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Sexualität im Alter hat tausend Facetten

Ein Tabu kann Sexualität im Alter doch heute nicht mehr sein: Fernsehsendungen, Ratgeberspalten in Zeitungen, auch Sozialwissenschaften wie Psychologie und Gerontologie oder die Medizin nehmen sich des Themas an. Dennoch werden alten Menschen sexuelle oder erotische Bedürfnisse heute noch oft abgesprochen. Junge, schöne Menschen können sich schwer vorstellen, dass Sex auch mit Runzeln möglich ist.

Widersprüchliche gesellschaftliche Bilder
Die Orientierung zu finden in diesem von Wünschen und Lust, von Pflicht und Leistungsdruck, von Schuldgefühlen, Doppelmoral, Scham und schamloser medialer Ausbreitung geprägten Thema ist schwierig. Zumal ältere Menschen unter verschiedensten Umständen leben: In festen, teils langjährigen Beziehungen, als Single, verwitwet, als gleichgeschlechtliches Paar, im Altersheim. Ausserdem sind die gesellschaftlichen Bilder widersprüchlich und reichen vom Ideal eines sexuell aktiven Alters bis hin zur Vorstellung, alte Menschen seinen asexuell, weg vom Fenster einer befriedigenden Sexualität. So vielschichtig Sexualität im Alter auch ist, hier soll der Versuch gewagt werden, sich einigen Aspekten anzunähern.

Sexualleben schläft mit den Jahren ein
Die Leiterin der Aids Hilfe Luzern, Marlies Michel (die diesen Beitrag bei Luzern 60plus angeregt hat), hat langjährige Erfahrung in der Beratung auch von Menschen über 60. Sie kommt mit ihnen ins Gespräch am Beratungstelefon oder wenn sie einen HIV-Test machen lassen möchten. Gerade weil ihre Klienten – es sind mehr Männer als Frauen – anonym bleiben können, öffnen sie sich leichter.

Ein typisches Muster, so Marlies Michel, sei bei langjährigen Ehepaaren zu erkennen: „Sex wird immer seltener, bis das Sexualleben mit den Jahren gänzlich einschläft.“ Auch wenn dies oft für einen der beiden Partner oder für beide problematisch ist, können viele Paare nicht miteinander darüber sprechen. Vor allem Paare im höheren Alter wurden in ihrer Jugend kaum aufgeklärt, ihnen fehlt die Sprache für das Sexuelle. Und so haben sie vielleicht schon früher nie darüber gesprochen.

„Nicht selten ist es die Frau, die den Sex verweigert. Zum Beispiel wegen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr – was auch ein willkommener Grund sein kann, das leidige Thema abzuschliessen, wenn der Sex von Anfang an nicht befriedigend war für sie“, sagt Marlies Michel. „Der Mann bleibt dann mit seinem Bedürfnis alleine, will aber die Beziehung nicht auflösen, weil er seine Frau liebt.“ Sucht er Sex ausserhalb der Ehe, sei es bei einer Freundin oder einer Prostituierten, stellen sich Schuldgefühle ein.

Der Mythos von der asexuellen älteren Frau …
Doch das Klischee „Der Mann will Sex, die Frau will nicht“ lässt Marlies Michel nicht gelten, dazu seien die erotischen Bedürfnisse (auch bei Jüngeren) viel zu unterschiedlich. „Dass Frauen ihre Sexualität mit der Menopause beenden, ist ein hartnäckiger Mythos. Man weiss aus Studien, dass viele Frauen ihre Sexualität oft erst nach 50 so richtig entdecken und lustvoll ausleben“. Die Beraterin kennt denn auch ältere Frauen, die aktiv einen Sexpartner suchen. Frauen sind öfter als Männer (und oft gewollt) Single. Dies allein schon aus demografischen Gründen: Im Alter über 65 sind Frauen in der Bevölkerung deutlich zahlreicher als Männer, im höheren Alter noch ausgeprägter. Sie leben länger und werden deshalb auch öfter Witwe.

