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Organisieren

 Von Karin Winistörfer

 Erholsam ist vielleicht nicht so der richtige Ausdruck. Machbar schon eher. Ja, doch. Es war machbar, mit zwei kleinen Kindern 80 Prozent zu arbeiten. Mit zwei VORSCHUL-Kindern, um präzise zu sein. Zweimal die Woche morgens in die Kinderkrippe bringen, abends wieder abholen. Solange alle gesund waren, funktionierte dies tipptopp. Ein Papitag, ein Grosselterntag. Die Kinder bauten sich in der Kita ihren Freundeskreis auf, und sie haben eine tolle Beziehung zum Papa und zu den Grosseltern.

Als das Schreiben im Briefkasten liegt, ist es natürlich keine Überraschung. Und trotzdem werfen die Anmeldeunterlagen für den Kindergarten alles über den Haufen. Denn seit Februar habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich die Betreuung wohl organisieren könnte, wenn die Tochter in den Kindergarten kommt; dieser dauert morgens von 8.15 bis 11.45 Uhr. Plus einen Nachmittag von 13.45 bis 15.20 Uhr. Was mir eine netto-Präsenzzeit im Büro von 16 Stunden pro Woche erlauben würde.

Eine haarscharfe Analyse zeigt: Das ist markant ungenügend. Die Arbeitszeit muss doppelt so lang sein. Zuerst erwäge ich eine Doppeleinschreibung desselben Kindes in den Kindergarten zwecks Verdoppelung der Arbeitszeit, verwerfe die Option aber rasch wieder.

Vielleicht also eine Nanny, welche unsere Kinder zu Hause betreut? Leider sagt die anvisierte Kandidatin ab. Oder die Weiterbetreuung in der bewährten Kindertagesstätte? Leider befindet sich diese am anderen Ende der Stadt, 40 Velominuten pro Weg. Ich hätte also am Morgen den Sohn in die Kita und danach die Tochter in den Kindergarten bringen müssen. Am Mittag die Tochter vom Kindergarten zur Kita fahren. Und am Abend beide Kinder abholen. Was eine zweistündige Velotour ergeben hätte. Nun fahre ich ja sehr gern Velo, und Luzern ist eine wunderschöne Stadt. Aber dreimal die gleiche Strecke pro Tag. Bergaufwärts mit besetztem Veloanhänger. Zweimal zu Stosszeiten. Und das ohne Elektroantrieb. Das muss nicht sein.

Was nicht sein muss, ist anders zu organisieren. Zufällig treffe ich kurz vor den Sommerferien eine Kollegin, die neu in unser Quartier gezogen ist und ihre Kinder einmal pro Woche mittags in die Kita, in unsere Kita, bringt. Sie würde unsere Tochter auch hinfahren. Die zwei übrigen Vormittage organisiere ich für den Sohn – zeitlich haarscharf vor Schulbeginn – einen Platz in einer Kita in unserem Quartier.

So, nun ist alles geritzt.

Denke ich. Jedenfalls bis zur Nagelprobe in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien.

Einfachster Tag: Papitag – alles bestens.

Zweit-einfachster Tag: Grosselterntag – alles bestens.

Dritt-einfachster Tag: Mein Partner übernimmt den morgendlichen Kita-/Kindergartendienst, ich hol die Kleinen am Mittag ab – alles bestens.

Viert-einfachster Tag: Velofahrt mit Sohn in die Kita am andern Ende der Stadt, Mittagstransport der Tochter in die Kita durch die Kollegin, abends abholen per Velo – alles bestens.

Fünft-einfachster Tag – nichts ist bestens. Um 6 Uhr aufstehen, duschen, anziehen, kein Frühstück. 6.30 Uhr Mittagessen vorbereiten. 6.30 Uhr! So früh Risotto kochen und Zucchini braten ist abartig. Ganz abgesehen von den Gerüchen. Item. Kinder wecken, Zmorge aufstellen und wegräumen, Sohn anziehen und wickeln, Tochter beim Kindergartentäschli-Füllen helfen. Salat waschen, Tisch decken. Fürs Zmittag! Um 7.30 Uhr! Dann Sohn in die Kita im Quartier und Tochter in den Kindergarten bringen. Um 8.30 Uhr im Büro. Ich fühle mich, als wäre schon tiefer Nachmittag. Um 11.15 Uhr Sohn von der Kita, danach Tochter im Kindergarten abholen. Ausserplanmässig den entlaufenen Sohn auf dem Spielplatz einfangen – Glück gehabt, der Zeitplan hält. Nach Hause, Mittagessen aufwärmen, essen, Dessert. Tochter zum Kindergarten bringen. Mit dem Sohn Wocheneinkauf machen. Alles heimfugen, einen Teil verstauen. Tochter vom Kindergarten abholen. Den Rest der Einkäufe verstauen. Es dürfte gegen Mitternacht gehen, gefühlsmässig. Doch ist erst 15.30 Uhr. Und im Büro war ich bloss 2 ¾ Stunden …

Schnell ist klar: So nicht. Die Organisation ist zu modifizieren. Deshalb gehen nun beide Kinder am fünft-einfachsten Tag in die Kita, die Tochter wird von dort aus in den Kindergarten begleitet und wieder abgeholt, isst mit dem Bruder. Um 13 Uhr hol ich die beiden in der Kita wieder ab. Der Tag rückt auf der Einfachheitsskala deutlich vor – alles bestens.

Alles bestens?

Den Gedanken daran, dass wohl in einem Jahr der Schuleintritt der Tochter in einem deutlich weiter entfernten Schulhaus ansteht. Auch den Gedanken, dass zugleich der Kindergarteneintritt des Sohns erfolgen dürfte – diese beiden Gedanken verdränge ich aktiv. Und spreche mir schon mal einen Organisier-Orden zu, solang ich diesen noch verdiene. Denn, trotz allem Verdrängen ahne ich es dunkel: Bald, schon sehr bald kann ich wieder ganz von vorne anfangen, mit dem lieben Organisieren …
26. August 2015

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.