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Was steht hinter dem "Sterbehilfe-Boom"?

Von Margret Füchsle*

Sterben - verschoben auf Montag, 14 Uhr. Ein provokanter Titel und eine gleichzeitig neuerdings immer alltäglicher werdende Aussage in der Schweiz? Dabei möchte ich keiner der Organisationen zum assistierten Suizid unterstellen, mit diesen Terminen oberflächlich umzugehen. "Alltäglich" meine ich in dem Sinn, dass sich die Zahl der Menschen, die auf diese aktive Weise aus dem Leben scheiden, in der Deutschschweiz nach Aussagen der Ärztin (und des Vorstandsmitglieds) von Exit, Frau Dr. Schaffroth in den Jahren 2011 bis 2015 mehr als verdoppelt hat: Starben 2011 305 Menschen mit Hilfe von Exit, gingen 4 Jahre später 782 Menschen auf diese Weise aus dem Leben. Ebenso ist auf der Website von Exit zu lesen, dass die Mitgliederzahl der Organisation im Jahr 2015 um 40 Prozent angestiegen ist. Gab Exit Ende 2015 noch 95 000 Mitglieder an, wurde im vergangenen April das 100 000. Mitglied gezählt. Und dabei ist sie nur eine - wenn auch die grösste - der verschiedenen Sterbehilfe-Organisationen in diesem Land. Was löst diesen rasanten Anstieg allein in dieser Organisation für assistierten Suizid aus? Was steht hinter diesem „Sterbehilfe–Boom" in der Schweiz?

Leben wir wirklich völlig selbstbestimmt?
In der Debatte um assistierten Suizid wird immer wieder das Recht auf persönliche Freiheit, auf Selbstbestimmung im Leben und im Sterben benannt. Selbstbestimmung hat in unserer Gesellschaft einen grossen Stellenwert eingenommen und bestimmt viele Aspekte unseres modernen Lebens. Jede und jeder Einzelne – und ich schliesse mich da in keiner Weise aus – geniesst die Möglichkeit, das eigene Leben selbständig und selbstbestimmt zu gestalten und zu leben. Doch schliesst die Selbstbestimmung nicht das gesamte Leben ein. Kleinkinder, Kinder, heranwachsende Jugendliche leben nicht völlig selbstbestimmt. Und im Erwachsenenalter? Leben wir wirklich völlig selbstbestimmt? Und bedeutet erlangte Selbstbestimmung im Erwachsenenalter, dass wir dieses Gut um jeden Preis bis zum Lebensende bewahren (sollen und) wollen?

Sie können sicher sein, ich bin selbst sehr freiheitsliebend und lebe genau so ein selbstbestimmtes Leben. Ich schätze diesen Wert sehr. Doch haben mich die vielen Begleitungen von sterbenden Menschen in den 15 Jahren Hospiz- und Palliative Care-Arbeit auch Manches gelehrt. So habe ich beispielsweise immer wieder von Betroffenen gehört, dass der Prozess des Sterbens, der Rückschau auf ein Leben, das Abschiednehmen die Betroffenen Schritt für Schritt mehr in eine Haltung der Hingabe, der Passivität brachten. Und unter diesen Menschen waren einige äusserst selbstbestimmte Persönlichkeiten gewesen. Dieser Zustand wurde von den Meisten als eine neue, für sie bereichernde Erfahrung erlebt, auch wenn gleichzeitig der körperliche Abbau, mögliche, schwierige Symptome, das Annehmen der Pflegebedürftigkeit die Situation nicht immer einfach gestalteten.

Der eigenen Hilflosigkeit stellen
Eine 50-jährige ALS-Patientin, alleinerziehende Mutter eines Jugendlichen, die beruflich europaweit aktiv in der Kulturpolitik tätig war und die für sich immer wieder situationsbedingt entschied, wie mit der Krankheit umzugehen sei, lächelte mich eines Tages an: "Weisst du, ich habe noch nie so viel Zeit gehabt, über mich und mein Leben nachzudenken und einfach zu sein. Früher machten mein Leben mein Beruf mit den positiven Rückmeldungen, meine vielen Aktivitäten und mein Muttersein aus. Heute entdecke ich eine ganz andere Qualität meines Lebens im einfachen Dasein." Diese Worte kamen von einer Frau, die sich damit abfinden musste - und sie kämpfte schwer damit! - dass sie in kurzer Zeit ihre Arme und Beine nicht mehr nutzen konnte, die Muskeln ihres ganzen Körpers immer schwächer wurden und ihr Körper in sich zusammensank, sie ihre Sprache verlor, kaum mehr kauen und schlucken konnte, immer mehr Probleme bei der Atmung bekam, völlig auf die Hilfe Anderer angewiesen war.

