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Politische Partizipation älterer Menschen – damit Städte altersfreundlich werden

Von Marietherese Schwegler (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

Alterspolitik gewinnt angesichts der alternden Gesellschaft an Bedeutung. Das gilt ganz besonders für die Städte. In der Stadt, im Quartier findet der Alltag der älteren Generation statt, hier zeigt sich, was Lebensqualität ausmacht – oder dazu fehlt. Altersgerechte Lebensräume zu planen, sollte aber nicht allein Sache von Politik und Verwaltung sein, so die Prämisse des Schweizer Netzwerks altersfreundlicher Städte, dem auch Luzern angehört. Ältere Menschen sollen ihre Lebensbedingungen konkret mitgestalten können – nicht nur an der Urne. Doch wie kann Partizipation von unten aussehen? Das war Thema an der Fachtagung des Netzwerks am 21. September in Bern, die der Netzwerkpräsident Simon Stocker, Schaffhauser Stadtrat, moderiert hat.

Varianten formeller und informeller Partizipation

Zum Start befragte der Moderator die Solothurner Nationalrätin Bea Heim und die Berner Gemeinderätin (Exekutive) Franziska Teuscher. Beide waren in jungen Jahren politische Aktivistinnen, etwa in der Umweltdebatte und gegen die Atomkraft. Heute sind sie gewählte Bundes- und Stadtpolitikerin. Alter sei in der Politik eher negativ besetzt und werde primär als Kostenfaktor gesehen, sind sie sich einig. „Überalterung und Umverteilung von Jung zu Alt sind oft gehörte Klagen. Doch die ältere Generation hat der Gesellschaft viel gebracht. Sie verdient Wertschätzung“, sagte Franziska Teuscher. Bea Heim, die auch die Pro Senectute des Kantons Solothurn präsidiert und Mitglied der Grauen Panther ist, warf die Frage auf, ob der Königsweg für alterspolitisches Engagement in der Zivilgesellschaft liege. Dezidiert forderte sie: „Die Alten dürften sich nicht zurückziehen. Sie müssen sich öffentlich Gehör verschaffen, auch in Gemeinden und Medien.“

Feste feiern!

Wie können Städte die Schwächeren der Gesellschaft erreichen, isoliert lebende Ältere oder Zugewanderte, die unsere Sprache nicht sprechen? fragte Simon Stocker. „Es muss nicht jede und jeder partizipieren. Aber wir müssen dafür sorgen, dass auch die Bedürfnisse jener aufgenommen werden, die sich nicht selber äussern“, meinte Franziska Teuscher. Organisationen wie Spitex oder Pro Senectute hätten eine Vermittlerrolle. Auch informelle Plattformen und Treffpunkte seien nötig.

Im Dialog mit den Netzwerkmitgliedern kam zum Ausdruck, dass es sehr wohl Anlässe gibt, wo Austausch möglich ist, wo Einzelne aus der Isolation finden können. Eine gute Sache seien z.B. Nachbarschaftsfeste. Da könnten sich Menschen ungezwungen begegnen, Beziehungen entstehen. Franziska Teuscher nahm die Städte in die Pflicht: „Städte müssen solches ermöglichen. Es braucht Anlaufstellen zur Unterstützung.“ Bea Heim bekräftige: „Feste feiern! Da entstehen Kontakte.“

Organisiert oder spontan

Dass politisches Engagement im Alter eine lange Geschichte hat, zeigte Alexandre Lambelet, Professor an der Fachhochschule Westschweiz. Sein Referat galt den Rentnervereinigungen, von denen die ersten vor über hundert Jahren entstanden – mit unterschiedlichen Motiven, z.B. politischer Kampf für den Sozialstaat, sich als Experten weiterbetätigen, ehrenamtliche Arbeit oder gemeinsame Freizeitaktivitäten. Lambelet wies auf die grosse Heterogenität auch innerhalb dieser Gruppierungen hin was soziale Herkunft, Bildung, Interessen und Alter betrifft. Das trifft heute auch auf den Schweizerischen Seniorenrat (SSR) zu, unter dessen Dach sich 2001 zahlreiche Organisationen zusammengeschlossen haben.

Am Podiumsgespräch sprach der Co-Präsident des SSR, Michel Pillonel, denn auch eher die problematischen Seiten des grossen Gebildes an. Der Verband spiegle die grosse Vielfalt dieser Generation. Zu gewissen Themen den erforderlichen Konsens zu finden, sei oft schwierig, was den SSR oft hindere, politisch Position zu beziehen. Sonja Kuchen, Leiterin Gemeinwesenarbeit Pro Senectute Schweiz, vertrat hingegen einen Ansatz, der es nicht-organisierten Menschen ermögliche, sich vor Ort, im Quartier, konkret für ihre Anliegen zu engagieren. Blaise Kropf vom Stadtberner Präsidialdepartement sagte, es bringe einer Stadt viel, wenn die alte Generation sich beteilige – und fügte hinzu: zeitweise auch eine erhebliche Belastung für die Verwaltung. Bern kenne einerseits die strukturierte Form eines Seniorenrats. Zudem könne sich die Bevölkerung an thematischen Projekten beteiligen; entscheidend sei, dass sie dies in einem möglichst frühen Stadium tun könne.

