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Karl Bühlmann

Der Flaneur ist unterwegs (6)

Unanbringlich!

Von Karl Bühlmann

Es ist Sonntagabend, der Bus steht im Stau, wieder einmal. Für Ablenkung sorgen alte gespeicherte Online-Nachrichten auf dem Smartphone. „Schamloser Kuhhandel, diese Kröte muss man schlucken“ erscheint, ein „brandneuer Kandidat“ wird präsentiert, „waschechtes Luzerner Theater“ versprochen. Den Vogel aller Sprachbilder schiessen drei aufeinanderfolgende Sätze im Display ab: Kandidaten „kreuzen die Klingen“, fünf „buhlen um zwei Sitze“, vier lassen sich „auf Herz und Nieren prüfen.“ Es fehlt einzig noch „Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht“. Endlich Bahnhof, Erlösung und Aussteigen.

Der Flaneur steht, wo isch sächsii gsii, vor den gelben Briefeinwürfen im Untergeschoss des Bahnhofs. Zu spät! Die letzte Leerung am frühen Sonntagabend hat schon stattgefunden. Zum Glück gibt’s ganz nah die Post Filiale 6000 Luzern 2 Universität, die sonntags beschränkt geöffnet hat. Oha lätz!  Neuerdings ist Feierabend schon um 17.30 Uhr. Durch die Scheibe sind im Vorraum zwei Briefeinwürfe sichtbar, doch die automatische Türe bleibt geschlossen. „Wegen besonderer Vorkommnisse“, wird der Möchtegernkunde aufgeklärt.  Wo leben wir, in einer Stadt mit 80‘000 Einwohnern? Kein offener Postschalter am Sonntagabend, versperrte gelbe Einwurfkästen, hingegen offene Lebensmittelgeschäfte, Kleiderläden, Alkohol-Shops, Uhren-Boutiquen bis 22 Uhr?

Sehr geehrter Herr Urs Victor Schwaller, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Post: Habe ich die kostenaufwändige letztjährige „Meine Post“-Kampagne missverstanden? „Meine Post öffnet, wann ich will“, lautete damals eine der Botschaften, welche ‚das  europäische Ideenkraftwerk für innovative und effiziente Kommunikationslösungen‘ (Eigenwerbung der Agentur) der Schweizer Kundschaft versprach. „Meine Post ist da, wo ich gerade bin“, lautete der zweite Slogan. Dann folgte noch „Meine Post ist da, wo ich sie gerade brauche“.  

Man sollte es doch wissen: Es gibt laute, lautere und unlautere Werbung sowie solche mit der Werbung von Placebos. Die Werbeagentur gibt’s online freimütig-unfreiwillig zu: „Wir wollen die Welt jeden Tag ein bisschen inspirierter machen. Und die Menschen mit unserer Arbeit unterhalten und unterstützen, aber niemals unterbrechen.“ – Lieber Herr Schwaller, die Unterhaltung ist gelungen. Aber wie steht’s mit der unterbrochenen Glaubwürdigkeit der Post? Mit der verschlossenen Türe vor den Briefeinwürfen in 6000 Luzern Universität?

Kürzlich retournierte mir die Post CH AG, PostMail, Briefzentrum Härkingen,  Lischmatt 40, 4621 Härkingen einen Brief. Unanbringliche Postsendung stand auf dem Beipackzettel. Darauf wurde ich belehrt, künftig die vollständige Absenderadresse anzugeben, damit der Brief nicht geöffnet werden muss, um zurückgesandt werden zu können. Zum Glück war es nicht das Abstimmungscouvert, das den Bestimmungsort nicht erreichte. Dürfte die Post, trotz Stimmgeheimnis, das Couvert öffnen, wenn es wegen besonderer Umstände „unanbringlich“ wäre? 

Unanbringlich! Man muss sich das Wort auf der Zunge zergehen lassen:

Uuuuunaaaaaanbringlich! Das sprachliche Ungeheuer aus dem Post-Betriebswortschatz stammt aus der vordigitalen Zeit der Pöstler mit Tragtasche und Velo. Darum steht ein solcher, von Bildhauer Rolf Brem in Bronze verewigt, zeitlos vor der Postfiliale hinter dem Bahnhof. Unanbringlich – das Wort wird gelebt. Je mehr Filialen schliessen, desto unanbringlicher sind Einschreibebriefe, Expresssendungen, Einzahlungen.  Am unanbringlichsten sind mündliche Anfragen und Reklamationen. Eine lebendige Ansprechperson, eine Kontaktstelle in der Region – Adieu gute alte Zeit mit dem Kreispostdirektor! – kann man glattweg vergessen.  Wer der Post schreibt, erhält vom  Schreibcomputer  „Contact (!) Center Post“ eine Eingangsbestätigung. Tags darauf schreibt der Sachbearbeiter (Danke schön auf diesem Weg!) freundlich-wortwörtlich: “Ich verstehe Ihre Unzufriedenheit sehr gut und bedaure die Umstände. Wir freuen uns, dass Sie sich über die Post CH AG Gedanken machen und schätzen Ihre Inputs sehr. Es würde uns freuen, wenn wir Sie auch weiterhin zu unseren Kunden zählen dürfen und wir bedanken uns noch einmal für Ihr Interesse an der Entwicklung der Post.“

Nochmals einen Tag später wird man zur Teilnahme an einer Kundenumfrage eingeladen. Aha, Partizipation an der Entwicklung! Der Flaneur nimmt die zehn Minuten auf sich und hofft, dass die Antworten nicht – unanbringlich! –  im Orkus der Spams landen.

Erneut das Postscriptum fürs White House in Washington: Ceterum censeo Donaldum T. „Bucinum“ dignitate esse spoliandum.

Höchst wahrscheinlich undeliverable. Oder in schweizerischer Postsprache: uuuunaaaaanbringlich.
19. September 2018

Zur Person
Karl Bühlmann
(1948), aufgewachsen in Emmen. Historiker und Publizist, tätig in der Kultur und Kunstvermittlung, Mitglied/Geschäftsführer von Kulturstiftungen. Autor von Büchern zur Zeitgeschichte und von Publikationen über Schweizer Künstler/innen. Redaktor der ‚Luzerner Neuesten Nachrichten‘, 1989-1995 deren Chefredaktor. Wohnhaft in Luzern und Maggia/TI.