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Karl Bühlmann

Karl Bühlmann

Offenbarung auf dem Friedhof

Von Karl Bühlmann

Der Flaneur Karl Bühlmann sinniert beim Friedhofspaziergang über wichtige und sich für wichtig haltende Persönlichkeiten – von den alten Römern bis zu heutigen politischen Grössen.

Wie wohl das tut! Nach der Lektüre der Sonntagszeitungen durch den Camposanto-Friedhof bei der Hofkirche zu flanieren. Kein D.T. weit und breit! Unter den toskanischen Arkaden verweile ich bei der einen und anderen Grabstätte und lese die in Stein gemeisselten Epigramme. Beim rötlichen Denkmal, das Josef Wilhelm Amrein-Troller würdigt, dem Begründer des Gletschergartens, bleibe ich stehen.

„Die Friedhöfe sind voll von Leuten, die sich für unentbehrlich hielten“, sagt man in Frankreich. Daran denke ich nie, wenn ich über Gräberfelder gehe. Für Historiker halten Friedhöfe viel Geschichte, noch mehr Geschichten und menschliche Schicksale zum Zugreifen bereit. Glücklicherweise sind die Steine stumme Zeitzeugen und keine audiovisuellen und lärmigen Influencer. Ganz im Gegensatz zu den lebenden 24-Stunden-Nutzern von sozialen Netzwerken, überTwitter, Blogger, Chatter, Facebook, Instagramm, Snapchat, YouTube, WhatsApp. Sie halten sich oder ihre Schnapsidee für unentbehrlich und degenerieren die social media zu asozialen Medien. Als Multiplikatoren von Namen, Kommentaren, Bosheiten, Verleumdungen, Tiraden, Mumpitz und Firlefanz, die wir weder hören noch lesen wollen, nerven sie die andere Hälfe der Menschheit.

Der nationale und regionale Public Service ist davor nicht gefeit. Jede Nachrichtensendung und Zeitungsausgabe räumen Mr. D.T. und seinen Irrungen täglich Schlagzeilen und Platz ein und wiederholen, wiederholen und wiederholen die Wiederholung in anderer Verpackung. Im journalistischen Sommerloch reiben sich Autoren (und -innen!) in den Blättern in jeder zweiten Kolumne, in fast jedem Gastbeitrag und in jeder Glosse an D.T. ab. Langeweile bis zum Überdruss! Wie wär’s zur Abwechslung wieder mal mit einem Filmchen oder Interview mit Hausi Leutenegger, Olympiasieger 1972, Bremser im Viererbob, braun gebrannt, in Badehose, am Swimmingpool? Seit einem ganzen Monat habe ich nichts mehr über ihn gelesen oder gesehen. Zufall oder Glücksfall oder ist etwas passiert?

Wie viel wohler ist es einem doch auf dem Friedhof. Da stehe ich also in der Gräberhalle vor der Ruhestätte von Josef-Wilhelm Amrein-Troller (1842-1881). Der Mann, Leiter der Filiale des Bankhauses Knörr am Schwanenplatz, beabsichtigte auf seiner Landparzelle neben dem Löwendenkmal eine Weinhandlung zu eröffnen. Dazu brauchte er einen kühlen Weinkeller, am besten im Felsen. Beim Aushub in den dortigen Sandsteingrund kam 1872 ein Gletschertopf zum Vorschein, dann Findlinge und fossile Meeresmuscheln. Der Bauherr änderte seine Pläne, statt einer Weinhandlung eröffnete er ein Jahr später den Gletschergarten.

Leider war ihm als Direktor des Gletschergartens nur eine kurze Zeit vergönnt, er starb schon 39jährig. Und so stehen auf seinem Grabmal hinter der Hofkirche die Worte: „Was einst wilde Natur in langen Aeonen geschaffen, dann mit Trümmern gedeckt, ewiger Ruhe geweiht, Du erschlossest es wieder dem staunenden Auge der Menschheit, doch kaum war es vollbracht, deckte der Rasen Dich zu.“ – Dieser Nekrolog ist preiswürdig, literarisch, realistisch und emotional zugleich, ohne Fake-News.

Im Grunde genommen wollte ich nicht über D.T. schreiben. Eigentlich habe ich es auch nicht getan, höchstens indirekt. Aber vor dem Epigramm über Josef-Wilhelm Amrein-Troller liess mich der wohltuende Gedanke nicht mehr los, dass der Rasen früher oder später auch D.T. (72) zudecken wird. Worüber dann sich aufregen, twittern und zwitschern? Ein Gratis-Tipp, es gibt ein passendes Zitat von Bill Clinton, dem Vorvorgänger von D.T. und heisst: „Ein Präsident ist wie ein Friedhofsverwalter. Er hat eine Menge Leute unter sich, aber keiner hört ihm zu.“ Schön wär’s.

PS.  Nach 2200 Jahren ist es an der Zeit, Catos berühmtes Diktum „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ im römischen Senat („Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“) ins aktuelle Zeitgeschehen zu transferieren: „Ceterum censeo Donaldum Bucinum dignitate esse spoliandum.“ (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Donald die Trompete von seinem Posten gestossen werden sollte.)
27. Juli 2018

Zur Person
Karl Bühlmann (1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.