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Buchhändlerin statt Rigi-Prinzessin

Von Hans Beat Achermann (Text) und Joseph Schmidiger (Bild)

„Die Rigi muss ich schon sehen“, sagt die 87-Jährige Ruth Reinecke-Dahinden  in ihrer Wohnung im Luzerner Bodenhofquartier. Zwar sind die Bäume in den letzten 63 Jahren, in denen sie in derselben Wohnung wohnt, höher geworden, doch die Rigi sieht sie mindestens von einem Zimmer aus immer noch. Die Rigi, Königin der Berge – dort ist sie aufgewachsen, auf Kaltbad, als Tochter des „Bellevue“-Hoteliers Alois Dahinden, der den Übernamen Rigi-König trug. „Er war noch ein richtiger Unternehmer alter Schule“, erinnert sich Ruth Reinecke an ihren Vater. Das „Bellevue“ gibt es nicht mehr, wohl aber Hunderte von Erinnerungen, die sie in ihrem wachen Kopf und auf Dokumenten aufbewahrt (und auch in einem  Buch zugänglich gemacht hat, siehe Angaben unten). Auch an den Wänden in ihrer Mietwohnung erinnern Gemälde und Grafiken, die einst im „Bellevue“ hingen, an die Zeit des gepflegten Rigi-Tourismus, als die Gäste noch zwei Wochen lang im elterlichen Hotel übernachteten.

Karriereknick wegen Beinbruch
Die Primarschule besuchte Ruth auf der Rigi, in der „Bergsonne“, die damals auch ein Kinderheim war, und später im First, zusammen mit den Schwyzer Kindern,  für die Sekundarschule wechselte sie ins Institut Menzingen und später nach Hertenstein. Archäologin, Fotografin oder Buchhändlerin waren ihre jugendlichen Traumberufe, „doch mein Vater hielt nichts von Gstudierten“, und so absolvierte sie vorerst die Frei’s Handelsschule und später die Hotelfachschule in Lausanne  -  die Karriere schien vorgezeichnet, Ruth sollte mal Hôtelière werden. Doch es kam anders, und Buchhändlerin aus Leidenschaft ist sie später dann doch noch geworden. Vorerst aber bremste ein Skiunfall all ihre Ausbildungspläne. Auf der steilen Rigi-Flanke, hinter dem Grat, hatte Ruth jahrelang auf einem selbst ausgesteckten Hang Slalom trainiert, brachte es ins Juniorinnen-Nationalteam, gewann Meistertitel und brach sich dann ausgerechnet an einer Schweizer Meisterschaft in Crans-Montana das Sprunggelenk. Weil der Bruch vorerst falsch behandelt worden war, folgte eine dreijährige Leidenszeit – und die internationale Karriere ging hangab. Sie arbeitete vorübergehend  im Hotel und wusste bald, dass das nicht ihr Lebensziel war.

Früher Schicksalsschlag
An einem Skirennen lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, einen Beckenrieder, der an der ETH studiert hatte und später in Luzern als Ingenieur arbeitete. Doch die Skirennen brachten ihr auch Unglück: „Als ich 30 war, wurde ich Witwe. Mein Mann verunglückte bei einem Skirennen tödlich. Ich war plötzlich alleine da  mit drei kleinen Töchtern und ohne Rente.“  Ins Hotel auf die Rigi wollte sie nicht – mit einer Mutter als Hotelchefin wären die Kinder fast ganz elternlos aufgewachsen – das kannte Ruth aus eigener Erfahrung. Mit Unterstützung und bescheidenem Lebensstil konnte sie sich die ersten Jahre ihren Töchtern widmen.

