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Eine Verarmung des Gesprächs

Von Meinrad Buholzer

Die Vorstellung, mit einer Maschine über die Stimme zu kommunizieren, löst bei Kolumnist Meinrad Buholzer Unbehagen und Widerstand aus.

Ich bediene die Maschinen lieber mit Knöpfen und Schaltern und – heute unumgänglich – mit Berührung (obwohl ich versuche, die in diesem Wort antönende „Rührung" zu vermeiden; naheliegender ist oft der Ärger). Ich kann nicht ausschliessen, dass meine Befürchtungen in mangelndem Wissen (sprich Naivität) über die Errungenschaften sprachgesteuerter Computer gründet. Und zweifellos arbeiten die einschlägigen Unternehmen permanent an der Optimierung und der Ausmerzung der Mängel. Aber das ficht mich nicht an: Ich bleibe optimierungsresistent. Erstens, weil ich nicht möchte, dass ein Apparat meine Gespräche verfolgt. Zweitens, weil ich befürchte, dass ein in einem Gespräch zufällig gesprochenes Wort eine Aktion des Apparates auslöst, die ich nicht gewollt habe.

Die Redelust einschränken

Drittens frage ich mich, ob diese Technologie nicht zu einer Verarmung des Gesprächs führt, im Sinne einer Selbstdisziplinierung. Weil man stets auf der Hut ist, dass nicht irgendein Apparat sich in Betrieb setzt, wenn er ein Wort aufschnappt (Kaffeemaschinen tun dies manchmal, weiss ich aus Erfahrung, sogar ohne Sprachsteuerung). Das könnte dazu führen, dass wir das Reden ein- und beschränken, auf das Notwendige. Nun schadet es zwar nicht, wenn wir zuerst denken und dann reden. Wenn dies aber nur aus Rücksicht auf eine zusammengenietete und -geschraubte Maschine passiert, dann dünkt mich das eine unangemessene und verhängnisvolle Einschränkung unserer Redefreiheit. Man darf und muss manchmal auch von der Leber weg reden.

Abhorchen im Polizeiwagen

Es ist nicht unmöglich, dass meine Befürchtungen vom so genannten Fortschritt im Silicon und anderen Valleys überholt werden. Aber so ganz aus der Luft gegriffen sind sie offenbar nicht. Bekanntlich hat die Basler Polizei in ihren Wagenpark sieben kostbare Teslas (Stückpreis 140 000 Franken), doch sind sie vorläufig aus Gründen des Datenschutzes nicht diensttauglich. Tesla im fernen Kalifornien könnte nämlich immer verfolgen, wo die Autos gerade im Einsatz sind. Zudem könnten die sprachgesteuerten Funktionen im Auto von Tesla ausgewertet – im Klartext: abgehorcht – werden. Abgesehen davon, dass der Hersteller auf das Fahrzeug zugreifen und dessen Kapazitäten (wie etwa die Reichweite) erhöhen oder einschränken kann. Man stelle sich vor, dem Polizei-Tesla würde während einer Verfolgungsjagd das Tempo gedrosselt.

Das rührt an die Frage von Besitz und Eigentum. Wir verlieren nämlich bei dieser neuen Praxis schleichend die uneingeschränkte Verfügbarkeit über das was wir mit teurem Geld erworben haben. Man weiss in jenen Firmenzentren permanent, wo wir sind und was wir tun – und man kann uns den Hahn auf- oder zudrehen. Selbstverschuldete Unmündigkeit (aus der wir uns in der Aufklärung angeblich befreit haben)?

Aber die Künstliche Intelligenz hat (für mich) auch heitere Seiten. 2015 wurde bei Nagasaki „das Hotel der Zukunft" eröffnet, ausgestattet mit Robotern für fast alle Jobs. Jetzt wurden die treuen Helfer, die nach den Intentionen ihrer Produzenten die Menschheit weiter bringen sollen, gefeuert, stillgelegt oder verschrottet. Und durch Menschen ersetzt. Die hilfreichen Assistenten waren nicht so hilfreich wie erwartet. Unter anderem konnte der Zimmerassistent „Churi" offenbar Schnarchgeräusche nicht richtig einordnen. „Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden", meldete er sich aufdringlich bei den Schlafenden. „Können Sie ihre Frage wiederholen?" Um den Schlaf wars dann geschehen. - 14.2.2019

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro. Sein neues Buch "Always a Pleasure - Begegnungen mit Cecil Taylor" ist dem verstorbenen Free-Jazz-Pionier und Pianisten gewidmet.