschwäche vertauscht zu haben. Zur Wiedergutmachung berufe ich mich auf die jüngste Rubrik „Hat das Stil?“ von Henriette Kuhrt im NZZ Stil-Heft vom 21. Juli, wo steht: Ohnehin ist der Flaneur der wahre Held unserer Zeit: Er läuft vollkommen unoptimiert durch die Stadt, schaut umher, plaudert mit seinen Mitmenschen und kann sogar auf seinem Handy scrollen.
29. Juli 2019
karl.buehlmann@bluewin.ch 

Zur Person
Karl Bühlmann (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten', 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.