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Siechen

Von Karin Winistörfer

Alles fing eigentlich ganz harmlos an. Nichts ahnend, an einem strahlenden Wintermorgen einen Tag vor Weihnachten, fuhr ich mit meinem ansonsten immer treuen und braven Velo und den (nicht ganz immer treuen und braven) Kindern im Anhänger Richtung Hallenbad.

Und dann kam mein Velo plötzlich in die Pubertät, mit knapp 20 Jahren. Das kann durchaus sein, Velos haben da vielleicht andere Altersphasen. Jedenfalls: Anders kann man das bockige Verhalten meines treuen Begleiters nicht erklären. Denn er warf mich ab. In einer leichten Rechtskurve, auf dem schattigen Parkplatz auf der Allmend. Legte sich einfach quer auf den Weg. Und ich krachte ungebremst auf den harten Asphalt, Hüfte und Ellbogen amteten als Stossdämpfer. Der Bluterguss am Bein zeugt bis heute davon.

Als ich mich verdutzt aufgerappelt hatte – die Kinder hatten von alledem gar nichts mitbekommen und guckten nur etwas erstaunt, dass ich plötzlich auf dem Boden lag –, merkte ich, was der Grund für die scheinbare Ungezogenheit des Fahrrads gewesen war: Eis. Ein ganz dünnes Schichtchen. Doch so glatt, dass ich zu Fuss fast nochmals hinfiel. Oh, da hatte ich mein Velo doch glatt zu Unrecht verdächtigt.

Nun gut, die verletzten Stellen schmerzten, ich salbte, sie schmerzten weiter, ich salbte unbeirrt weiter.

Hüstel.

Am nächsten Tag keine grossen Sprünge. Das Grösste waren natürlich die Päckli, welche die Kinder öffnen konnten.

Hüstel, hüstel.

Dann Besuch bei der Verwandtschaft väterlicherseits. Mein Kreuz schmerzte, weshalb ich ausgiebig das sehr bequeme Sofa der Gastgeber testete. Der kleine Sohn machte sich ebenso ausgiebig mit dem Ausziehmechanismus desselben Sofas bekannt. So schipperten wir mit dem Sofa-Schiff und dem dreijährigen Kapitän auf unruhiger See hin und her und hin und …. Hust. Hust.

Nächster Tag, Besuch bei der Verwandtschaft mütterlicherseits. Beschwerden vergleichbar, Sofa leider (Sohn) bzw. zum Glück (ich) nicht ausziehbar. Hust, husthust, husthust.

Am Montag vor Silvester fand ich, ein Arztbesuch könnte angesichts der Rückenschmerzen vielleicht noch sinnvoll sein.

Es sollte nicht der letzte dieser Woche bleiben. Denn überdeckt durch die Sturzfolgen hatte sich klammheimlich eine Erkältung mit heftigem Husten eingeschlichen. Nachts hustete ich mir fast die Lunge aus dem Leib und brachte damit alle um ihren Schlaf. Weshalb ich pünktlich zu Silvester wieder in der Arztpraxis stand. Das Medikament linderte die heftigsten Anfälle, doch husten tu ich bis heute.

So sieche ich denn vor mich hin – die Kopfschmerzen, das Fieber, die extreme Müdigkeit, und ach ja, die spassige Ganzkörper-Rötung wegen einer Medikamenten-Allergie seien an dieser Stelle nur kurz erwähnt.

Wie ich inzwischen erfahren habe, haben auch ganz viele andere Leute aus meinem Bekanntenkreis ihre Feiertage im Bett verbracht statt auf Skipisten, in Wellnessanlagen und auf Tanzflächen.

Ich für meinen Teil habe nun viel mehr Respekt vor meinem Velo, obs nun pubertiert oder nicht. Vor ungesalzenen Parkflächen. Vor der grandiosen Betreuungsleistung von Vätern, welche für ihre bettlägrigen Partnerinnen einspringen.

Hust, hust, husthust.

Und ja, auch davor.

6. Januar 2016

Zur Person
Karin Winistörfer, geboren 1974 in Biel, ist seit Herbst 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern. 2001 schloss sie das Studium der Geschichte mit dem Lizentiat ab. Bis 2012 war sie Journalistin und Redaktorin im Ressort Kanton der Neuen Luzerner Zeitung. 2012 bis 2014 absolvierte sie an der Universität Luzern einen Master in Methoden der Meinungs- und Marktforschung. Karin Winistörfer wohnt mit ihrem Partner und ihren zwei Kindern in der Stadt Luzern.