Ich will hier in keiner Weise das Sterben beschönigen. Sterben kann ein schwerer Prozess sein. Ich weiss um Schmerzen, Atemnot, ständiges Erbrechen, Verwirrung, Angst und andere Situationen, die für Sterbende das Leben beinahe unerträglich machen. Ich habe solche Menschen oft begleitet und musste mich auch immer wieder der eigenen Hilflosigkeit stellen. Ich habe aber auch immer wieder erlebt, dass unsere Präsenz, das Angebot "Ich bleibe bei Ihnen und gehe mit Ihnen durch diese Situation, wenn sie dies wünschen", von vielen Menschen als die grösste Hilfe und eine immens wichtige Erfahrung erlebt wurde. Ich erwähne dies ganz bewusst am Anfang meines Statements, da ich mir häufig die Frage stelle: Was wissen Menschen, die Selbstbestimmung im Sterben einfordern, über das Sterben? Welche Erfahrungen haben sie? Welche Bilder machen sie sich davon?

Sterben ist ein "heiliger" Moment
Sterben ist nicht nur das Beenden eines schwierigen, schmerzhaften Lebensabschnittes, das Beenden von kaum aushaltbaren Symptomen - und das muss es in keiner Weise häufig sein. Sterben ist auch eine Zeit des Übergangs, des Abschiednehmens, des Eintauchens in das Unbekannte. Sterben ist meines Erachtens auch ein "heiliger" Moment, und das meine ich nicht in einer religiös-kirchlichen Definition. "Heilig" im Sinne von der Wahrnehmung einer ganz anderen Dimension im Leben. Und meiner Meinung nach bedarf diese Entdeckung Zeit. Sie sollte auch gelebt sein.

In unserem heutigen Lebensstil, der sehr ausgerichtet ist auf "jung, gesund, aktiv, erfolgreich" bleibt die Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Tod als Teil des Lebens für viele Menschen im Alltag ein Tabu, oft bis ins hohe Alter. Aus dieser Haltung heraus kann das eigene Sterben ein "Affront für uns und unser Leben" werden. Wir, die wir alles machen und kontrollieren können, für alles eine Lösung wissen und uns absichern können, sollen dem Sterben gegenüber „schutzlos" ausgeliefert sein?! Ja, ich bin auch der Meinung, dass sich Menschen selbstbestimmt ihrem Sterben stellen dürfen. Doch würde ich mir eine offene, innere Haltung diesem Lebensabschnitt gegenüber wünschen mit eigenen gemachten Erfahrungen und Austausch mit Freunden, damit die jeweilige Entscheidung nicht nach aussen zwar selbstbestimmt, innerlich aber vor allem getrieben aus einer Angst heraus getroffen wird. Und wenn es um einen eigenständigen, selbstbestimmten Umgang mit Sterben geht, warum verweist Exit dann darauf, welche Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Sport Mitglied sind beziehungsweise mit Hilfe der Organisation gestorben sind? Ist dies wesentlich für eine selbstbestimmte Entscheidung?

Den anderen nicht zur Last fallen
Ich habe Menschen kennengelernt, die für sich den assistierten Suizid gewählt haben. Bei manchen hatte ich das Gefühl, dass eher ihre Einsamkeit, oder ein Nicht-zur-Last-fallen-wollen Gründe waren, die sie zu der Entscheidung führten, als deren krankheitsbedingte Situation. Diese Erfahrung berührt mich sehr. Denn sie spiegelt nach meiner Ansicht eine nicht zu unterschätzende Situation in unserer Gesellschaft: die Einsamkeit. Und diese wird mit Ansteigen der Single-Haushalte noch zunehmen.