Von der Buchhalterin zur Buchhändlerin
Als die Töchter grösser waren, sah sie ein Inserat, in dem bei Raeber an der Frankenstrasse eine Buchhändlerin gesucht wurde. Sie war schon immer eine grosse Leserin gewesen, hatte im „Bellevue“ alle Karl-May-Bände gelesen und die Lektüre von Romanen begonnen, aber auch philosophische, theologische und psychologische Bücher hatten sie fasziniert. Der Einstieg bei Raeber erfolgte dann aber im Hintergrund, in der Buchhaltung. „Das war ein leidendes Warten“, erinnert sie sich. Doch nach ein paar Monaten wurde aus der Buchhalterin die Buchhändlerin.  23 Jahre lang, bis über die Pensionierung hinaus, betreute sie die Sparten Philosophie, Psychologie und Theologie, doch auch Romane und Erzählungen begleiteten die passionierte Leserin – nicht ohne Folgen: „Ich wollte immer schon wissen, wie die Handlungsorte in Wirklichkeit ausschauen.“  Zwei Wochen jedes Jahr reiste sie an einen literarischen Schauplatz, und die waren weltweit verstreut. Von Island über Alaska, von Frankreich bis nach Syrien, von Mexiko bis Kalifornien: Ruth Reinecke war (fast) überall, wo ihre Lieblingsbücher spielten und deren Schöpfer lebten. „Mein absolutes Lieblingsbuch seit Jahrzehnten ist ´Der grosse Meaulnes´ von Alain-Fournier.“  Natürlich besuchte sie auch diese Schauplätze in der nordfranzösischen Provinz. „Ich musste mir die Reisen immer richtig zusammensparen“, erzählt sie. Jetzt ist altersbedingt der Radius kleiner geworden, das Autofahren hat sie mit 80 aufgegeben. Früher war sie auch oft mit dem Velo unterwegs – meistens allein, wie auch auf den Reisen.

Gelassener Blick in die Zukunft
„Trotz allem Schweren, das ich erlebte, ist es schön, zurückzuschauen“, bilanziert die immer noch neugierige und weltoffene sechsfache  Grossmutter: „Es hat viel Platz in einem langen Leben.“  Auch Unangenehmes nahm Platz ein: In den USA wurde sie einmal in einem Hotelzimmer überfallen. „Das verfolgt mich noch heute manchmal.“  In die Zukunft schaut sie gelassen: „Ich glaube daran, dass es irgendeine Form des Weiterlebens gibt.“ Doch vorläufig ist Ruth Reinecke noch ganz geerdet: Das Internet braucht sie täglich, oft schaut sie ihre fotografisch festgehaltenen Reise- und Familienerinnerungen an, sie besucht regelmässig die Senioren-Uni, die Konzerte des Luzerner Sinfonieorchesters sowie schweizweit Kunstausstellungen: „Im Beyeler-Museum in Riehen habe ich alle Ausstellungen gesehen.“  Auch zwei Literaturzirkel gehören zu ihren Aktivitäten, ebenso ihr Garten und die Pflege ihrer Balkonblumen. Wenn sie wieder mal die verkehrsfreie Stille sucht, fährt sie auf die Rigi, wo ihre Wurzeln sind und sich noch ein Chalet im Familienbesitz befindet.

Lernen von den Enkeln
Lebenslanges Lernen – Ruth Reinecke hat es vorgemacht und macht es immer noch vor. In allen Zimmern sind Hunderte von Büchern auf den Regalen, „die liebsten stehen über dem Bett, viele davon lese ich jetzt nochmals“.  Auch wenn sie auf dem Papier keine „Gstudierte“ ist – ihr breites Wissen, ihre Weltoffenheit machen sie zu einer beeindruckenden Persönlichkeit. „Jetzt kann ich weiter von meinen sechs Enkeln lernen, die alle spannende  Berufe haben.“  Zweifellos können auch die Enkel von ihrer Grossmutter lernen: wie man ein langes Leben erfüllt leben kann.
21. September 2016

Das erwähnte Buch von Ruth Reinecke-Dahinden heisst „Die Rigi – Bilder und Geschichten“ und ist 2011 im Sutton-Verlag, Erfurt, erschienen.