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Wohnen wie gewohnt – und gut vernetzt

Bei aller Vielfalt von Lebensstilen und finanziellen Möglichkeiten, die ältere Menschen unterscheiden, haben sie eines gemeinsam: Den Wunsch, möglichst lange in der gewohnten Wohnung oder im eigenen Haus bleiben zu können. Das zeigen zahlreiche Studien im In- und Ausland. Und das hat eine kleine, keinesfalls repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis bestätigt. Für die befragten Paare und Alleinlebenden, alle um die 60, ist klar: Die Miet- oder Eigentumswohnung, in der sie zurzeit leben, soll bis ins hohe Alter ihr Zuhause bleiben – sofern nicht zum Beispiel der Wohnungsmarkt zu einem Umzug zwingt.

Und was ist, wenn die körperlichen Kräfte nachlassen? „Dann engagieren wir zusammen mit Freunden für zwei, drei Haushalte eine Haushilfe, vielleicht eine Polin, die bei uns wohnt“, meint, nicht ganz ernsthaft, eine 65-jährige Freundin. Ans Altersheim will niemand denken, notfalls müsste man, wenn es gar nicht mehr anders geht, den Eintritt in ein Pflegeheim ins Auge fassen. Zwei Paare haben sich auch schon Gedanken gemacht, mit Bekannten zusammen mehrere Wohnungen im gleichen Haus zu mieten; dann könnte man sich gegenseitig unterstützen. Von verschiedenen neuen Wohnformen, die heute zur Diskussion stehen, haben alle schon gelesen. Sie finden es sinnvoll, dass es Haus- und Wohngemeinschaften für Ältere gibt, Betreutes Wohnen, Altersresidenzen. Aber für sich selber ziehen sie solche eher nicht in Betracht.

Die Babyboomer
Was sich heute in der alternden Gesellschaft deutlich abzeichnet, wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten akzentuieren: Es werden mehr alte Menschen, auch mehr Hochaltrige und Alleinlebende in der Stadt wohnen. Und es werden auch mehr ältere Menschen ausländischer Herkunft unter uns sein.

Die Babyboomer kommen ins Alter. Sie pflegen individualistische Lebensstile und werden diese wohl beibehalten. Es zeichnet sich ab, dass sie sich stärker als frühere Generationen mit ihrem Leben im Alter auseinandersetzen und einige von ihnen eigene (Wohn)Projekte verwirklichen. Dennoch kann nur ein differenziertes Wohnangebot dieser Generation gerecht werden, ergänzt mit bewusst geförderten sozialen Netzen und unterschiedlichen ehrenamtlichen und professionellen Unterstützungs- und Assistenzdiensten. Es ist abzusehen, dass auch die Mehrheit der Babyboomer wünscht, so lange als möglich in ihrer Wohnung bleiben zu können.

Sicherheit und Autonomie
Dieser Wunsch wird auch in der Fachwelt respektiert. Denn autonomes Wohnen bedeutet nicht nur Lebensqualität und Privatheit, sondern stützt auch die Gesundheit. Sicherheit und Autonomie sind zwei zentrale Werte für eine bis ins hohe Alter zufrieden stellende Wohnsituation. Dafür gibt es freilich ein paar Voraussetzungen, die heute noch lange nicht überall gegeben sind. Zunächst ist es von Vorteil, wenn die Wohnung mit dem Lift erreichbar und möglichst barrierefrei ist, sodass sie dereinst auch mit dem Rollator begehbar ist. Und sie muss mit einem im Alter oft geringeren Einkommen  bezahlbar sein.

