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Glosse

Kummer mit Kümmerern

Von Hans Beat Achermann

Der Zürcher Seniorenrat (da lobe ich mir den hiesigen gendergerechten Namen Forum Luzern60plus, Klammer geschlossen) schlägt dem Stadtrat vor, Quartierkümmerer einzusetzen. Diese sollen – wie früher der Pöstler oder die Pfarrerin – beratende Anlaufstelle sein für die Sorgen und Anliegen der Seniorinnen und Senioren. (Klammer auf: Luzern hat hier mit Vicino und der Anlaufstelle Alter die Nase vorn). So weit, so gut. Aber müssen diese wirklich Kümmerer heissen, oder, bei weiblicher Besetzung, Kümmererin? Was im Verb „sich kümmern“ ja schön positiv und Anteil nehmend tönt, bekommt in meinen Ohren bei der Substantivierung etwas Kümmerliches. Also etwas negativ Angehauchtes. Die mögliche Erklärung liefert Wikipedia:  Ein Kümmerer ist in der Jägersprache ein „Wild mit einem schlecht entwickelten Geweih“ oder „ein in der Entwicklung zurückgebliebenes (Jung)tier oder verkümmernde Pflanze“.

Dass im Alter gewisse Fähigkeiten verkümmern oder ab und zu ein Hang zurück zur Infantilisierung festzustellen ist – wer will das bestreiten. Aber dass irgendwann ein Kümmerer oder eine Kümmererin sich um mich kümmern soll – schwer vorstellbar, so wenig, wie ich selber einmal Kümmerer werden möchte. Aber noch gibt es, auch bei Wiki – eine hoffnungsvolle andere Bedeutung: In Organisationen sind Kümmerer Menschen, die, freiwillig oder dazu verknurrt, Aufgaben erledigen müssen oder wollen, die nicht in deren Pflichtenheft gehören, aber aus verschiedenen Gründen von niemand anderem erledigt werden können. Und jetzt kommt’s: „Das kann von ‚Bier holen‘ bis hin zu wichtigen Aufgaben innerhalb des Unternehmens alles umfassen.“ Die wichtigen Aufgaben gehören mittlerweile nicht mehr ins Pflichtenheft (Unternehmer war ich nie und im Alter ist man sowie nur noch eine Ich-AG, Klammer zu), aber wenn uns ein Quartierkümmerer oder eine Quartierkümmererin darin entlasten könnte, ab und zu ein Eichhof, ein Feldschlössli oder ein Ittinger zu holen: Das wär doch was, alles andere Unwichtige erledigen wir vorläufig noch selber, danke für die Nachfrage, Herr Kümmerer, Frau Kümmererin. Prosit denn, auf Ihr Wohl. Und auf meines auch!
16. 0ktober 2019