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Phänomenologie der Kanzel

Von Meinrad Buholzer

Wer heute eine ältere Kirche betritt, dem fällt ein Relikt auf, unübersehbar, aber offensichtlich überflüssig geworden, das aus denkmalpflegerischen Gründen wohl nicht entfernt werden darf: die Kanzel.
Früher wurde dort das Wort Gottes verkündet und in der Predigt – mehr oder weniger prägnant – ausgelegt. Mit der Liturgiereform nach dem Konzil wurde die Kanzel obsolet. Verkündung und Auslegung erfolgen seither auf dem was man Augenhöhe nennt, allerdings immer noch leicht, wenn auch nicht mehr so offensichtlich erhöht. Ein Fortschritt?

Die Kanzeln waren – sichtbare Hierarchie –, so angebracht, dass man sie und den, der dort stand, von fast überall her sah. Das hatte auch akustische Vorteile. Sofern er nicht nuschelte, sondern klar und deutlich sprach, verstand man zumindest, was der Prediger sagte.

Diese Vorteile gingen mit der Verlegung der Verkündigung auf Augenhöhe verloren. Der Mann oder die Frau ist nicht mehr so deutlich sichtbar. Und die Akustik lässt meistens zu wünschen übrig. Daher wurden Hilfsmittel notwendig und umgehend installiert: Mikrophon und Lautsprecher.

Damit wurde eine neue Hierarchie eingeführt, denn wer elektrische Hilfsmittel zur Hand hat, ist jenen überlegen, die dem Lautsprecher ausgeliefert sind. Auch die Fistelstimme kann nun zu dröhnender Gewalt empor reguliert werden. Unnötig zu sagen, dass dank Elektronik neue Formen der Manipulation möglich sind, die der unverstärkten Stimme versagt bleiben. Perfid ist, dass diese neue Hierarchie nicht mehr sichtbar und damit nicht mehr offensichtlich ist, sondern versteckt in unauffälligen Apparaten, die an die Hauptschlagader der modernen Welt angeschlossen sind: der Elektrizität. Eine andere Art der Abhängigkeit.

Szenenwechsel: Eine Erfahrung im Militär. Ich konnte dort zwei vorgesetzte Offiziere beobachten, die ganz verschiedene Führungskonzepte hatten. Der eine war ein temperamentvoller Haudegen, der schon mal schrie und fluchte, sogar handgreiflich wurde; hörbare und spürbare Hierarchie also. Der andere hatte gepflegtere Umgangsformen, wurde nicht sehr laut, argumentierte, wurde nie handgreiflich; er unterhielt sich mit uns auf Augenhöhe. Aber beide brachten uns Untergebene dazu, ihre zwar identischen, aber ganz anders formulierten Befehle auszuführen. Wobei man beim ersten Offizier immer genau wusste, woran man war, was er dachte und wie er die Welt sah (was nicht heisst, dass meine Sympathie den handgreiflichen Haudegen gilt). Der zweite Offizier blieb auf seltsame Weise unfassbar oder eben: Man wusste nicht, woran man mit ihm war. Er brachte uns aber manchmal dazu, dass wir glaubten aus eigenem Antrieb zu handeln.
Und das scheint mir ein Phänomen zu sein, das in unserer Zeit – mit all den neuen elektronischen Hilfsmitteln, der Vernetzung des World Wide Web, den Social Media – überhandnimmt. Wo die sichtbaren Hierarchien abgeschafft werden und verschwinden, machen sich plötzlich unterschwellige (oft auch verleugnete oder so genannt flache) Hierarchien breit, die man nicht mehr ohne weiteres wahrnimmt. Sie bergen die Gefahr einer verhängnisvollen Dynamik, indem sie einen dazu bringen, ihnen zu folgen, und uns im Glauben zu lassen, es geschehe aus eigenem Antrieb.
24. März 2018

Zur Person
Meinrad Buholzer, Jahrgang 1947, aufgewachsen in Meggen und Kriens, arbeitete nach der Lehre als Verwaltungsangestellter auf Gemeindekanzleien, danach als freier Journalist für die Luzerner Neuesten Nachrichten LNN. 1975 bis 2012 leitete er die Regionalredaktion Zentralschweiz der Schweizerischen Depeschenagentur SDA. Einen Namen machte er sich auch als profunder journalistischer Kenner der Jazzszene. 2014 erschien sein Rückblick aufs Berufsleben unter dem Titel «Das Geschäft mit den Nachrichten - der verborgene Reiz des Agenturjournalismus» im Luzerner Verlag Pro Libro.