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Unterschied zwischen Kompliment und Anmache

Von Cécile Bühlmann

Wow hast du schöne blaue Augen! Dieses Kompliment habe ich in meinem Leben als Vorgesetzte zweimal gemacht, einmal einer Frau, einmal einem Mann. Beide haben auffallend schöne grosse blaue Augen, das fiel bestimmt allen auf, die einem dieser Beiden je begegnet sind. Insofern war es sicher nicht das erste Mal, dass sie jemand darauf ansprach und sie schienen sich zu freuen.

Das war noch vor der MeToo-Debatte.  Es kam mir wieder in den Sinn, als ich die Kommentare von Männern zu Gesicht bekam, dass sie nicht mehr wüssten, ob man einer Frau überhaupt noch ein Kompliment machen dürfe oder nicht. Einen ganz kleinen Moment lang dachte ich, ob ich beim Kompliment an den jungen Mann vielleicht auch eine Grenze überschritten hatte. Aber ich verwarf den Gedanken rasch wieder und sagte mir: ich würde es genauso wieder tun! Ich bin ein Augenmensch, schöne Dinge gefallen mir. Und zudem bin ich relativ spontan und sage immer mal wieder, wenn mir etwas gefällt, eine Brille, ein Haarschnitt, ein Outfit oder eben die Farbe von Augen! Da ist kein Hauch von Anmache oder Zweideutigkeit dran, Adressaten meiner spontanen Rückmeldungen sind Frauen und Männer.

Was ist also von Aussagen von Männern zu halten, die verunsichert durch die MeToo-Debatte sagen, sie wüssten nicht mehr, wie sie sich Frauen gegenüber verhalten sollen? Nicht viel! Wer nicht merkt, ob ein Kompliment oder ein Flirt bei der gemeinten Person Freude oder Ärger erzeugt, ist entweder ein Macho oder ein unsensibler Egoist. Menschen mit Empathie können sich doch in die Haut des Gegenübers einfühlen und merken, ob das Gesagte ankommt oder peinlich berührt.

Mir kommt der Verdacht, diese Männer benutzen dieses Argument nur, um die MeToo-Debatte ins Lächerliche zu ziehen. Statt den Zeugnissen der Frauen zuzuhören und zu akzeptieren, dass sich diese durch männliche Anmache bedrängt und in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, drehen sie den Spiess um und geben sich als die armen Opfer der ach so zickigen Frauen. Nichts verstanden, nichts begriffen! Da nützt auch die „Schützenhilfe“ von Cathérine Deneuve wenig, ist doch gerade Frankreich berühmt berüchtigt für seine Kultur der Übergriffigkeit, die gern als französische Erotik beschönigt wird. Das prominenteste Beispiel ist Dominique Strauss-Kahn. Und der wäre bei einem Haar französischer Präsident geworden! Nur der unerschrockenen Gegenwehr der amerikanischen Hotelangestellten, über die er hergefallen ist, ist es zu verdanken, dass ans Tageslicht geriet, wie unsäglich daneben sich DSK Frauen gegenüber benahm.

Übrigens hatte ich beiden eingangs erwähnten Personen selbstverständlich auch für Leistungen gedankt, die sie im Rahmen der Organisation, für die wir tätig waren, erbracht hatten. Ich habe also weder den Mann noch die Frau auf ihr Aussehen oder ihre Augenfarbe reduziert, sondern ihnen auch für ihre Arbeit Wertschätzung gezeigt. Da liegt ein Schlüssel für die Empörung vieler Frauen: sie wollen als ganze Person ernstgenommen und nicht auf ihr Aussehen reduziert werden. In einem solchen Verhältnis liegt selbstverständlich auch ein Kompliment drin. Mehr noch, es macht sicher Freude! Und für Flirt und Erotik gilt, wenn beide sich darauf einlassen, ist gegen dieses schöne Spiel zwischen den Geschlechtern nichts einzuwenden! Das klarzumachen ist Sinn und Zweck der MeToo-Debatte! Ist denn das so schwierig! 
23. Januar 2018

Zur Person
Cécile Bühlmann, geboren und aufgewachsen in Sempach, war zuerst als Lehrerin, dann als Beauftragte und als Dozentin für Interkulturelle Pädagogik beim Luzerner Bildungsdepartement und an der Pädagogischen Hochschule Luzern tätig. Von 1991 bis 2005 war sie Nationalrätin der Grünen, 12 Jahre davon Präsidentin der Grünen Fraktion. Von 2005 bis 2013 leitete sie den cfd, eine feministische Friedensorganisation, die sich für Frauenrechte und für das Empowerment von Frauen stark macht. Seit 2006 ist sie Stiftungsratspräsidentin von Greenpeace Schweiz und Vizepräsidentin der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS. Seit anfangs 2014 ist sie pensioniert und lebt in Luzern.