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Hochrechnen

Von Karin Winistörfer

Eigentlich hätte ich schon immer gern gewusst, wie viele Leute meine Kolumnen lesen. Da mag Eitelkeit mitspielen, zweifelsohne. Und etwas Unsicherheit – interessiert sowas überhaupt jemanden? Aber nun – nun hat die Ungewissheit ein Ende. Denn ich weiss: Es lesen sie genau 66,6% der Schweizerinnen und Schweizer. Was immerhin – Bundesamt für Statistik sei Dank! – 5,426 Millionen Menschen sind, wenn man die ständige Wohnbevölkerung am Jahresende 2013 berücksichtigt.

Nicht schlecht, oder?

Es mögen Zweifel an der Richtigkeit dieser Zahl auftreten. Doch sind diese völlig unberechtigt, habe ich doch nach allen Regeln der Kunst eine neutrale Frage formuliert („Sie lesen doch sicher auch immer und begeistert meine Kolumnen, oder?“), danach eine nach Geschlecht, Alter und Wohnort für die Schweizer Bevölkerung repräsentative Stichprobe gezogen (drei Frauen, drei Männer; davon drei Deutschschweizer, zwei Welsche, ein Tessiner; insgesamt zwei Leute bis 35, zwei bis 55, zwei drüber). [Dass einer mein Partner, zwei meine Kinder, zwei meine nahe der Sprachgrenze lebenden Eltern und die sechste eine Freundin ist, die regelmässig im Tessin Ferien macht, tut sicher nichts zur Sache].

Gut, ich habe also die Schweizer Bevölkerung in der Stichprobe perfekt abgebildet, alle sechs befragt, und das Ergebnis ist sonnenklar: Bis auf die zwei Kinder, welche noch nicht lesen können, lesen alle meine Kolumnen. Immer. Begeistert. Die Hochrechnung auf die gesamte Schweizer Bevölkerung ist ein Kinderspiel. 66,6% lesen mich. Welch ein Erfolg!

Ehrlich gesagt ist dieses Erhebungskonzept nicht ausschliesslich auf meinem Mist gewachsen. Ich habe mich auch von den Abstimmungsumfragen einer grossen Schweizer Gratiszeitung inspirieren lassen. Zwar weist diese ganz andere Teilnehmerzahlen aus (aktuell, bei der CVP-Familieninitiative, machten knapp 10‘000 Personen mit). Doch die Grundidee ist dieselbe: Befragt wird, wer verfügbar ist (Kolumne: Familie/Freunde – Zeitung: abstimmungswillige Online-Leserschaft). Bei Online-Umfragen, an denen jeder mitmachen kann, wird danach gewichtet (nach demografischen, politischen und geografischen Variablen). Gewichten heisst, dass die Antwortenden in Gruppen unterteilt werden, z.B. die jüngeren Städter, welche links wählen, und die älteren, konservativ orientierten Frauen aus ländlichen Regionen. Füllen weniger rechte Landfrauen den Fragebogen aus, als es ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung entspricht, erhält jede einzelne Stimme ein hohes Gewicht. Umgekehrt die linken Städter, sofern mehr von ihnen abgestimmt haben, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.

Diese Methode sei lupenrein, wird einem von derselben Publikation beschieden, die Treffsicherheit hoch. Das Problem: Gewisse Bevölkerungsgruppen nehmen an Online-Befragungen nie teil, sei es, dass sie kein Interesse, keine Zeit oder keinen Computer haben. Deren Meinungen werden nie erfasst, daran können auch Gewichtungen nichts ändern. Auch lassen sich Mehrheiten beeinflussen, indem zum Beispiel Parteien und Organisationen ihre Anhänger in Massen zur Online-Abstimmung aufrufen.

So gerüstet, geht’s nun an meine eigenen Prognosen für den Urnengang vom 8. März. Die richtigen Kontakte aktiviert, die passenden Quoten bestimmt, ein paar Prisen Gewichtungen zugegeben, dann durch die Mühlen der Statistik gedreht – und schon liegt das glasklare Resultat vor: Es gibt ein Ja. Oder aber ein Nein. Denn auch da habe ich mich vom selben Medium inspirieren lassen, das (bei der CVP-Familien-Initiative wie zuvor schon bei der Ecopop-Initiative) einmal eine Ja-Mehrheit und danach eine Nein-Mehrheit prognostizierte. Denn dann – oh Wunder! – liegen die Gratiszeitung und ich garantiert zu 100% richtig. Und sowieso richtiger als die SRG und Claude Longchamp.
1. März 2015

Zur Person:

Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Verwaltung (Bildung und Kultur). 2001 schloss sie ihr erstes Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin der Neuen Luzerner Zeitung (Schwerpunkte Luzerner Politik, Hochschulbildung, Gesundheit/Spitäler, Strommarkt, Gemeinden). 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Lebenspartner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.