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Schöne Bescherung

Von Judith Stamm

Gespannt öffneten wir das Weihnachtspäckli von Tante Kunigunde. Und lachten los. Da lag sie wieder, die geräucherte Dauerwurst. Festlich verpackt, mit einem roten Band und kunstvoller Masche geschmückt. Wir lachten nicht nur der sehr willkommenen Wurst wegen.

Zum dritten Mal war es jetzt geschehen, dass auch wir zu Weihnachten für Tante Kunigunde die genau gleiche Wurst als Geschenk ausgewählt hatten. Sie ass diese gern und konnte sich dafür Zeit lassen. Also war das eine kluge Wahl. Unsere Wurst schmückten wir mit gelbem Band und kunstvoller Masche.

Nutzen stiftend, fein säuberlich verpackt in Weihnachtspapier, wechselten die Würste so jedes Jahr per Post ihren Aufenthaltsort.

Meiner praktisch veranlagten Mutter wurde dies mit der Zeit zum Ärgernis.

Nach Weihnachten setzte sie sich mit Tante Kunigunde in Verbindung. Und das Resultat des Gespräches war, man werde sich in Zukunft hüben und drüben die Mühe sparen. Zwar eine geräucherte Dauerwurst kaufen, sie aber dem eigenen Haushalt einverleiben, zu Weihnachten zum Verzehr frei geben und aneinander denken! Das war zweckdienlich und vernünftig und wurde auch so umgesetzt.

Aber mit dem fehlenden Weihnachtspäckli von Tante Kunigunde ging auch etwas vom Charme des sich Beschenkens verloren. Und die Effizienzsteigerung nahm ihren Lauf. Als überall der Nachwuchs dem Kindesalter entwachsen war, beschloss die ganze Verwandtschaft, man verzichte darauf, sich weiterhin zu beschenken. Es war sowieso immer schwieriger geworden, etwas auszuwählen, das noch einen zum Weihnachtsfest passenden Überraschungsfaktor enthielt.

Die Bescherungen blieben aus. Ein Teil der vorweihnächtlichen Hektik entfiel. Und Besinnlichkeit und Geselligkeit erhielten mehr Raum. Und siehe da, das Fest behielt auch ohne buntes Geschenkpapier und glänzende Bändel seinen strahlenden Glanz. Denn den Weihnachtsbaum mit Kerzen und Kugeln behielten alle. Da konnte sich der Nachwuchs noch so erwachsen gebärden!

27. Dezember 2018

Zur Person

Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 - 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 - 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war 1989 - 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und 1998 - 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft.