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Nicht sehen und nicht gesehen werden

Von Michael Kuhn

Die Augen sind Spiegelbild der Seele. Für Medizinkundige weniger romantisch das Guckloch zum Hirn. Und auch bei den Religionen müssen sie für allerlei Vergleiche hinhalten, wie das berühmte «Auge um Auge». Genau das wollte ich die letzten Wochen nicht. Mir genügte es, dass sich das Licht eines Auges davonstehlen wollte. Netzhautablösung. So wurde ich durch eine Operation vom Sehenden – wenn auch ohne Brille eher einem Maulwurf gleich – ein sichtbar Sehbehinderter.

Das hatte durchaus komische Momente. Etwa wenn meine Kinder auf sichtbare Distanz zum geschwollenen, blutunterlaufenden Auge gingen – es könnte ja ansteckend sein. Zumindest war es «gruusig». Aber irgendwie wieder cool. Also in Kinderaugen. Vor allem, weil einige Kindergartengspändli meines Sohnes seinen eher zugespitzten Schilderungen Glauben schenkten, mein Auge sei chirurgisch aus der Augenhöhle entfernt, ausserhalb operiert und wiedereingesetzt worden. Kein Wunder, wollte mich so manches Mädchen und so mancher Junge ganz genau anschauen.

Dann gab es diese Zwischenmomente. Sollte ich nun lachen oder weinen? Oder schreien? In den ersten Tagen nach der Operation etwa, als ich mit Sonnenbrille, fahl und schwächlich, für jeweils kurze Zeit das Haus verliess. Und da waren sie. Die geschätzten Mitmenschen. Einige gingen mir merklich aus dem Weg. Es kann schliesslich nicht geheuer sein, wenn ein Mann bei wolkenverhangenem Himmel mit Sonnenbrille unterwegs ist. Ein älteres Paar schüttelte nur mitleidig den Kopf. Einige Jugendliche schrieben mich dagegen einer Squad zu – dem Jugendwort für eine extrem coole Gruppe. Meist wurde ich aber den Asozialen zugerechnet. Als ich jeweils meinen Sohn spazierenderweise zum Kindergarten brachte, erntete er hie und da Mitleid. Einen so randständigen Vater zu haben. Tzzz. Genau in einem solchen Fall müsste doch die Kesb eingreifen.

Das tat sie nicht. Es gibt auch keinen Grund. Dennoch war ich erleichtert, als ich die dunklen Gläser wieder absetzen konnte. Und nicht mehr «Ich will einen Pullover mit dem Aufdruck: Ich trage diese Sonnenbrille nicht, um cool auszusehen, sondern weil ich eine Augen-OP hatte!» schreien wollte. Doch auch die Klarsichtgläser brachten einen Nachteil. Jeder und jede konnte mein Zombie-Auge sehen. Das wäre an Halloween sicher der grosse Hit gewesen – also für Kinder –, aber an allen anderen Jahrestagen scheinen die Menschen knallrote Augen nicht begeistert zu feiern. So wiederholten sich die Reaktionen; Unsicherheit, Ablehnung, Distanzsuchen und Mitleid.

Letzteres war gekoppelt mit Anteilnahme für die schönen Momente verantwortlich. All die Menschen, allen voran meine Familie, aber auch meine Kolleginnen und Kollegen im Büro, die mich unterstützten, mir die Augen öffneten – ohne chirurgisches Werkzeug -, dass ich mehr Geduld haben und mich auch mal in einen Moment der Schwäche ergeben solle. Das war wertvoll, berührend und gab mir den Halt, den ich durchaus gebraucht habe. Der Notfall, der mir wieder mal zeigte, wie rasch wir aus dem Alltag in eine ausserordentliche Situation gerissen werden können, war zwar kein Glücksfall, aber er brachte viel Positives zum Vorschein. Angefangen mit dem professionellen und hilfsbereiten Menschen, die mich in der Klinik begleitet, untersucht, anästhesiert und operiert haben. 

Vor allem aber: Ich bin der Papi, dem das Auge aus dem Kopf entfernt und wiedereingesetzt wurde. Wie cool ist das denn?

Zur Person
Michael Kuhn
, geboren 1979 im Kanton Aargau, ist seit Januar 2014 stellvertretender Geschäftsführer Corporate Media bei der Zürcher Kommunikationsagentur Swisscontent. Bis Dezember 2010 war Michael Kuhn Mitglied der Chefredaktion, stv. Ressortleiter und Journalist bei verschiedenen On- und Offline-Publikationen, darunter der «Handelszeitung», der «Luzerner Zeitung» sowie «cashdaily». Danach arbeitete er als Projektleiter und Head of Digital Media für Ringier. Er wohnt mit seiner Partnerin und seinen zwei Kindern in der Stadt Luzern.