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Das Leben üben

 Von Otti Gmür

Immer wieder bin ich in meinem kleinen Haushalt mit Ordnen beschäftig. So begegnete mir auch ein Brief, den ich vor vierzig Jahren zum 70. Geburtstag an meinen Vater schrieb. Damals war ich 40-jährig. Vater war seit zwei Jahren pensioniert und das jüngste der neun Kinder war ausgezogen. Wir kamen noch als Gäste ins Elternhaus.

Aufgewachsen in einer grossen Familie mit zahlreicher Verwandtschaft und zudem auf dem Dorf, erlebte ich viele verschiedene Weisen alt zu werden. Auch der schnelle Tod und das langsame Sterben gehörten zu den Erfahrungen. Meine bewusste Beschäftigung mit Alter und Tod begann an den Kranken-  und Sterbebetten meiner Grosseltern, die ich als sorgend tätige und zufriedene Menschen erlebt habe.

20 Jahre später, war der Wandel von der Nachkriegs- in die Konsum- und Freizeitgesellschaft spürbar geworden. So ergaben sich neue Fragen an meine Eltern, wie sie nun frei von Erwerbszwang und familiärer Verantwortung ihr Alter gestalten würden? Sie lebten gut und geachtet im eigenen, inzwischen viel zu grossen Haus, bestellten den Garten und konnten noch reisen. Aber die gepriesene Dynamik und der unbedingte Fortschritts- und Wachstumsglaube waren durch Jugendunruhen und die Oelkrise in Frage gestellt. Auf meine provokativen Fragen gab Vater keine schnelle Antwort, aber ich meine, unsere Beziehung sei persönlicher geworden und er habe die Sorgen der jüngeren Generation aufgenommen. Konkret wurde das Haus etwas umgebaut und jüngere Menschen wurden Mitbewohner.

1974 erschien die kleine Schrift „Der Konflikt der Generationen - Jugend ohne Vorbild“ der amerikanischen Anthropologin Margaret Mead. Sie postulierte den  Wandel von Vorbildern von Alten - deren Zeit vergangen sei - zu neuen von Jungen, deren Zeit erst komme. Ihre Theorie entstand mit Bezug zu den Jugendrevolten der damaligen Zeit. Aber der heute noch verbreitete Jungendlichkeitswahn der inzwischen älter gewordenen Generationen könnte eine Folge dieser Theorie sein. Offensichtlich ist, dass die grossen Probleme unserer Zeit, eine Alles durchdringende Oekonomie, eine zwanghafte Mobilität, der unbedachte Verschleiss aller Ressourcen und der natürlichen Landschaft nicht von den Jungen gemacht worden sind, die heute oft ratlos vor ihrer Zukunft stehen.

In einer Gesellschaft in der ältere Menschen nicht nur die wachsende Mehrheit, sondern ganze ältere Generationen bilden, bekommt das Alter neue Bedeutung.

Ich meine dies weder als Theorie noch als Besserwisserei, sondern im spürbar machen, dass dem stetigen äusseren Wandel ein ebenso stetiges inneres Erkennen folgen sollte, das allerdings erst in einem einzuübenden Verhalten dem neuen Geschehen gerecht zu werden vermag. Das ist nun keine neue Theorie, denn Michel de Montaigne (1533/1592), einer der erstaunlichen frühen modernen Menschen, schrieb in seinem Essai: „Über das Üben“ (Nr. 6 im zweiten Buch) „Schwerlich wird die Erziehung zum diskursiven Denken, (...) je wirkungsmächtig genug sein, uns auf den Weg des Handelns zu führen, falls wir nicht gleichzeitig unsere Seele durch praktische Erfahrung ausbilden und in den Gang einüben.“ Damit sollten wir nicht erst im Pensionsalter beginnen, denn das Älterwerden beginnt früher. Die oft spöttisch erwähnte midlifcrisis ist wohl ein handfestes Zeichen dafür, dass für ein gutes Leben neben dem Haben das Sein ebenso geübt werden muss.

Zur Person:
Otti Gmür, Architekt und Publizist, gilt als einer der profundesten Kenner der Luzerner und Zentralschweizer Architekturlandschaft. Der 80-Jährige setzt sich seit Jahrzehnten mit viel Leidenschaft und Kontinuität mit Themen des Städtebaus und der Architektur auseinander. Wichtige Publikationen u.a.: "Stadt als Heimat - die Stadt, in der wir leben möchten " (1977), "Spaziergänge durch Raum und Zeit" (2003). Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern (2012).