Es gibt auch Männer, die sich verweigern oder sexuell desinteressiert sind. Funktionelle Störungen nehmen mit dem Alter zu; oder hinter der Lustlosigkeit kann sich eine Depression verbergen. Schliesslich haben manche Männer auch ein Problem mit einer zeitgemässen Rollenverteilung: Stellt die Frau im Beruf oder im Sport „ihren Mann“, kann sich der Mann in der schwächeren Position finden, was sich durchaus dämpfend auf sein sexuelles Verlangen auswirken kann.

„Du darfst das“
Marlies Michel berichtet von Paaren, die ihre auseinanderdriftenden sexuellen Bedürfnisse auf kreative Weise lösen: Da ist zum Beispiel der Mann gegen 60, dessen Ehefrau sich seit einiger Zeit verweigert; deshalb hat er Sex mit einer jüngeren Frau ausserhalb der Ehe. Ihn plagt das schlechte Gewissen, weil er glaubt, seine Frau damit zu verletzen und sich für eine der beiden Partnerinnen entscheiden zu müssen. In einem Paargespräch zeigt sich dann, dass die Frau mit der Aussenbeziehung ihres Mannes gut leben kann; für sie war er mit den Jahren als Sexpartner nicht mehr attraktiv. Für den Mann kam die Erlaubnis „Du darfst das“ überraschend. Seit das Sex-Thema völlig legitim nach aussen delegiert wurde, funktioniert das alltägliche Familienleben, auch die gemeinsamen Ferien, wieder gut. In einem anderen Fall hat die Ehefrau sogar per Inserat eine Geliebte für ihren Mann gesucht – und eine selbstbewusste Frau gefunden, der, wie dem Ehemann, eine solche Dreiecksbeziehung gerade recht war. „So etwas kann aber nur funktionieren, wenn die herkömmliche Paarbeziehung gefestigt und in den anderen Bereichen gut ist“, meint Marlies Michel.

Wie bleibe ich attraktiv für den Partner, die Partnerin?
Es ist natürlich, dass mit zunehmender Dauer einer Beziehung und mit dem Alter die sexuelle Lust nachlässt. Dennoch können Paare etwas dafür tun, die gegenseitige Attraktivität zu erhalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass beide je ihren eigenen Freundeskreis und eigene Hobbys pflegen, dass sie nicht die ganze Freizeit zu zweit verbringen, sondern auch mal alleine verreisen. Kurz: Autonomie von Mann und Frau ist unerlässlich, um die Anziehung zu erhalten und die Beziehung gut altern zu lassen. Umgekehrt kann gerade einem allzu symbiotischen Paar die gegenseitige Lust mit der Zeit völlig abhanden kommen.

Zärtlichkeit statt Sex
Wer sagt denn, dass Menschen bis ins hohe Alter sexuell aktiv sein müssen? Auch keinen Geschlechtsverkehr mehr zu haben, ist für manche Paare okay. Sie können die körperliche Nähe mit Zärtlichkeiten ausdrücken und andere Gemeinsamkeiten pflegen. Und Alleinlebende können auch ohne festen Partner ein zufriedenes Leben führen, wenn sie genügend soziale Kontakte und gute Freunde um sich haben. Sich dem selbst im Sexualleben herrschenden gesellschaftlichen Leistungsdruck nicht zu unterwerfen, kann auch ganz befreiend sein.

Marietherese Schwegler – 1. August 2013

Weiterführende Lektüre
Bücher:
-    Silver Sex. Wie Sie Ihre Liebe lustvoll genießen. Ruth Karola Westheimer, mit Pierre A. Lehu., Campus, Frankfurt/New York 2008

-    Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen. Kirsten von Sydow. Reinhardts Gerontologische Reihe 1994

Schriften zum Herunterladen:
-    Sexualität und Älterwerden. Wenn Probleme auftauchen. Pro Familia 2004

-    Sexualität in der zweiten Lebenshälfte. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung. T. Bucher, R. Hornung, C. Buddeberg. Z Sexualforschung 2003

Beratung
Die Aids Hilfe Luzern berät Einzelpersonen und Paare oder vermittelt Kontakt zu einer Sexualtherapeutin.