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Komprimierte Krimis

von Meinrad Buholzer

Seit Wochen versucht eine Sonntagszeitung, uns mit einem Sonderangebot zu locken: Mit 16-seitigen Zusammenfassungen von Klassikern der Kriminalliteratur. „Gänsehaut und Suchtpotenzial sind garantiert!“, schreibt die Zeitung dazu.

Neu ist das nicht. Die Sonntagsausgabe jener Zeitung, die am Werktag durchaus zu Recht den Ruf des besten und seriösesten Printmediums der Schweiz geniesst, deckt uns bereits seit Jahren mit solchen Destillaten von klassischen Werken der Philosophie, der Literatur oder der Wirtschaftswissenschaften ein. Die Firma getAbstract, die diese Konzentrate ausstösst, beschreibt ihre Produktion als „eine unverzichtbare Bibliothek für jeden, der sich ohne grossen Zeitaufwand mit den Meisterleistungen der Weltliteratur vertraut machen will“. Nun habe ich durchaus Verständnis, wenn sich Studenten, angehende Wirtschaftswissenschaftler beispielsweise, im Zeitalter des Studiums bolognese  gewisse Pflichtwerke ihrer Fakultät in komprimierter Form zur Gemüte führen. Schon bei der Philosophie oder der Literatur aber melden sich bei mir Vorbehalte gegenüber einer Akademikerelite, die die Originalwerke nur noch aus eingedampften Interpretationen oder fact sheets kennt. Auf der Strecke bleibt bei dieser Praxis – unter anderem – die Erfahrung des Lesens.

Bei den Krimis aber sind solche Konzentrate vollends lächerlich, überflüssig und widersinnig; Ressourcenverschwendung obendrein. Der Zweck dieser Literaturgattung ist, dass sie uns mitfiebern (und die alltägliche Umgebung vergessen) lässt. Wenn ich einen Kriminalroman lese, dann will ich möglichst gut unterhalten werden, will beim Lesen Lust und Spannung empfinden – und ich nehme an, dass diese Meinung mehrheitsfähig ist. Bei meinen bevorzugten Autoren kann es sogar vorkommen, dass ich die Lektüre vorsätzlich ausdehne, sie sozusagen einer Diät unterwerfe, damit die Spannung möglichst lange anhält (diese Verzögerungstaktik ist wohl nicht mehrheitsfähig, meine Frau jedenfalls hält nichts davon). Einen Krimi als Konzentrat dagegen brauche ich nicht. Wenn ich keine Zeit habe für das Buch, brauche ich auch keine Kurzfassung. Ist witzlos. Wenn ich ins Kino gehe, will ich ja auch den Film sehen und nicht einen zusammenfassenden Trailer. Ein unpersönliches, abstraktes Resümee auch nur zu überfliegen – das wäre für mich Zeitverschwendung, nicht aber das stundenlange, anregende Lesen des Buches. „Gänsehaut und Suchtpotenzial sind garantiert“? – Ach was! Das kann uns nur einer suggerieren, der das Lesen schon vor langer Zeit aufgegeben oder gar nie kennen gelernt hat.

Aber Zeitersparnis ist ein schlagendes Argument. Erschlägt jegliches Nachdenken. Denn wir gewinnen ja etwas! Zeit! Und was machen wir damit? Sie mit anderen zeitsparenden Aktivitäten füllen? Weitere Zusammenfassungen lesen? Damit wir vieles wissen, aber nichts begreifen.
15. Mai 2015

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.