Hinzu kommt die Werteverschiebung von aussen: Wurden früher die alten Menschen als die Weisen gewürdigt, werden sie in unserer Gesellschaft schon Jahrzehnte lang aufs "Abstellgleis" gestellt. „Jung, sportlich, schön, gesund" wird uns über Werbung und Filme als erstrebenswert immer und immer wieder vermittelt. Unbewusst übernehmen wir diese Werte. Nehmen Sie dann in einem solchen Wertesystem Ihren in sich zusammenfallenden, ausgemergelten Körper an! Akzeptieren Sie die Tatsache, auf Hilfe angewiesen zu sein!

Ich bin der festen Überzeugung, dass unser gesellschaftliches Wegschauen vor Krankheit, Alter, Pflegebedürftigkeit und Sterben etwas damit zu tun hat, dass sich immer mehr Menschen den Ausweg des assistierten Suizids offen halten wollen. Das ist meines Erachtens eine Bankrotterklärung unserer Gesellschaft. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unsere Werte überdenken?

Der Notausgang
Gleichzeitig möchte ich in keiner Weise ausser Acht lassen, dass es Situationen bei schwerkranken Menschen geben kann, die Betroffene an den Rand des Erträglichen führen können. Manche Menschen sehen für sich keinen anderen Ausweg mehr, als durch (assistierten) Suizid aus dem Leben zu gehen. Doch das ist meines Erachtens der Notausgang. Und ich kann mir nicht erklären, dass sich unsere Lebenssituation so sehr verändert hat, dass die Zahl der Menschen die letzten Jahre so angestiegen sein soll. Ich glaube die Zunahme der Todesfälle durch assistierten Suizid hat auch viel mit unserer zunehmenderen Angst vor Schmerz, vor Krisen und vor Unsicherheit, vor dem Unbekannten zu tun. Wir sind gewohnt uns abzusichern, zu regeln, alles in der Hand zu haben. Und dann kommt zum Lebensende etwas auf uns zu, das schwer oder gar nicht zu regeln ist. Das völlig unbekannt ist. Wir suchen nach unseren gewohnten Verhaltensmustern: "Absicherung, Versicherung. - Eine "Sterbeversicherung", die uns den idealen Tod zusichert: ohne Schmerz.

Ein weiterer bedenkenswerter Aspekt ist unser Umgang mit Schmerz. Von klein auf lernen wir den Schmerz in unserem Leben auszublenden, zu übergehen, zu betäuben. Wir nehmen Schmerzmittel, lenken uns ab mit allem Möglichem. Wie dann im Sterben dem Schmerz begegnen? Dem Schmerz, körperliche und geistige Fähigkeiten zu verlieren? Dem Schmerz, das Leben zu verlieren? Dem Schmerz, Freunde und Angehörige zurückzulassen? Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin um die heute angebotene Schmerztherapie mit all ihren interdisziplinären Massnahmen sehr froh. Doch auch hier bedarf es eben nicht nur dem medikamentösen Aspekt.

Die Angst vor dem Vergessen
Ich möchte dazu ein eindrückliches Beispiel geben: Die 30-jährige Ulli (Name geändert; Ulli wollte von uns geduzt werden), seit sechs Jahren an Brustkrebs erkrankt, kam nach zusätzlichen Hirnmetastasen in unser Hospiz. Zunächst noch ziemlich agil, stellten sich nach zwei Monaten starke Schmerzen im ganzen Körper ein. Täglich wurde bei den interdisziplinären Übergaben an Ullis Schmerztherapie „herumgefeilt", um die massive Symptomatik in den Griff zu bekommen. Doch all unser Bemühen, die perfekt ineinander wirkende Schmerzmitteltherapie gekoppelt mit Gesprächsangeboten und weiteren Hilfsangeboten zusammenzustellen, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Ulli hatte weiterhin sehr starke Schmerzen. Ich hatte in dieser Zeit vier Nachtwachen und war in dieser Schicht als einzige Mitarbeiterin im Hospiz Ullis Schmerz direkt ausgeliefert. Stunden um Stunden sass ich bei der jungen Frau, gab ihr alle möglichen verordneten Reservemedikationen, massierte sie auf ihren Wunsch, hörte ihr zu ... Der Schmerz blieb. In der dritten Nacht klagte die 30-jährige: "Ich hab solche Angst. Ich habe solche Angst." Wovor hatte die junge Frau Angst?

