site.php

site_theme_paths.php

 

Martin Merki: „Die Stadt ist in der Alterspolitik gut unterwegs.“

Über die neue Anlaufstelle Alter und die präventiven Hausbesuche habe Luzern gute Voraussetzungen, um dem in der Studie von Sozialwissenschaftler Carlo Knöpfel aufgezeigten Mangel an Betreuungskräften etwas entgegenzusetzen, sagt Sozialdirektor Martin Merki.

Von René Regenass

Neben der Pflege wird eine gute und bezahlbare Betreuung älterer Menschen, die noch keine oder nur eine minimale medizinische Pflege brauchen, immer wichtiger. Dies ergab eine Recherchestudie von Sozialwissenschaftler Carlo Knöpfel im Auftrag der Gemeinnützigen Paul Schiller Stiftung in Zürich. Diese Erkenntnis stützt sich auf die Tatsache, dass die zeitliche Verfügbarkeit von Angehörigen und Bekannten für die Betreuung immer knapper und der Bedarf an Entlastung grösser wird.

Wie will die Stadt Luzern dieser Entwicklung begegnen?
Martin Merki: Die Untestützung pflegender und betreuender Angehöriger ist ein wichtiges Anliegen der Stadt Luzern. Wir stellen fest, dass die Angebote heute teilweise nicht in Anspruch genommen und die zur Verfügung stehenden Budgets nicht ausgeschöpft werden. Im Rahmen des Pilotprojekts «Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen» soll diese Problematik vertieft angegangen werden. Dank der neuen «Anlaufstelle Alter» haben wir seit Anfang 2018 auch ein Instrument, um solchen Fragen auf den Grund zu gehen. Über die Präventiven Hausbesuche, die bereits angelaufen sind, kann der Bedarf besser abgeschätzt und können erste Massnahmen eingeleitet werden.

Die öffentliche Hand ist bis jetzt fast ausschliesslich in der Finanzierung der Heim- und Spitexpflege engagiert. Die wenigen privaten Betreuungsangebote können sich längst nicht alle Hilfsbedürftigen leisten. Und die Dienste von Freiwilligen werden den wirklichen Bedarf in keiner Weise abdecken können. Wie soll der Bedarf an Betreuung bezahlt werden?
Die Finanzierung der öffentlichen Hand beschränkt sich nicht nur auf die Pflege. Bereits heute wird auch den Aufenthalt in Heimen mitfinanziert (Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, Zusatzleistungen der Stadt). Der «wirkliche Bedarf» an Betreuung ist nicht bekannt und man kann darüber nur spekulieren. Was aber nicht heisst, dass man nichts machen soll. Mit der Unterstützung von Freiwilligenangeboten und Nachbarschaftsnetzwerken, aber auch mit punktuellen Entlastungsangeboten ist einiges möglich. Für die Betreuung von Personen, welche ihre letzte Lebensphase zu Hause bleiben wollen, sind vielleicht neue Formen von Begleitung notwendig. Der Grosse Stadtrat hat mit der Überweisung einer Motion zum Thema «Quartierarbeit für alle Generationen» den Stadtrat beauftragt, mögliche Massnahmen in diesem Bereich abzuklären.

Die Paul Schiller Stiftung, welche die Studie in Auftrag gegeben hat, fordert die gesetzliche Verankerung des Anrechts auf Betreuung, im Sinne eines Service Public. Kann eine Gemeinde hier aktiv werden? Wenn nicht, wer ist gefordert?
Innovative Gemeinden wie die Stadt Luzern können pilothaft ausprobieren, welche Modelle wirksam sind. Aus diesen Erkenntnissen können Lösungen entwickelt werden, welche dann auf gesetzlicher Ebene beim Bund und den Kantonen verankert werden. Gefordert sind auch die heutigen Leistungs­erbringer, ihr Angebot dem sich verändernden Bedarf anzupassen.

Herbert Bühl, Präsident der Stiftung und früherer Gesundheits- und Sozialdirektor im Kanton Schaffhausen, sieht vor allem Betreuungsaufgaben wie Fahrdienste, Einkäufe, Haushaltsarbeiten oder sozialer Zuwendung. Das Anrecht auf Betreuung müsse auf Bundesebene gesetzlich geregelt werden. Herbert Bühl nennt vier Möglichkeiten: Regelung im KVG, Ausbau der Ergänzungsleistungen, eine neue Pflege- und Betreuungsversicherung oder der Ausbau der Hilflosenentschädigung. Sind diese Vorschläge realistisch?
Sie wären wünschbar – angesichts der aktuellen Debatte in den nationalen Räten zu den Ergänzungsleistungen bin ich aber etwas skeptisch. Es wird vor allem darüber geredet, wo man Einsparungen machen kann, da stehen Forderungen nach zusätzlichen Leistungen etwas quer in der Landschaft.

Sehen Sie als Sozialdirektor persönlich eine Möglichkeit, hier einen Beitrag zu leisten?
Die Stadt Luzern ist in diesen Fragen gut unterwegs. Die Alterspolitik der Stadt Luzern hat sich in den letzten acht Jahren in allen Bereichen stark weiterentwickelt und wir versuchen, dort wo wir können, auch Einfluss zu nehmen, innovative Wege zu gehen und präventiv zu handeln. Die Einflussmöglichkeiten einer einzelnen Gemeinde auf eine komplexe gesamtgesellschaftliche Herausforderung dürfen aber nicht überschätzt werden.
27. März 2018

http://gutaltern.ch/