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Pensionierung: Zwang oder neue Freiheit?

Von Cécile Bühlmann

Sie freue sich gar nicht auf ihre Pensionierung, weil sie es sich einfach nicht vorstellen könne, dass sie ihren Beruf von einem Tag auf den andern aufgeben müsse. Wer sei sie denn noch, wenn ihre Identität als Berufsfrau wegfalle, zudem fühle sie sich überhaupt noch nicht müde und ausgelaugt vom Job. Sie würde gerne weiterarbeiten, wenn sie denn nur könnte. Diese Aussage einer Freundin fand in der angeregten Tischrunde viel Verständnis und von Frauen in ähnlicher Situation rege Zustimmung. Mein Einspruch, dass das Leben nach der Pensionierung die grosse Freiheit und neue Möglichkeiten und Erfahrungen mit sich bringe, fand hingegen weniger Gehör. Ich war mit dieser Meinung klar in der Minderheit. Ist diese Tischrunde repräsentativ, fragte ich mich.

Eine Studie des Büros Infras aus dem Jahr 2012 kommt zum Ergebnis, dass ein Fünftel der Werktätigen über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeiten möchte. Eine Studie der UNI und ETH aus dem Jahr 2013 kommt zum Ergebnis, dass 80% der Befragten sich eine Weiterbeschäftigung vorstellen könnten. Ein Jahr später kam eine Befragung in der Bundesverwaltung zum gleichen Ergebnis wie die Infras-Studie: Ein Fünftel möchte weiterarbeiten.

Dabei ist die Feststellung interessant, dass die oberen Kader dem eher zustimmten als die unteren. Unsere Tischrunde war also insofern repräsentativ, als dass alle TeilnehmerInnen anspruchsvolle Berufe in führenden Rollen ausüben. Es waren keine schwer körperlich Arbeitenden dabei. Da kämpfen Gewerkschaften für vorzeitige Pensionierungen, weil die Leute ausgelaugt und gesundheitlich angeschlagen sind.

Die beiden Extreme zeigen die ganze Absurdität fixer Pensionierungsgrenzen. Es würde absolut Sinn machen, Personen, die sich noch fit und gesund fühlen, länger als bis 65 zu beschäftigen. Aber das Ganze hat einen Haken: Es darf nicht verordnet werden, sondern soll nur als freiwillige Möglichkeit angeboten werden. Das tun inzwischen einige grosse Unternehmen wie die Post, die SBB, Raiffeisen, die Bundesverwaltung und andere. Sie bieten die Möglichkeit, bis 70 weiter zu arbeiten.

Die Gefahr besteht allerdings, dass eines Tages diese Altersgrenze als allgemeines Pensionierungsalter eingeführt wird. Das wäre fatal für all jene, die nichts mehr als die Pensionierung herbeisehnen, weil man ihnen schon mit 50 das Gefühl gibt, zum alten Eisen zu gehören. Es wäre auch fatal für all jene, die durch harte Arbeit müde geworden und verbraucht sind. Es wäre auch nicht gut für jene, die wie ich nach der Pensionierung noch ganz viel Spannendes anpacken und in aller Freiheit entscheiden wollen, was sie tun und lassen möchten. So gesehen, müsste die Pensionierungsgrenze nicht angehoben, sondern eher gesenkt und dringend flexibilisiert werden. 
12. Februar 2016

Zur Person
Cécile Bühlmann, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.