Das Quartier als sozialer Lebensraum
Die Wohnsituation endet nicht an der Wohnungstür. Ebenso zentral ist das soziale Umfeld, etwa die Nachbarn, mit denen man bei zufälligen Begegnungen ein paar Worte wechselt, die einem eine Glühbirne auswechseln oder den Wäschekorb in den Keller tragen – und die auch mal froh sind, wenn der ältere Wohnungsnachbar für ein paar Stunden als Leih-Grossvater zur Verfügung steht. Der Alltag ist im höheren Alter leichter zu bewältigen, wenn sich die Einkäufe im Quartier erledigen lassen, der Kiosk um die Ecke liegt und man auf dem Weg einen Kaffee trinken und Bekannte treffen kann. Umso besser, wenn es dafür das Quartierzentrum gibt. Oder wenn die Sitzbänke im kleinen Park zum Gespräch einladen. Weil der Lebensradius auch im Alter nicht aufs Quartier beschränkt bleibt, zählt auch die Anbindung an den öffentlichen Verkehr, die Bushaltestelle in der Nähe.

Bedarfsgerechte Unterstützung
Es gibt Menschen, die bis ins hohe Alter fit und völlig selbständig bleiben. Andere brauchen früher oder später Unterstützung, weil die Kräfte nachlassen. Das selbständige Wohnen muss deshalb kein Ende haben – vorausgesetzt, die notwendigen ambulanten Assistenzdienste sind vorhanden und bekannt. Dem individuell sehr unterschiedlichen, sich zeitlich verändernden Unterstützungsbedarf entsprechend ist eine breite Palette von Angeboten sinnvoll: Von der informellen Nachbarschaftshilfe über Beratungs- und Besuchsangebote bis hin zur Spitex, der professionellen ambulanten Pflege. Auf diesem Feld besteht sicher Ausbaubedarf, wenn das selbständige Wohnen auch künftig für immer mehr Betagte möglich bleiben soll.

Frühzeitig über die Wohnzukunft nachdenken
Wie will ich selber wohnen – im jüngeren Alter und wenn ich einmal hoch betagt bin? Auch wenn sich die Zukunft nicht voraussehen lässt, ist es sinnvoll, sich darüber frühzeitig Gedanken zu machen und nicht fatalistisch abzuwarten, bis kaum mehr Entscheidungsspielraum besteht. Das heisst: Zunächst seine eigenen Vorstellungen klären, das soziale Umfeld mit bedenken, aber auch die vorhandenen Rahmenbedingungen anschauen: Wie sieht das Wohnungsangebot aus? Kommen die Quartierstrukturen den Bedürfnissen im Alter entgegen?

Eine soziale Stadt ist eine altersgerechte Stadt
Manches, was spezifisch aus Sicht der Alterspolitik notwendig erscheint, kann letztlich der ganzen Bevölkerung dienen: Eine soziale Wohnraumpolitik, durchmischte Quartiere, die Anerkennung von Freiwilligenarbeit – das alles ist altersgerecht und gleichzeitig sind es wichtige Merkmale einer sozialen Stadt für alle.

Was wäre zum Beispiel, wenn Bauherrschaften – seien sie privat, genossenschaftlich oder städtisch – die Wünsche älterer Mieter und Wohneigentümerinnen ab sofort schon in die Planung miteinbeziehen würden. Wenn sie bei Neubauten oder Renovationen die Standards hindernisfreier Wohnungen umsetzen würden. Wenn sie auch flexible Wohneinheiten anbieten würden, die sich bedarfsgerecht verkleinern oder vergrössern lassen. Altersgerecht heisst nicht zwingend altersspezifisch; jede Wohnung kann so beschaffen sein, dass sie als Familienwohnung ebenso taugt wie später als Alterswohnung für Alleinlebende.

All dies trägt dazu bei, die Bedürfnisse der Älteren – aber eben nicht nur diese – umzusetzen. Last but not least dürfte eine Stadt sogar Spareffekte verzeichnen, wenn sie mittel- und langfristig entsprechende Rahmenbedingungen zur Integration und zum möglichst langen eigenständigen Wohnen schafft. Fachleute schätzen, dass stationäre Wohnformen mehr kosten.
Marietherese Schwegler – 17. September 2012

Der dritte Beitrag der Serie erscheint Ende September. Er befasst sich mit dem Theme: Altersdurchmischt wohnen in einer Genossenschaft.

Zum ersten Beitrag: Daheim oder im Heim? Alternativen sind gefragt