Politische Partizipation: Was funktioniert?

Wie die Beteiligung von Älteren konkret aussehen könnte, wurde in Workshops vertieft (siehe Zusammenfassung am Schluss des Textes). So wurde ein theoretisches Modell zum Partizipationsprozess vorgestellt und der Kontakt zwischen Bevölkerung und Verwaltung reflektiert. Die Vorstellungen von Partizipationsformen der älteren Generation selbst waren sehr unterschiedlich, es gab dazu keinen Konsens. Dass auch Anliegen von schwer erreichbaren Menschen einfliessen sollen, war unbestritten. Um zu solchen Zugang zu finden, braucht es ebenso methodisches wie kreatives Vorgehen – und genügend personelle und finanzielle Ressourcen.

Fazit aus den Workshops: Man fand nicht das allgemeingültige Rezept oder die optimale Form von Partizipation, aber sehr wohl Klärung und nützliche Anregungen, wie etwa der Zugang über Nachbarschaft und Quartier.

Pragmatismus statt Perfektion

Zum Schluss resümierte der Netzwerk-Präsident Simon Stocker die grosse Vielfalt dessen, was Politische Partizipation der Älteren heissen kann: Angesiedelt im Quartier oder in der Stadt bis hin zum Nationalrat; spontan von unten kommend oder angestossen von der Verwaltung oder von Fachleuten der Quartier- und Gemeinwesenarbeit. Stocker erwähnte auch Grenzen: Es sei kaum möglich, alle zu beteiligen. „Wir müssen nicht Perfektion anstreben, sondern pragmatisch bleiben.“ Er empfahl den Städten, den Austausch zu pflegen und voneinander zu lernen.
Schweizer Netzwerk altersfreundlicher Städte
3. Oktober 2017

Kurzfassung der Workshopergebnisse
WORKSHOP 1
  Fokus im ersten Workshop war die Frage: Wie finden wir Zugang zu schwer erreichbaren Menschen? Das können Menschen sein, die knappe Ressourcen haben in Bezug auf Gesundheit, Bildung, Finanzen und Soziales oder unsere Sprache nicht sprechen. Was verstehen wir unter Erreichbarkeit, und weshalb sollten sie erreicht werden? Wir verstehen darunter, sie wahrzunehmen, mit ihnen in Beziehung zu treten und zu wissen, was sie brauchen, um gesellschaftlich integriert zu bleiben. Aber auch, um ihre Erfahrungen und ihr Wissen kennenzulernen, um ihnen Informationen zu vermitteln, ihr Wohlergehen zu steigern. Denn Alterspolitik und Dienstleistungen sollen im Sinne von Chancengleichheit allen offenstehen. Wie wird der Zugang zu dieser Gruppe möglich? Mit methodischem und kreativem Vorgehen: Türöffner können Menschen sein, die den Alltag mit ihnen teilen, Nachbarn im Quartier, im Sozialraum, die Coiffeuse, auch Spitex oder Pro Senectute. Kooperation zwischen Freiwilligen, Dienstleistern und Politik sowie personelle und finanzielle Mittel sind Voraussetzungen fürs Gelingen.

WORKSHOP 2  Im zweiten Workshop, geleitet von Simone Gretler Heusser, Professorin an der Hochschule Luzern, wurden Formen politischer Partizipation diskutiert. Theoretisch kann der Prozess (nach Maria Lüttringhaus) als Kontinuum von Information, Austausch und Dialog, partnerschaftlicher Kooperation, Mitentscheidung bis hin zur Selbstorganisation gegliedert werden. Er läuft nicht linear ab, ein Hin und Zurück ist die Regel. Auch der (Informations-)Austausch zwischen Verwaltung und beteiligten Stadtbewohnern ist wechselseitig. Konkret wäre zu klären, welcher Grad von Partizipation den Anliegen der älteren Menschen und auch der Verwaltung am besten entgegenkommt. Und es stellen sich Fragen, wie z.B. die Migrationsbevölkerung für Partizipation gewonnen werden kann. Stichworte dazu auch hier: Nachbarschaftshilfe, Quartiertreffs, Begleitung von Kindern …

WORKSHOP 3  Ein weiterer Workshop ging der Frage nach, wie sich Interessenvertreter der älteren Generation selber politische Partizipation vorstellen. Er wurde moderiert von Liselotte Lüscher, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Seniorenverbands; dieser hat sich zum Ziel gesetzt, Seniorenräte in den Kantonen und Städten zu fördern. Entsprechend interessierte die Frage, wo die Städte heute stehen. In einigen Städten gibt es dafür sehr unterschiedliche, mehr oder weniger formalisierte Plattformen. Andere Städte – oder Ältere selber – sehen dafür keine Notwendigkeit. Was wären Anforderungen an solche Partizipationsgefässe? Sollen sie repräsentativ sein, unabhängig, politisch zusammengesetzt, beratend für die Politik, mit einem verbindlichen Leistungsvertrag oder Reglement versehen? Die Vorstellungen waren sehr unterschiedlich. Die Städte befinden sich offensichtlich – nicht zuletzt mangels allgemein gültiger Standards – noch in Suchprozessen.
3. Oktober 2017