Ulli hatte Angst, nach ihrem Tod vergessen zu werden. Auch wenn alle ihr nahestehenden Personen dies verneinten. Im Team haben wir diese Angst in unsere Überlegungen aufgenommen. Keine Angst lösende Tablette war die Lösung. Eine Freiwillige, die Kunsttherapeutin war, brachte die erlösende Idee: Sie bot Ulli an, mit ihr mit Ton kleine Skulpturen mit ihrem Fingerabdruck zu formen und zu brennen. Diese konnte Ulli dann all den Menschen schenken, die ihr wichtig waren. 15 dieser handgefertigten Erinnerungsstücke schenkte Ulli ihren Angehörigen und Freunden mit den Worten: „Damit du mich nicht vergisst." Das Faszinierende war, dass mit diesem Ausdruck ihrer Angst vor dem Vergessen-werden und dem Dagegen-selbst-etwas-tun, die Schmerzen gingen.

Oft haben wir als Begleitende, als Angehörige Angst vor solchen Situationen, fühlen uns masslos überfordert und hilflos. Daher ziehen wir uns in die sichere Welt von Medikamenten und Expertentum zurück. Doch es geht in erster Linie um Begegnung, um Kontakt, um die Möglichkeit, dem Ausdruck geben zu können, was ist. Ich habe die grosse Befürchtung, dass mit der Möglichkeit des assistierten Suizid oft die schnellere, von aussen betrachtet leichtere Umgangsform mit solchen Situationen gewählt und angeboten wird. Doch lassen wir die Menschen ein Stück weit mit ungelösten Dingen auch ganz schön allein. Für wen ist diese Form des Sterbens friedlich?

Die Alten in den Tod drängen?
Schliesslich lässt mich der Aspekt der Ökonomisierung des Sterbens zutiefst erschauern. Bei einer Palliativ-Tagung im Kantonsspital vor drei Jahren wurde in einer Diskussion auch auf die finanziellen Aspekte des Sterbens verwiesen. Die letzten sechs Monate im Leben eines Menschen sind nach Recherchen meist die teuersten für Krankenkassen. Eine Zuhörer aus dem Publikum brachte daraufhin das Statement ein, dass, wenn diese finanzielle Belastung für die Gesellschaft bekannt sei, doch zu überlegen sei, ob man Betroffenen nicht die Möglichkeit eines früheren Sterbens durch aktive Unterstützung nahebringen könnte und sollte. Wo stehen wir, wenn solche Überlegungen gedacht und öffentlich geäussert werden?

Ich komme aus Deutschland. In meinem Land gab es bereits einmal ein System, das für sich die Erlaubnis definierte, festzulegen, was lebenswert ist und was nicht. Ich dachte immer, so etwas würde nie mehr passieren können. Heutige Strömungen von Wertungen über Menschen, Äusserungen wie die gerade genannte lassen mich zweifeln. Allein eine solche unausgesprochene, gesellschaftlich allgemein akzeptierte Haltung kann Menschen dazu führen, sich gedrängt zu fühlen, ihr Leben in diese Weise zu beenden. Ist das dann selbstbestimmt? Das ist für mich mehr als bedenklich!

Abschliessen möchte ich mit einer chinesischen Geschichte: Ein armer Bauer arbeitet Tag für Tag schwer auf seinem Acker. Als er wieder abends geschafft nach Hause kommt und seinen alten Vater auf der Bank sitzen sieht, beschliesst er: „Es ist genug. Er taugt zu nichts mehr und isst nur." Der Bauer holt eine grosse Kiste auf einem Holzkarren, öffnet sie vor dem Vater und fordert ihn auf:" Vater, geh hinein." Der alte Mann klettert in die Kiste. Der Sohn schliesst sie und schiebt den Karren Richtung Klippe. Kurz vor der Klippe klopft der alte Mann gegen den Deckel. "Ja, Vater?", fragt der Sohn. Darauf der Vater: "Sohn, ich weiss, was du vor hast und ich verstehe es. Aber hol mich aus der Kiste und werfe mich so die Klippe hinunter. Deine Kinder werden die Kiste noch brauchen." - 13.5.2016

* Margret Füchsle arbeitet auf der Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase bei der Caritas Luzern.