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Bahnhöfe

Von Judith Stamm

Ich fahre gerne, viel und  häufig Eisenbahn und fühle mich gelegentlich im Zug sogar „unterwegs zuhause“. Ich betrachte den Bahnhof ein wenig als Mittelpunkt meines täglichen Lebens. Hinter dem Bahnhof befindet sich mein Postfach. Da treibt mich  die Neugierde schon im Verlauf des Morgens hin. Und: „das Postfach ersetzt mir den Hund“! Durch diesen Spaziergang ist das tägliche „Bewegungsprogramm“ wenigstens symbolisch erfüllt!

Gemäss Medienberichten wollen die SBB unser Glück noch mehren. Ertragen wir, die Bahn-Fans, wirklich noch mehr Glück? Wir haben in Luzern zwar das beste Bahnhofbuffet aller Planeten und Zeiten. Das ist mehrfach belegt. Aber es ist dem Untergang geweiht, soll herausgerissen werden und noch attraktiveren Einrichtungen Platz machen. Die werden sicher funktional, gestylt und für gemütliches Zusammensitzen völlig ungeeignet sein. 

Die SBB wollen die Pünktlichkeit der Züge erhöhen. Zu diesem Zweck soll der Menschenfluss beim Ein- und Aussteigen beschleunigt werden. O weh, o weh! Was mache ich da als alter Mensch? Ich ertappe mich ja immer wieder dabei, dass ich gerne Vorsicht walten lasse, vor allem beim Aussteigen. Und auch schon war ich zu spät, die Reisenden auf dem Perron mussten meinetwegen mit Einsteigen länger warten. Nicht alle machten ein fröhliches Gesicht. Da werde ich eben in Zukunft wieder „einen Zack“ zulegen, solange ich das noch kann. Später sehen wir weiter!

Die SBB wollen auch in den S-Bahnen Sitzplätze verringern und zusätzliche Stehplätze schaffen. Bis zu 15 Minuten sei es den Kunden zumutbar, zu Stehen. Sie stehen ja jetzt schon, obs zumutbar ist oder nicht!

In der ersten Klasse soll das Gegenteil passieren. Die Zahl der Sitzplätze soll erhöht werden..  Diesseits und jenseits des Mittelganges soll es neu pro Gruppe je vier Plätze geben. Kapazitätssteigerung nennt sich das. Betrifft mich  nicht mehr. Ich habe von der ersten wieder in die zweite Klasse gewechselt. Der Preisunterschied schien mir nicht mehr gerechtfertigt. Und in der zweiten Klasse geht es lebhafter und lustiger zu und her. Man denke nur an die Unterhaltung durch die vielen Handygespräche. Vorn und hinten, links und rechts, immerwährende Redeflüsse! Bestätigt wurde ich durch eine Freundin aus den USA, welche mich verwundert fragte, wer denn in der Schweiz erste Klasse fahren wolle? Die zweite Klasse sei ja so komfortabel. Eben!

Das Glück voll machen sollen nun aber die zusätzlichen Verkaufsstände, welche die SBB auf den Perrons platzieren wollen. Das heisst, sie möchten diese Möglichkeiten in Form von Konzessionen den Gewerbetreibenden überlassen. Das gibt natürlich Geld, das ist ja der Zweck der Übung. Da sind die SBB voll, ich möchte fast sagen, brutal transparent. Aber meine Reaktion ist nur ein hilfloses „gohts no?“ Ist unsere Entwicklung zum immer, überall und jederzeit konsumierenden Zeitgenossen noch nicht abgeschlossen? Rennende, stehende, sitzende Esser und Esserinnen, mit und ohne „Schoppen“, allüberall, auf allen Wegen und Stegen! Und jetzt auch im Bahnhof auf den Perrons, wo sich heute doch zeitweise noch  wohlige Ruhe ausbreitet und ich beim Warten auf den Zug unter schweigenden Schicksalsgenossen  besinnlich meinen Gedanken nachhängen kann? Wenn  sich die Menge der Kunden in den Bahnhöfen nicht  lebhaft vermehren wird, dann werden die Einnahmen der Alteingesessenen schmelzen. Das wird wenigstens für Abwechslung bei den Angeboten sorgen. Wettbewerb ist ja angeblich immer gut! Neue optische und akustische Reize werden nicht auf sich warten lassen. Und das Bahnhofareal wird noch paradiesischer, noch schlaraffenlandähnlicher werden, als es jetzt schon ist. Ja, wie war das doch noch ein Aufbruch in neue Zeiten, als seinerzeit ein Name für die Einkaufsmöglichkeiten im Bahnhof Zürich gesucht wurde. „Shopville“ machte das Rennen, zu unser aller Verblüffung. Im Bahnhof Bern finde ich heute noch die Freunde meiner Kindheit wieder, die niedlichen, putzigen Tierchen  der Caran d`Ache-Reklame. Dort verbringe ich jeweils eine Gedenkminute. Nostalgie? Die Entwicklung hin zu einer „nationalen, zusammenhängenden Konsumplattform mit Geleiseanschluss“ wird sich kaum aufhalten lassen. Aber in fernerer Zukunft wird die Dynamik wieder kippen, dann wird wieder das „Weniger ist mehr“ wieder angesagt sein, auch in den Bahnhöfen! Das werde ich zwar nicht mehr erleben, aber darauf freuen kann ich mich trotzdem!

Zur Person
Judith Stamm,
geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971-1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983-1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 -1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und deren Rütlikommission. Heute geniesst sie ihren Ruhestand in Luzern.