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Kombinationen des Grauens

Von Karin Winistörfer

Manchmal denke ich, ich hätte schon viele Abgründe gesehen. Abgründe kulinarischer Art. Da waren etwa die gekochten Puppen des Seidenspinners. Die Insekten wurden auf nach meinem Geschmack viel zu vielen Trottoirs in Südkorea zum Kauf angeboten. Allein der Geruch löste bei mir heftige Übelkeit aus. Der Häufigkeit des Angebots nach zu schliessen galt das nicht für die Südkoreaner. In meinem Kopf ging das einfach nicht zusammen: Ein Volk, so hochmodern und vernetzt in blitzenden Städten lebend – ass als Snack verpuppte Raupen.

Bleiben wir bei Snacks und wechseln nach China. Dort gibt’s in vielen Läden gleich bei der Kasse Säcklein zu kaufen. Doch statt Süssigkeiten stecken dort getrocknete Innereien drin. Da diese weder sehr appetitlich noch sehr vegetarisch aussahen, fiel die Verkostung als Option weg, weshalb bis heute unklar ist, ob es sich dabei eigentlich um salzige Snacks oder süsse Desserthäppchen handelte.

Doch man muss gar nicht in die Ferne schweifen, denn manchmal liegt das Üble so nah. Etwa im Konfi- oder alternativ auch Nutella-Glas, dessen Inhalt der Nachwuchs wahlweise aufs Brot schmiert und mit einer Scheibe Salami dekoriert oder aber direkt auf dem Cervelat platziert. Wie singen doch die Schwiizergoofe in ihrem bekannten Lied fürs Mami? „Ohni Diich, würdi Fleisch mit Konfi ässe, ohni Diich…“ Also meiner Erfahrung nach passiert das nicht nur ohne, sondern auch mit Mami am Tisch.

Anspruchsvoll war auch der Moment, in dem ich das Glas Orangensaft der Tochter austrinken wollte. Es schwamm eine Lyonerscheibe drin. Sie weiche das Fleisch gern im Saft ein, beschied mit die Tochter. Um ihrem Bruder gleich darauf zum wiederholten Mal lautstark vorzuwerfen, er stinke – weil er ein Schokoladejoghurt gegessen hatte, dessen Geruch der Älteren nicht passt. Da verstehe einer noch den Geschmack von Kindern.

Ja, überhaupt Kinder. Ich bin vor langer Zeit auch mal eins gewesen. Kulinarisch selbstverständlich schon damals zu 100% stilsicher. Doch erinnere ich mich genau und mit einem Schaudern, wie wenn es gestern gewesen wäre: Eine Freundin schwor auf Bananen. Mit Mayonnaise. Ich bin nicht ganz sicher, welchen Platz in der Hitparade der absonderlichsten Geschmackskombinationen diese erhält. Ich würde sie weit oben rangieren, sogar noch knapp vor der Fleisch-Nutella-Kombination. Die präzise Einreihung der Seidenspinnen-Puppen-Snacks und der getrockneten Innereien in die Hitparade des Grauens ist mangels Degustation zwar nicht möglich. Angesichts der Breite kulinarischer Abgründe hat es an der Spitze – bzw. ganz unten in der Tiefe – aber durchaus auch Platz für mehrere Kandidaten.

26. Mai 2017

Zur Person

Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.