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Höflich sein

Von Karin Winistörfer

An sich bin ich ein höflicher Mensch. Zuvorkommend, nett, das finde wenigstens ich. Natürlich wird diese Grundhaltung zuweilen erschüttert. Aber im Allgemeinen fasse ich mich rasch wieder.

Allerdings gibt es da so eine halb verborgene Ecke in mir. Die unhöfliche, widerborstige, aggressive. Geweckt wird sie selten. Aber wenn, dann bricht sie voll durch.

Das Paradebeispiel ereignete sich vor rund zwölf Jahren in Shanghai. In der U-Bahn (zwar recht neu, aber intensiv genutzt). Zu Stosszeiten (die ihrem Namen gerecht wurden, da man aufgrund der Anzahl Menschen und Gepäckstücke ständig aneinander stiess). Im Stadtzentrum (wo denn sonst, wobei das in der chinesischen Millionenstadt ein sehr, sehr weiter Begriff ist). Jedenfalls wollten wir beim Bahnhof in die einfahrende U-Bahn einsteigen, um zu unserem Hotel zu gelangen. Allerdings hatte eine kaum schätzbare Anzahl Chinesinnen und Chinesen die gleiche Idee. Denn es war abends um 5 Uhr.

Da am Boden markiert war, wo die Türen der Waggons sind, bildeten sich davor riesige Menschentrauben. Als die U-Bahn hielt, setzten sich diese Trauben in Bewegung und schoben sich mit aller Kraft in die U-Bahn-Wagen. Aussteigen konnte keiner. Alle mussten wohl oder übel weiterfahren, bis die Dichte abgenommen haben würde.

Bis heute verstehe ich nicht, wieso die Wartenden die Ankommenden nicht aussteigen liessen. Ein grundsätzlicher Mangel an Höflichkeit war es nicht, hatten wir im persönlichen Kontakt doch fast ausnahmslos freundliche und hilfsbereite Chinesinnen und Chinesen kennengelernt. Angesichts der Menschenmassen hätte sich noch die Höflichkeit in Person in ein wildes Tier verwandelt. Doch rein logisch gesehen kann ich das Rein-Mosten bis heute nicht nachvollziehen. Denn je mehr Leute aussteigen können, desto mehr Platz hat es doch drinnen.

Gewappnet vom Shanghaier U-Bahn-Erlebnis stellten sich mein Partner und ich in chinesischen Städten mit intensiv frequentierten U-Bahnen im Wageninnern jeweils mit ausgefahrenen Ellenbogen vor die Tür, wenn wir aussteigen wollten. Und boxten allen, die reindrängten, in die Seite, bzw. rammten ihnen unsere Koffer in die Knie. Nicht sehr höflich, zugegebenermassen. Doch selbst für im Vergleich mit den Einheimischen grosse Westler wie uns war damals ohne Rammbock-Methode an ein Durchkommen nicht zu denken. Und ich gebe es zu, es war noch ganz befriedigend, sich gegen die Drängler zu stemmen. Denn auch diese waren zu der Zeit nicht gerade zimperlich im Umgang mit ihren Nächsten und Übernächsten, egal ob Chinesen oder Schweizer.

In einem anderen Fall, ebenfalls vor rund zwölf Jahren, brillierten wir geradezu angesichts vollendeter Höflichkeit. Und mussten deshalb vor der chinesischen Durchsetzungskraft kapitulieren – der Durchsetzungskraft von scheinbar zittrigen Greisen erst noch. Schauplatz war Putuoshan, eine buddhistische Pilgerinsel vor der Ostküste von China. Da wir an chinesischer Kultur und damit auch am Buddhismus sehr interessiert sind, wollten wir uns den Ausflug auf diese landschaftlich wunderschöne Insel nicht entgehen lassen. Die Hitze war sengend und wurde vom leichten Insel-Wind höchstens minim hin- und hergeschoben. So beschlossen wir, für eine längere Strecke einen der halböffentlichen Busse zu nehmen.

Bloss zu zweit standen wir eine halbe Stunde im Schatten eines Baumes. Just in dem Moment, als der kleine Bus heranfuhr, tauchte aus dem Nichts eine Gruppe chinesischer Senioren auf. Sie stürmten zum Bus, und die Reiseleiterin schirmte die Gruppe beim Einsteigen sehr effizient gegen uns ab. Nun gut, seien wir höflich und lassen die Betagten vor uns einsteigen, dachten wir.

Doch kaum war der letzte drin, brauste uns der Bus vor der Nase davon. Das tat weh.

Wir beschlossen, diese Schmach nicht auf uns sitzen zu lassen. Kampfbereit – und ja, auch schmorend unter der brennenden Sonne direkt an der Haltestelle – erwarteten wir den nächsten Bus. Halb geschmolzen, aber glücklich konnten wir nach weiteren 30 Minuten einsteigen. Der Stolz wirkte noch lange nach. Allerdings leicht geschmälert durch die Tatsache, dass neben uns keine weiteren Passagiere gewartet hatten. Aber lassen wir dieses Detail.

Auch wenn es gemäss zuverlässigen Berichten gut informierter Zeitzeugen in chinesischen U-Bahnen schon jahrelang keine Drängeltrauben mehr gibt, sondern die Leute brav und vorbildlich Schlange stehen: Die früheren Reisen in Städte mit einer hohen Bevölkerungsdichte haben mich geprägt. Das spüre ich beispielsweise dann sehr deutlich, wenn ich in der Schweiz in eine Menschenmenge gerate und automatisch den Schritt beschleunige. Will ich zu Stosszeiten in einen Zug einsteigen, steigt auch der Puls, und die Ellenbogen beginnen zu zucken. Drängen sich Mitreisende in Luzern vor, werde ich grantig. Falls Sie mich also einmal beim Ausführen eindeutig unhöflicher Gesten beobachten, bitte ich um Nachsicht. An sich bin ich nämlich ein ganz höflicher Mensch.
1. August 2016

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.